„Wir vertreten keine politischen Positionen, sondern die Menschen“

Der indische Journalist Chaitanya Marpakwar war als Medienbotschafter in Deutschland unterwegs und beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, wie gegen Fake News vorgegangen werden kann und wie der Journalismus seinen Lesern wieder näherkommt.

Eva Wolfangel | August 2018
Sabine Braun

Der Medienbotschafter Chaitanya Marpakwar sieht sich als Veränderer und glaubt an die Macht des Lokaljournalismus.

Chaitanya Marpakwar war gerade in Deutschland angekommen, als ihn seine Heimat prompt wieder einholte. Eigentlich hatte der junge indische Journalist den Plan, sich im Rahmen seines Medienbotschafter-Stipendiums mit Fake News in Deutschland zu beschäftigen und der Frage, wie die Deutschen und die hiesigen Medien mit dem Thema umgehen. Doch dann wurden in Assam zwei Männer brutal ermordet, „einfach aufgrund eines falschen Gerüchts auf WhatsApp.“ Die beiden Männer, so hatte es auf WhatsApp geheißen, seien Kindesentführer. Ihr schwarzer Van wurde genau beschrieben, und das Gerücht verbreitete sich in Windeseile. Als sie schließlich in einem Dorf ankamen, zögerten die aufgebrachten Dorfbewohner nicht lange und ermordeten sie. „Whatsapp ist wirklich brandgefährlich“, sagt  Marpakwar. Indien gehört weltweit zu einem der größten Märkte für Soziale Medien und besonders im ländlichen Indien sei der Dienst meist der erste Berührungspunkt der Menschen mit dem Internet, weit vor Facebook und Twitter - „sie wissen nicht, wie man verifiziert.“ Sie glauben arglos jedes Gerücht, schließlich sind es doch „News“.

Themen aufdecken und in Frage stellen

Über den Vorfall in Assam und die Rolle WhatsApps hat  Marpakwar schließlich einen Artikel für die Stuttgarter Zeitung geschrieben, seine deutsche Gastredaktion. Während seine Mitstipendiaten in die großen deutschen Magazine streben, hat er bewusst nach einer Lokalzeitung gesucht – die der Partnerstadt von Mumbai. „Ich glaube an die Macht des Lokaljournalismus“, sagt der 29-jährige Reporter des „Mumbai Mirror“. Schließlich könne man hier am meisten verändern. Doch mit dieser Ansicht stößt er in Deutschland immer wieder auf Verwunderung. „Hier wird zu viel berichtet, was ist“, sagt er. Themen aufzudecken, das kommt ihm hierzulande zu kurz.

Sabine Braun

Chaitanya Marpakwar übt Kritik am deutschen Journalismus und der Berichterstattung: „Wir haben einen viel konfrontativeren Ansatz als der deutsche Journalismus.“

Weniger zuschauen, mehr eingreifen

„Beim Journalismus geht es nicht um Zuhören, sondern darum, Fragen zu stellen“, sagt er – und die Kritik an der deutschen Praxis, häufig die Verlautbarungen von Politikern wieder zu geben oder von Pressekonferenzen zu berichten, wird deutlich. „Wir haben einen viel konfrontativeren Ansatz als der deutsche Journalismus“, sagt Marpakwar. Im Gegensatz dazu berichte er eher das, was die Politiker lieber verbergen wollen. „Wenn ein Unfall geschieht und ein Politiker kommt an die Unfallstelle, dann lasse ich ihn erst gehen, wenn er meine Fragen beantwortet hat.“ Ist der deutsche Journalismus zu zahm? Ein Grund sei sicherlich die unterschiedliche Geschichte der beiden Länder. Der indische Freiheitskampf in den 1920er Jahren bis zur Unabhängigkeit 1947 habe die Medienlandschaft geprägt. „Wir haben eine lange Tradition darin, die Autoritäten in Frage zu stellen.“

Das prägt auch Marpakwars Arbeitsalltag, der davon geprägt ist, „breaking news“ aufzudecken. „Wir brauchen keine Schönschreier, wir brauchen News-Breaker. Wir warten nicht auf die Einladung zur Pressekonferenz, wir suchen proaktiv nach Berichtenswertem.“ Jeden Morgen startet der Reporter damit, soziale Medien auszuwerten und sich mit Kollegen sowohl vom eigenen Medium als auch von anderen Zeitungen in verschiedenen WhatsApp-Gruppen auszutauschen und zu scannen, was geschehen ist und was an diesem Tag geschehen könnte. 

Wir brauchen keine Schönschreier, wir brauchen News-Breaker. Wir warten nicht auf die Einladung zur Pressekonferenz, wir suchen proaktiv nach Berichtenswertem.

Marpakwar ist zuständig für Politik und zwei hindunationalistische Parteien in seiner Heimatstadt sowie für lokale Themen rund um die Baupolitik. Hat er einen Überblick, kündigt er seine geplanten Geschichten in einer WhatsApp-Gruppe mit der Redaktion an. „Die antworten sofort.“ Nur wenn er kein aktuelles Thema recherchieren muss, geht er in die Redaktion zur Konferenz gegen Mittag. Das fleißige Konferieren in deutschen Redaktionen - auch das ist etwas, das ihn hier verwundert. Zur Konferenz zu gehen, das ist in seinem Job nur die Notlösung. „Wenn ich in Indien eine Geschichte verpasse, muss ich mich rechtfertigen“, sagt er. Aber auf einer Redaktions-Konferenz finde man keine Geschichte - „wir müssen doch raus zu den Leuten.“ Er sieht sich weniger als Berichterstatter denn als Veränderer.

