Wenn Pflanzen eine Dating App hätten

Wie würden sich Pflanzen in einer Dating App präsentieren? Welche passen zueinander und könnten eine glückliche Beziehung eingehen? Eine Dating App für Pflanzen ist eine von vielen Ideen, mit denen angehende Kunst- und Biologielehrer ihren Schülerinnen und Schülern auf eine ganz neue Art Naturwissenschaft nahebringen wollen. Im Vorfeld des diesjährigen Silbersalz-Festivals zum Thema „Science of Love“ in Halle konnten sie sich die Meinungen von Experten dazu einholen.

Pia Volk | Juni 2019
Menschen am Tisch im Austausch
Felix Adler

Auf dem Schwarzmarkt des Wissens wurden neue Ideen zum diesjährigen Festival-Thema „Science of Love“ gehandelt.

Drei Frauen sitzen an einem Tisch, zwischen ihnen liegen Handschellen mit Samtummantelung, eine Plüschgebärmutter, Tampons, Kondome, Gleitgel. „Tinder spielt für Teenies in dem Alter noch keine Rolle. Aber die meisten der 13-Jährigen haben sicher ein Instagram-Profil“, sagt Sexualpädagogin Ronja Abhalter von der AIDS-Hilfe. Sie ist eine von acht Maklerinnen und Maklern auf dem Schwarzmarkt des Wissens. Ihr gegenüber sitzen Studierende der Biologie- und Kunstdidaktik, die Projekte zum Thema Liebe planen, mit denen sie Achtklässler mit eher ungewöhnlichen Ansätzen für Biologie begeistern wollen. So planen Dorothea Piehl und Hannah Schwarz-Wissel gemeinsam mit Saskia Albrecht und Michael Reif eine Dating App für Pflanzen. Auf dem Schwarzmarkt des Wissens sammeln sie dafür Ideen und Erkenntnisse, die sie an der Universität nicht lernen können. Die Veranstaltung gehört zum Jugendprogramm des Silbersalz-Festivals, das internationale Wissenschafts- und Medienfestival in Halle (Saale), das in diesem Jahr unter dem Motto „Science of Love“ steht.

Likes zu bekommen ist lebensrelevant

Zwei Reihen mit je vier Tischen stehen in der Passage 13 in Halle-Neustadt. An jedem Tisch sitzt ein Experte: Benno Bruksch erklärt, wie er Wachsmalstifte aus Erde herstellt. Clara Fernau hat biobasierte Materialien dabei, darunter Folien, die nicht aus Plastik bestehen, sondern aus einem Kombucha-Pilz oder Algen produziert wurden. Andere bieten ihr Wissen über 3-D Druck und Virtual Reality an, über die Soziologie der Liebe und Sexualerziehung, wie Ronja Abhalter: „Dating wird immer wirtschaftlicher. Jeder vermarktet sich ganz effizient selbst. So viele Likes wie möglich zu bekommen ist für viele Jugendliche lebensrelevant.“ Die beiden Frauen an ihrem Tisch nicken konzentriert und diskutieren, wie sie das in ihrer Dating App für Pflanzen aufgreifen können.

Expertin und Studentinnen diskutieren am Tisch
Felix Adler

Sexualpädagogin Ronja Abhalter auf dem Schwarzmarkt des Wissens im Gespräch mit Studentinnen der Biologie- und Kunstdidaktik. „Dating wird immer wirtschaftlicher. Jeder vermarktet sich ganz effizient selbst.“

Jeder kennt das: Es gibt Pflanzen, die sind Wehwehchen. Sobald sie mal zu lange im Schatten stehen, lassen sie die Blätter hängen. Andere überstehen auch wochenlange Vernachlässigung. Pflanzen haben wie Menschen ihren ganz eigenen Charakter und ihre ganz besonderen Stärken. Das wollen die Studenten nutzen, um den Schülern während des Silbersalz-Festivals Pflanzenbiologie näherzubringen. Andere Teams fragen sich, wie man Kunst, Boden und Liebe zusammenbringen kann, ohne dabei Brukschs Wachsmalstiftidee zu kopieren, oder ob man den Jugendlichen spielerisch erklären könnte, was Hormone mit Verlieben zu tun haben. Vier Teams mit insgesamt 14 Studenten werden im Zuge des Silbersalz-Festivals mit den 8. Klassen des Christian-Wolff-Gymnasiums in Halle ihre experimentellen Lehrprojekte ausprobieren.

