Aufwertung der Pflege

Alle zusammen für die Patient:innen

Seit der Corona-Pandemie debattiert Deutschland verstärkt über die Arbeitsbedingungen im Pflegebereich. Das Projekt „360° Pflege“ der Robert Bosch Stiftung zeigt, wie durch die Zusammenarbeit unterschiedlich qualifizierter Pflegefachleute die Versorgung der Patient:innen verbessert wird. Zu Besuch in der Atemnotambulanz in Stuttgart. 

Text
Anna Rinderspacher
Bilder
Marek Vogel

Beklemmend, belastend, beängstigend: Wie es sich anfühlt, wenn man nicht richtig Luft bekommt, kann man zwar in Worte fassen, aber kaum verstehen, wenn man es nie selbst erlebt hat. Für Menschen mit chronischem Lungenleiden gehören Unwohlsein, Angst, ja, Panik, zum Alltag. Und nicht immer ist es ihnen möglich, sofort mit Medikamenten gegenzusteuern oder ärztliche Hilfe aufzusuchen. „Es gibt verschiedene Körperpositionen wie den Kutschersitz, die das Atmen akut erleichtern“, erklärt Hannah Buß. Dabei setzt man sich auf einen Stuhl, lehnt sich nach vorne und legt die Ellbogen auf die Knie – durch die Dehnung des Brustkorbs wird die Atemfläche vergrößert und die Beschwerden werden gelindert.  

Seit Oktober 2020 verantwortet die 24-jährige Hannah Buß die Atemnotambulanz des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart, als Teamleitung für Pflegeprozesssicherung. In dieser Rolle führt sie unter anderem Schulungsgespräche mit Atemnotpatient:innen durch, die oft an Lungenkrebs erkrankt sind. Das Konzept dafür hat sie im Rahmen ihrer Bachelorarbeit selbst verfasst. Auf diese Art und Weise werden in der Stuttgarter Spezialambulanz neueste pflegewissenschaftliche Erkenntnisse und zugewandte, kompetente Pflege kombiniert. Im Rahmen des von der Robert Bosch Stiftung geförderten Projekts „360° Pflege“ hat das Stuttgarter Krankenhaus 19 derartige Stellen für akademisch qualifizierte Pflegende geschaffen.

Infobox

Das steckt hinter „360° Pflege“

Mehr über das Projekt

Das Förderprojekt „360° Pflege – Qualifikationsmix für Patient:innen – in der Praxis“ der Robert Bosch Stiftung hat zwischen 2019 und 2021 untersucht, wie durch vielfältige Kompetenzen in den Pflegeteams die Versorgung bedarfsgerechter ausgerichtet wird – und damit einen konkreten Mehrwert für die Patient:innen leistet. Dabei wurden sieben Leuchtturmprojekte in ganz Deutschland unterstützt und aufgebaut. 

Mehr über das Projekt

Die Atemnotambulanz in Stuttgart ist erst die zweite derartige Einrichtung in Deutschland. „Unser Ziel war es, verschiedene hochschulische Qualifikationen in intraprofessionellen Teams zu bündeln“, erzählt die Pflegewissenschaftlerin Eva-Verena Lindenau vom Robert-Bosch-Krankenhaus. Denn im 21. Jahrhundert wird der Versorgungsbedarf der Patient:innen immer komplexer: Viele kommen mit Mehrfacherkrankungen ins Krankenhaus, sodass eine langfristige Stabilisierung des Zustands nur dann gewährleistet werden kann, wenn sie durch persönliche Beratung auch für die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt vorbereitet und befähigt werden. „Ein Lungenkrebs-Patient, der zusätzlich eine Nierenerkrankung oder Diabetes hat, braucht nicht nur Informationen zu den einzelnen Krankheitsbildern und deren Symptomen, sondern auch praktische Tipps – zum Beispiel im Ernährungsbereich“, sagt Lindenau. „Darauf wird im Gesundheitsbetrieb aber bislang noch nicht ausreichend geachtet.“

Diese Erfahrung hat auch Hannah Buß gemacht, ehe sie die Leitung der Atemnotambulanz übernahm: „Viele Patient:innen werden wegen Atemnot in eine Notaufnahme eingeliefert, wo sie Sauerstoff verschrieben bekommen und bald wieder entlassen werden“, sagt sie. Nur selten bekommen sie Hinweise, wie sie eine akute Atemnot zu Hause selbst besser in den Griff bekommen können. Im Hochdruckalltag des Krankenhausbetriebs fehlt es dazu häufig an Zeit und Ressourcen. Dabei könnten Übungen wie der Kutschersitz eine erneute Einweisung verhindern und das Autonomiegefühl der Patient:innen stärken. 

