Bildungkrise im globalen Süden

Eine zweite Chance für Kinder ohne Schulbildung

Schulschließungen, ungleicher Zugang zu digitalen Tools und mangelnde Qualität im Bildungsapparat – in den vergangenen zwei Jahren wurde die globale Bildungskrise spürbarer als je zuvor. Hier erklären die Bildungsexpertinnen Caitlin Baron und Erin Ganju, warum trotzdem Anlass zur Hoffnung besteht – und was Europa von Schulprojekten im globalen Süden lernen kann.

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Anna Rinderspacher
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Luminos Fund/Anita Back

Während der Pandemie waren Schulen auf der ganzen Welt über viele Monate geschlossen. Welche Spuren hat das global im Bildungssektor hinterlassen?

Caitlin Baron: In Afrika und Südostasien, wo Erin und ich hauptsächlich arbeiten, bedeuten geschlossene Schulen buchstäblich das Aus für jegliche Form von Bildung. Wir wissen, dass eines von drei Kindern während der Pandemie keine Form von Bildung erhalten hat, kein Buch, kein Arbeitsblatt, keine WhatsApp-Gruppe, kein Radio-Programm – nichts!

Erin Ganju: Die Notlage ist auch noch nicht vorbei: Selbst im Frühsommer 2022 gehen mindestens 350 Millionen Kinder, die vor Corona an fünf Tagen in der Woche Unterricht hatten, nur zeitweise in die Schule. Hinzu kommt die „Krise in der Krise“, wie wir es nennen: Die Qualität der Bildung wies schon vor der Pandemie gravierende Mängel auf. Weltweit können 40 Prozent der Kinder, die regelmäßig in die Schule gehen, am Ende der dritten Klasse nicht lesen, schreiben oder rechnen.

Caitlin Baron

Die Politikwissenschaftlerin ist Gründerin und Geschäftsführerin des Luminos Fund. Die  Organisation setzt sich dafür ein, den am stärksten gefährdeten Kindern der Welt mit beschleunigten Lernprogrammen eine zweite Bildungschance zu geben.

Welche Schwächen im Bildungsbereich hat die Pandemie zu Tage befördert?

Ganju: Durch die Schulschließungen hat sich die Anzahl der Kinder erhöht, die von Depressionen, geschlechtsspezifischer Gewalt, Kinderheirat und Teenagerschwangerschaften betroffen sind. Schulen sind viel mehr als Orte, an denen Kinder lernen: Da gibt es ein Mittagessen, da entstehen Verbindungen zu anderen Menschen aus der Gemeinschaft, außerhalb des eigenen Zuhauses. Da sind Menschen, die helfen können. Wenn Kinder zur Schule gehen, ist das wie eine schützende Kraft in ihrem Leben. Es geht also nicht nur darum, auf den Lernfortschritt der Kinder zu achten, sondern eben auch auf ihr Wohlergehen im Allgemeinen. Wir wissen aus einem Bericht der Weltbank, dass die während der Pandemie aufgebauten Lerndefizite langfristige Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Lebenschancen der Kinder haben werden.

Der Luminos Fund hat sich darauf spezialisiert, Schüler:innen in Subsahara Afrika und im Nahen Osten beim Aufholen von Lernstoff zu unterstützen. Ist so ein Ansatz nun wichtiger denn je?

Baron: Die Familien, die der Luminos Fund unterstützt, sind sogenannte „Erste Generation Leser:innen“, also Kinder, in deren Familie noch niemand lesen oder schreiben kann. Wenn die Schule schließt, bekommen diese Kinder überhaupt keine Hilfe beim Lesenlernen. Dabei ist das Lesen das Schlüssel-Bildungsereignis für jegliche Form von Bildung, die darauf folgt.

