Zukunftsfähiges Gesundheitswesen

Es braucht mehr akademisch qualifizierte Fachkräfte in Gesundheitsberufen

In Gesundheitsberufen sollte es eine Akademisierungsquote von 10 bis 20 Prozent geben - das forderte der Wissenschaftsrat vor zehn Jahren. Was sich seither getan hat, untersucht die "HQGplus"-Studie des Wissenschaftsrats. Professorin Friederike zu Sayn-Wittgenstein, Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Hochschulische Qualifikationen für das Gesundheitssystem“, gibt Einblicke.

Interview
Alexandra Wolters
Bilder
Lena Giovanazzi, Hochschule Osnabrück

Um die Aussagen der HQGplus-Studie zu verstehen, hilft zunächst ein Blick auf die Hintergründe. Warum beschäftigt sich der Wissenschaftsrat mit den Gesundheitsfachberufen?

Prof. Friederike zu Sayn-Wittgenstein: Um die Gesundheitsversorgung aller Menschen in Zukunft sicherzustellen, brauchen wir nicht nur mehr Fachkräfte in den patientennahen Gesundheitsberufen, also zum Beispiel in der Pflege und der Therapie. Wir benötigen auch akademisch qualifiziertes Fachpersonal. Denn es wird in den kommenden Jahren nicht nur mehr ältere Menschen geben, sie werden auch immer komplexere Krankheitsbilder, chronischen Leiden und Pflegebedarf haben. Zudem gibt es eine Ambulantisierung, eine Verlagerung von Therapie und Diagnostik in den ambulanten Sektor. Um in Zukunft alle Patient:innen so gut wie möglich – auch in neuen Versorgungsformen – betreuen und begleiten zu können, brauchen wir in unserem Gesundheitssystem zusätzlich hochschulisch qualifizierte Fachkräfte mit dem entsprechenden Wissen, den Kompetenzen und dem Rüstzeug.

Akademisch qualifizierte Fachkräfte können in der Versorgung erweiterte Aufgaben übernehmen, zum Beispiel komplexe Pflegeprozesse planen und steuern. Das hat der Wissenschaftsrat 2012 bereits festgehalten und eine Erhöhung der Akademisierungsquote in den Gesundheitsfachberufen empfohlen sowie den Ausbau entsprechender Studienangebote. Da die amtliche Statistik dazu wenig aussagekräftige Zahlen liefert – ihre Klassifizierung im Gesundheitsbereich ist dafür einfach zu grob – hat der Wissenschaftsrat die HQGplus-Studie angestoßen.

Zur Person

Friederike zu Sayn-Wittgenstein

ist Professorin für Pflege- und Hebammenwissenschaften an der Hochschule Osnabrück. Von 2015 bis 2021 war sie Mitglied im Wissenschaftsrat. Als Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Hochschulische Qualifikationen für das Gesundheitssystem - Nachverfolgung“ hat sie die aktuelle HQGplus-Studie mit erarbeitet.

Was sind die Kernergebnisse der Studie?

Im Zentrum unserer Studie stand die Frage, welche Studienangebote sich für Hebammen, Pflege- und Therapieberufe mit Verantwortlichkeiten und unmittelbaren Tätigkeiten an Patient:innen formiert haben. Daher haben wir für unsere Studie 78 Hochschulstandorte ganz konkret zu ihren Angeboten im Bereich der Pflegewissenschaft, der Therapiewissenschaften (aufgeteilt in Ergo- und Physiotherapie sowie Logopädie) und Hebammenwissenschaft befragt. Die Hochschulen haben uns insgesamt 180 Studiengänge genannt, davon 160 auf Bachelorebene.

Als Hauptbotschaft der Studie lässt sich daraus ableiten: Wir haben eine Entwicklung der Studienangebote insbesondere auf Bachelorebene, aber kommen nur auf einen geringen Anteil an patientennahen Studiengängen auf Masterniveau. Und gerade diese vertiefenden Studiengänge sind wichtig, um sowohl Lösungen für die Versorgung zu entwickeln als auch attraktive Karrieremöglichkeiten in der klinischen Praxis zu schaffen.

Sie haben es bereits angesprochen: Der Wissenschaftsrat hat schon 2012 eine Erhöhung der Akademisierungsquote im Bereich der Gesundheitsfachberufe empfohlen. Was hat sich hier getan?