Die Kompetenz der Vielfalt

Eine exzellente und nachhaltige Patient:innenversorgung, so die Erkenntnis des Projekts „360° Pflege“, kann nur gelingen, wenn ein Pflegeteam unterschiedliche Kompetenzen vereint: von Mitarbeitenden mit einer einjährigen Ausbildung bis hin zu akademisch qualifizierten Pflegenden. Eines ist aber klar: Alle Pflegenden leisten einen entscheidenden Beitrag für die Versorgung und das Wohl der Patient:innen. Immerhin wird im Zuge der Corona-Pandemie nun verstärkt über die Anerkennung  in der Pflege diskutiert. Ein erster Schritt. 

Hannah Buß

Hannah Buß verantwortet die Atemnotambulanz des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart, als Teamleitung für Pflegeprozesssicherung.

In den USA ist der Beruf der sogenannten Advanced Practice Registered Nurse bereits weit verbreitet, den man durch eine mehrjährige Erfahrung in der direkten Patient:innenversorgung und einen Masterstudiengang erwirbt. Auch in Deutschland empfiehlt der Wissenschaftsrat langfristig eine Akademisierungsrate von rund 20 Prozent in der Pflege. Und das hat Gründe: „Pflegefachpersonen mit akademischem Hintergrund reflektieren Prozesse in der Patient:innenversorgung aus der wissenschaftlichen Perspektive und stellen sicher, dass sämtliche Pflegemaßnahmen dem aktuellen Forschungsstand entsprechen“, sagt Eva-Verena Lindenau. Auch durch das Projekt „360° Pflege“ wurde im Robert-Bosch-Krankenhaus die Akademisierungsrate in der direkten pflegerischen Patient:innenversorgung auf sechs Prozent gesteigert. Und es ist nur der erste Schritt.

Hilfe zur Selbsthilfe

Dass vor allem die Patient:innen immens von den Veränderungen in der Pflege profitieren, hat Hannah Buß im Rahmen ihrer Arbeit schon oft erlebt. Vor allem wüssten sie zu schätzen, dass sich jemand Zeit für ihre individuellen Bedürfnisse nimmt. Erst vor Kurzem, erzählt Buß, sei ein Mann Mitte 60 aus der Notaufnahme an ihre Ambulanz übermittelt worden, der zum ersten Mal eine Atemnotattacke erlebt hatte. „Er war völlig verängstigt“, erinnert sich Buß. „Ich habe gut zwei Stunden mit ihm gesprochen, über seine Erkrankung und darüber, was er selbst machen kann, um die Beschwerden zu lindern.“ Danach sprach Buß auch noch mit seiner Frau, weil die Angehörigen einen wichtigen Beitrag für ein gelingendes Selbstmanagement der Patient:innen leisten. In der Notaufnahme oder auf der Normalstation sind solche intensiven Beratungsgespräche meist nicht möglich. Bevor der Patient nach Hause entlassen wurde, bat er Hannah Buß noch einmal zu sich aufs Zimmer, um sich zu bedanken. „Für ihn war die Erkenntnis wichtig, dass er selbst dieses Problem bewältigen kann“, erzählt Buß. „Er hat dann gesagt, dass er stärker sein will als seine Atemnot. Das ist für mich natürlich ein schönes Feedback.“ 

Weitere Artikel aus dem Dossier zum Bosch Health Campus
Dr. Schönthaler, Prof. Dr. Alscher, Dr. Straub
Zukunft des Gesundheitssystems

„Wir stellen den Menschen in den Mittelpunkt“

Welches Gesundheitssystem brauchen wir, um möglichst viele Menschen gut zu versorgen? Das Führungsteam des Bosch Health Campus diskutiert.
Tumoruntersuchung am IKP
Translation

Geschwindigkeit rettet Leben

Oft dauert es Jahre, bis Patient:innen von medizinischer Forschung profitieren. Wie bessere Translation hilft, kann man auf dem Bosch Health Campus beobachten. 
Digitalisierung im Robert-Bosch-Krankenhaus
Gastbeitrag

„Es droht die Teslaisierung der Medizin in Deutschland“

Der Charité-Vorstandsvorsitzende Heyo Kroemer erklärt, wie der Weg ins Zeitalter von Big Data und KI gelingt.
Eine Collage aus verschiedenen Fotos
Medizinischer Fortschritt

Von damals bis heute

Die Gesundheit zu fördern – das ist seit jeher eine unserer Kernmissionen: eine Zeitreise in Bildern.