Ganju: Absolut. Die „Krise in der Krise“ trifft Kinder, die viel aufholen müssen, besonders hart. Hier kommt das beschleunigte Bildungsmodell von Luminos ins Spiel: In den Klassen dieses Programms holen Schüler:innen in einem intensiven, kindzentrierten Unterricht den Schulstoff von zwei bis drei Jahren nach und bereiten sich auf ihre weitere Schul- und Ausbildung in den Regelschulen vor.

Erin Ganju

Die Geschäftsführerin von Echidna Giving, einem der größten privaten Geldgeber für die Bildung von Mädchen in Ländern mit niedrigem Einkommen, ist Fellow der Robert Bosch Academy.

Sie haben sich in Berlin auf Einladung der Robert Bosch Stiftung mit Expert:innen von Stiftungen, Hilfsorganisationen und Regierungen über die globale Bildungskrise ausgetauscht. Wie arbeiten diese unterschiedlichen Akteure zusammen?

Baron: Es ist wahnsinnig spannend zu erleben, was passiert, wenn man zwei für die internationale Bildung so wichtige Gruppen zusammenzubringt: Stiftungen und bilaterale Hilfsorganisationen. Riesige Mengen von Geld fließen über die staatlichen Hilfsorganisationen ins Land, während parallel eine Vielfalt von kleinen, innovativen Projekten von Stiftungen laufen. Viel zu oft gibt es keine Koordination und Kollaboration zwischen beiden Gruppen.

Ganju: Ich denke, Stiftungen und bilaterale Hilfsorganisationen ergänzen einander. Wir sind Teil des gleichen Ökosystems. Je mehr wir uns für gemeinsame Ziele zusammenschließen, desto besser.

Baron: Stiftungen können tolle, innovative Ideen vorantreiben und Bewegung in die Bildung bringen, aber im Vergleich zu den Beträgen, die Regierungen in Afrika oder Südostasien in ihre eigenen Länder investieren können, bleiben sie Zwerge. Das Symposium in Berlin zeigte das große gegenseitige Interesse zwischen Stiftungen auf der einen und bilateralen Gebern auf der anderen Seite.

Catlin Baron (l.) und Erin Ganju im beim Berlin Global Education Funders Forum Mai 2022

Caitlin Baron (l.) und Erin Ganju im Gespräch beim Berlin Global Education Funders Forum am 10. Mai 2022

Was können wir in Europa von der Arbeit des Luminos Fund lernen?

Baron: Ich denke, unser Ansatz der Lernteams wäre überall sinnvoll. Lehrer können die Aufgabe nicht allein stemmen. Luminos arbeitet mit Eltern und Mitgliedern aus der Gemeinde zusammen. Das mag in Äthiopien ein bisschen anders aussehen als in Deutschland, aber es geht uns darum, dass jeder mit anpackt! Und noch eine Lektion, die ich gelernt habe: Es ist möglich, den Rückstand aufzuholen, aber Stress hilft uns dabei nicht weiter. Wir erleben, dass Kinder den Stoff von drei Jahren in einem Jahr aufholen können, wenn sie dies in einer spielerischen Umgebung voller Fürsorge und Liebe tun können.

Ganju: Wichtig sind der Fokus auf die Aus- und Weiterbildung der schulischen Mitarbeiter sowie der Ausbau der Kapazitäten. Manche Lehrkräfte haben seit zwanzig Jahren keine professionelle Schulung erhalten. Dabei lernen wir ständig Dinge über das Lernen hinzu. Außerdem müssen wir die Lernfortschritte der Kinder fortlaufend messen. Nur so wissen wir, ob es funktioniert.

Wie wichtig ist das Thema Digitalisierung im Bildungsbereich?

Baron: Die Lehrkraft und ihre Beziehung zu den Schüler:innen stehen für die Kinder im Zentrum ihres Lernprozesses. Digitales Lernen kann diesen Prozess bereichern, aber niemals ersetzen.