Empfohlen wurde 2012 vor allem ein Ausbau an primärqualifizierenden Studiengängen, also an Angeboten, bei denen man über das Studium den Zugang zu dem Beruf erlangt. Das hat auch stattgefunden. Allerdings ist die Anzahl von ausbildungsintegrierenden und ausbildungsbegleitenden Studiengängen immer noch höher als die der primärqualifizierenden Studiengänge. Die Entwicklung in den fünf betrachteten Fächern (Pflegewissenschaft, Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Hebammenwissenschaft) ist dabei von sehr unterschiedlicher Dynamik gekennzeichnet. Die Spanne der Akademisierungsquoten der einzelnen Fachbereiche reichte im Jahr 2019 zusammengefasst für alle Bachelorstudienformate von 3,2 Prozent im Bereich der Pflegewissenschaft bis zu 53,2 Prozent für die Hebammenwissenschaft. Die Zahlen liegen – bis für den Bereich der Hebammenwissenschaft – weit hinter der 2012 geforderten Quote von 10 oder 20 Prozent zurück. 

Warum läuft diese Entwicklung so schleppend?

Zum einen wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen für primärqualifizierende Studiengänge in patientennahen Gesundheitsfachberufen erst 2020 mit der Verabschiedung des Pflegeberufegesetzes und des Hebammengesetzes geschaffen. Unsere Befragungen liefen von 2017 bis 2019, da fehlte es den Hochschulen noch an ausreichender Planungssicherheit.

Zum anderen verlangt der Ausbau an primärqualifizierenden Studienangeboten auch eine andere strukturelle Ausrichtung der Hochschulen. Sie müssen den theoretischen und berufspraktischen Teil des Studiums didaktisch und curricular verbinden und eng mit kooperierenden Einrichtungen aus der Praxis zusammenarbeiten. Die Hochschulen müssen personell gut besetzt sein – und die Studierenden brauchen eine Praxisvergütung. Sonst bleibt der hochschulische Weg im Vergleich mit der kürzeren und zum Teil bezahlten berufsschulischen Pflegeausbildung unattraktiv. Zumal beide Gruppen am Ende in den gleichen Berufen landen, da es in der Regel noch an entsprechenden Aufgabenprofilen für Hochschulabsolvent:innen fehlt. 

Die HQGplus-Studie zeigt, dass die überwiegende Mehrheit der hochschulisch qualifizierten Angehörigen der Gesundheitsfachberufe unmittelbar nach ihrem Abschluss eine Berufstätigkeit in der patientennahen Gesundheitsversorgungen aufnimmt. In der Versorgungspraxis sind sie aber in der Minderheit. Der Anteil von hochschulisch qualifizierten Gesundheitsfachkräften in der Versorgung liegt geschätzt bei einem Prozent.

Welche Rolle spielen Projekte wie das Förderprogramm der Robert Bosch Stiftung „360° Pflege - Qualifikationsmix für Patient:innen - in der Praxis“ bei der Entwicklung der Gesundheitsfachberufe?

Das Programm zeigt, dass ein Team aus unterschiedlich qualifizierten Angehörigen der Gesundheitsfachberufe eine andere pflegerische Versorgung leisten kann. Um den Anteil an akademisch qualifizierten Pflegenden zu erhöhen, braucht es entsprechende Kompetenzprofile in der Praxis. So wie sie auch im Rahmen des Förderprogramms entwickelt und implementiert wurden. Wir müssen mit Qualifikationsmöglichkeiten an den Hochschulen sowie entsprechenden Aufgaben und Handlungsspielräumen in der beruflichen Praxis endlich Perspektiven für junge Menschen entwickeln, die in den Gesundheitsfachberufen arbeiten und verbleiben möchten. 

Über die Studie

Zum Download

Die Studie „Hochschulische Qualifikationen für das Gesundheitssystem – Update“ (HQGplus-Studie) fasst erstmals die Situation von hochschulisch qualifizierten Gesundheitsfachpersonen in Deutschland quantitativ und qualitativ zusammen. Sie zeigt auf, wie sich die Studienangebote für Hebammen, Pflege- und Therapieberufe entwickelt haben und beleuchtet den Berufseinstieg hochschulisch qualifizierter Gesundheitsfachkräfte in die Versorgungspraxis. Die Robert Bosch Stiftung engagiert sich mit verschiedenen Projekten und Förderprogrammen wie „360° Qualifikationsmix - für Patient:innen - in der Praxis“ für eine Stärkung hochschulischer Qualifizierungswege für Gesundheitsfachkräfte und hat die Erarbeitung der "HQGplus"-Studie unterstützt. 

Zum Download
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