Aber sollen sich Journalisten gemein machen mit einer Sache? Ein Thema, das im deutschen Journalismus leidenschaftlich debattiert wird, scheint in Indien längst geklärt. „Wir vertreten natürlich keine politischen Positionen, sondern die Menschen“, antwortet Marpakwar auf diese Frage - „es gibt doch genug, was eindeutig richtig ist.“ So habe er beispielsweise Korruption im Bauwesen aufgedeckt oder mittels einer Kampagne dafür gesorgt, dass in den großen Slums Toiletten gebaut werden durften. „Das war verboten mit dem Argument, dass die Slums ansonsten legalisiert würden.“ Doch als der junge Journalist davon erfuhr, dass eine Slumbewohnerin ihre Beine verloren hatte, weil die Bewohner in der Not Zuggleise als Toilette benutzten, habe er diese so lange versucht zu finden, bis er eine Geschichte über ihr Schicksal schreiben konnte, gefolgt von einer Kampagne seiner Redaktion für Toiletten in Slums. „Es hat mich ein Jahr gekostet“, sagt er und klingt zufrieden, „aber jetzt werden Toiletten in den Slums gebaut.“ Ein längst überfälliges Recht, findet er, für sechs Millionen Menschen, die in Mumbai in Slums leben.

Sabine Braun

Während seines Aufenthalts in Stuttgart erzählt Chaitanya Marpakwar vom Umgang seiner Redaktion mit Fake News. Für ihn ist es wichtig, die Leserschaft aktiv einzubinden.

Gemeinschaft und Diskussion mit Lesern auf Augenhöhen

Das andere Thema, das den indischen Journalismus und besonders Marpakwar bewegt, ist das Thema Fakenews. Er beobachtet einen ähnlichen Trend wie in den USA: „Populäre Politiker bezeichnen Nachrichten, die ihnen nicht passen, als Fakenews.“ Parallel zu dieser Entwicklung glauben viele Menschen Falschmeldungen in den sozialen Medien.  Marpakwars Weg und der seiner Redaktion dagegen ist, den klassischen Journalismus zu stärken und vor allem die Bindung zu den Rezipientinnen und Rezipienten. „Audience Engagement“, die Leserschaft einzubinden - im deutschen Journalismus beinahe noch ein Fremdwort – gehört in Indien zur Tagesordnung. So stehe unter jedem Artikel der Twitteraccount des Autors, Leser diskutieren mit Redakteuren via Social Media, zudem biete der Mumbai Mirror seinen Lesern auch eine Art Zugehörigkeit zu einem sozialen Umfeld an: Der „Mumbai Readers Tribe“ unternimmt Stadtführungen und Exkursionen, er bildet seine Leser fort. „Du gehörst zu einer Gemeinschaft.“

Auch den hiesigen Medienschaffenden würde er gerne ein Umdenken in diese Richtung empfehlen: „Der neue Journalismus muss Teil des Spiels werden“, sagt er: weniger zuschauen, mehr eingreifen. „Ich begreife mich nicht als Beobachter sondern als Veränderer.“ Auch wenn er Fakenews nach seinen Recherchen in Deutschland als weniger großes Thema sieht: „Hier gibt es kein Fox-News, die Menschen vertrauen klassischen Medien – das ist schon mal viel wert.“ Dennoch sei die Medienkrise weltweit ein Thema.

Der neue Journalismus muss Teil des Spiels werden. Ich begreife mich nicht als Beobachter sondern als Veränderer.

Braucht er nun ein neues Thema für seine Recherche in Deutschland? Marpakwar zuckt mit den Schultern. Wie man den Leser dazu befähigt, Quellen kritisch zu betrachten und einzuordnen, das sei überall ein Thema. Doch eine andere deutsche Eigenart hat ihn bereits gefangen: „Deutschland gilt ja als Plastik-Recycling-Champion in Europa.“ Vor dem Hintergrund, dass in Mumbai gerade ein Plastikverbot durchgesetzt wird, hat er sich das Thema hier genauer angeschaut. „Ich will sehen, wie ihr hier Plastikmüll bekämpft“ – und dabei ist ihm eine Kuriosität aufgefallen: die deutschen Flaschensammler. Wie die deutsche Öffentlichkeit mit diesen umgeht, das ist ihm ein Dorn im Auge. „Sie sammeln für euch den Plastikmüll ein, sie halten die Straßen rein – und trotzdem werden sie oft angepöbelt und schlecht behandelt.“ Um das genauer zu ergründen, will er selbst einige Tage als Flaschensammler losziehen und eine Reportage über das Thema für den Mumbai Mirror schreiben. Aus seiner Sicht sollten Flaschensammler wie Helden behandelt werden. Womöglich wird er sich ein weiteres Mal wundern.