Ganju: Die Pandemie hat gezeigt, dass der Zugang zu Technologie für
viele Kinder, die in Niedriglohnländern leben, eine hart umkämpfte Ressource ist. In Indien haben die Mädchen dabei den Kürzeren gezogen. Jungs hatten oft Vorrang. Insofern kann digitales Lernen niemals ein Ersatz sein für unsere Forderung nach einem gleichberechtigten Zugang zu Bildung für alle Kinder.

Zahlen und Fakten

  • Der Weltbank zufolge sind 70 Prozent der 10-Jährigen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen nicht in der Lage, einfache geschriebene Texte zu verstehen.
  • 59 Millionen Kinder im Grundschulalter gingen bereits vor der Pandemie nicht zur Schule, darunter jedes fünfte Kind in Subsahara-Afrika.
  • Lese- und Schreibfähigkeit ist ein genderspezifisches Thema. Der wichtigste Faktor, der darüber entscheidet, ob ein Kind mit oder ohne Lese- und Schreibfähigkeit aufwächst, ist die Frage, ob seine Mutter lesen und schreiben kann.
  • Mehr als 1 Milliarde Kinder waren während der Pandemie von Schulschließungen betroffen.
  • 1 von 3 Kindern hat während der Pandemie überhaupt keine Form von Bildung erhalten: keine Bücher, keine Arbeitsblätter, keine WhatsApp-Gruppe, kein Radio-Programm.
  • Als Folge der Pandemie gehen weltweit noch immer über 350 Millionen Kinder, die vor der Pandemie an fünf Tagen der Woche zur Schule gegangen sind, nur teilweise zur Schule.

In den Sustainable Development Goals und der Agenda 2030 der Vereinten Nationen spielt Bildung eine zentrale Rolle. Was können wir international im Bildungsbereich in den verbleibenden acht Jahren der „Decade to Act“ erreichen?

Ganju: Nur indem wir die Bildung fördern, können wir erwarten, dass Menschen in ihrem lokalen Umfeld auf kluge Lösungen kommen. Deswegen ist Bildung eine so dringende Angelegenheit für die Welt – auch im Kampf gegen Klimawandel und Ungleichheit.  

Baron: Wir haben schon einmal innerhalb von zehn Jahren Großes erreicht. Eines der acht Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen für das Jahr 2015 war die Grundschulbildung für jedes Kind dieser Erde. Daraufhin haben wir es innerhalb von zehn Jahren geschafft, die Zahl der Kinder, die keine Grundschule besuchten, um 40 Prozent zu reduzieren.

Ganju: Unser Ziel ist jetzt, dass alle Kinder eine qualitativ hochwertige Bildung bekommen – von der ersten bis zur zwölften Klasse. Es ist ein ehrgeiziges Ziel, aber die gute Nachricht ist: Wir müssen nichts Neues erfinden, keinen neuen Impfstoff oder ähnliches. Im Gegenteil, wir wissen genau, wie Kinder am besten lernen. Was fehlt, ist ein stärkerer politischer Wille, das Thema wirklich anzugehen. Wir brauchen mehr Fokus, mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit und mehr Ressourcen für das Thema Bildung. Und wir wissen aus Erfahrung: Es ist machbar. Wir müssen nur wollen!

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Der Luminos Fund

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Die Organisation ermöglicht Kindern in Afrika und Nahost den nachträglichen Schuleintritt und erfolgreiches Lernen. Dabei unterstützt der Luminos Fund Regierungen und Behörden beim Aufbau eines Systems zur Späteinschulung von „Out-of-School Children“, um die am stärksten marginalisierten Bevölkerungsgruppen zu erreichen. In den Klassen des „Second-Chance“-Programms holen Schüler:innen in einem intensiven, kindzentrierten Unterricht den Schulstoff von zwei bis drei Jahren nach und bereiten sich auf ihre weitere Schul- und Ausbildung in den Regelschulen vor. Die Robert Bosch Stiftung unterstützt den Luminos Fund.

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