Die heldenhaften Fähigkeiten der einzelnen Gewächse

Natürlich steht am Anfang der Dating App für Pflanzen noch immer das Experiment, denn viele Jugendliche müssen die heldenhaften Fähigkeiten der einzelnen Gewächse erst kennenlernen. Eine Zitrone kann Strom erzeugen. Stellt man eine Nelke in farbiges Wasser, färben sich ihre Blütenblätter. Gipst man Bohnen ein, saugen sie das Wasser aus dem Gips und entwickeln eine Kraft, die den Gipsblock sprengen kann. Aber wenn Pflanzen sich daten könnten, würden sie wirklich diese Besonderheiten hervorheben? Oder würde die Zitrone sich nicht eher als gut riechend, wunderbar sauer und voller Vitamin C vorstellen? Würde die Nelke von sich sagen, sie sei modebewusst oder flexibel? Die angehenden Lehrerinnen und Lehrer wollen mit den Jugendlichen darüber diskutieren, wie sich Menschen in sozialen Netzwerken präsentieren, was ihnen selbst bei ihren Freunden wichtig ist und wie sich beides auf die Pflanzen übertragen lässt.

Felix Adler

Eine Idee des Silbersalz-Festivals ist, neue Wege in der Wissenschaftsvermittlung zu gehen - und damit sehr früh anzufangen. Jugendliche aus Familien, bei denen ein Studium eher die Ausnahme ist, haben Berührungsängste, wenn es um Wissenschaft geht. Das liegt auch an der Art und Weise, wie über Forschung gesprochen wird und mit welcher Absicht die Forscher kommunizieren. Oft geht es ihnen weniger darum, zu vermitteln wie erstaunlich, überraschend und spannend Wissenschaft sein kann, als vielmehr darum, Nachwuchsforscher anzusprechen oder Förderer zu umwerben. „Lehrerinnen und Lehrer sind eine unterschätzte Kraft, wenn es darum geht, Menschen mit den komplexen Themen der Wissenschaft in Kontakt zu bringen“, sagt Patrick Klügel, der das Silbersalz-Festival für die Robert Bosch Stiftung umsetzt. „Biologie- und Kunstdidaktiker zusammenzubringen hat viel Potenzial um neue, innovative Vermittlungsformate zu entwickeln.“

Neue Wege in der Wissenschaftsvermittlung gehen

Auch die Betreuer der Studenten, Sebastian Körnig, Lehrer am Christian-Wolff-Gymnasium und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Biologiedidaktik an der Martin-Luther-Universität, und Robert Hausmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Didaktik der bildenden Kunst an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule, sind sich einig: Naturwissenschaftlicher Unterricht ist oft trocken und spröde, die Experimente seit Jahren gleich. Mit ihrem Projekt wollen sie zeigen, dass es auch anders geht.

Die Ergebnisse der verschiedenen Projekte werden während des Silbersalz-Festivals als Ausstellung präsentiert. Für das Pflanzendating sollen die Jugendlichen Bilder ihrer Pflanzencharaktere anfertigen und ein Profil erstellen, wie es auf einer Datingseite stehen könnte. In einem prägnanten Satz soll das Gewächs vorgestellt werden, die Mimose könnte von sich zum Beispiel sagen, sie sei sehr einfühlsam. Aus diesen Schlagwörtern wird ein Plakat gestaltet, das in ein Mock-Up-Papphandy passt. Besucher werden mit Herzchen-Aufklebern – analog zu den digitalen Likes – markieren können, welches der Pflanzenprofile ihnen gefällt. Ilka Bickmann, Leiterin der Jugendarbeit des Silbersalz-Festivals, hofft, dass sich aus Projekten wie dem Pflanzendating nachhaltige Unterrichtskonzepte entwickeln, die auch an anderen Schulen etabliert werden können, um Jugendlichen zu zeigen, wie alltäglich und spannend Wissenschaft sein kann.