Warum machen wir das Projekt?

In der Corona-Pandemie sind Wissenschaftler in der Öffentlichkeit so präsent wie nie zuvor. Ihre Empfehlungen dienen der Politik als Wegweiser durch die Krise. Je länger die Einschränkungen des öffentlichen Lebens andauern, desto mehr werden diese Ratschläge zum Gegenstand gesellschaftlicher Debatten. Es kann der Sachlichkeit dieser Diskussionen nur dienen, wenn möglichst viele Menschen die Grundsätze wissenschaftlicher Arbeit wie die Vorläufigkeit von Erkenntnissen nachvollziehen können. Denn ansonsten droht wissenschaftliche Evidenz im Zusammenspiel gesellschaftlicher Kräfte zerrieben zu werden. Wenn wissenschaftliche Ergebnisse scheinbar im Widerspruch zum „gesunden Menschenverstand“ stehen, sind sie in der öffentlichen Diskussion leicht angreifbar. Zudem werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch „alternative“ Medien und selbsternannte Experten herausgefordert, deren Ansichten über Internet und Social Media ungefiltert verbreitet werden. Um Vertrauen zu gewinnen und ihre Glaubwürdigkeit zu stärken, muss die Wissenschaft das Gespräch mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen suchen und auch Menschen ansprechen, die sonst wenig Berührungspunkte mit Wissenschaft haben.

Was wollen wir erreichen?

Mensch Wissenschaft! hat zum Ziel, den viel beschworenen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft mit Leben zu füllen. Das Veranstaltungsformat soll beispielhaft zeigen, wie ein echtes Gespräch zwischen Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern gelingen kann, auch und gerade über Milieugrenzen hinweg. Für die Forscherinnen und Forscher lautet das Motto: „Raus aus der Blase, rein in den Kiez“. Mensch Wissenschaft! bietet ihnen die Gelegenheit, ihre Prinzipien und Methoden transparent zu machen und ihre gesellschaftliche Rolle zu reflektieren. Die Bürgerinnen und Bürger können ihre Erwartungen, aber auch Vorbehalte und Sorgen gegenüber der Wissenschaft formulieren. Die entstandenen persönlichen Kontakte sollen über die Veranstaltung hinauswirken.

Mit Mensch Wissenschaft! hat die Robert Bosch Stiftung ein skalierbares Modell für gelingenden Dialog entwickelt und ihre Erfahrungen in einer Broschüre aufgearbeitet. Wissenschaftliche Einrichtungen können dieses Angebot nutzen, um selbst ähnliche Formate in ihrer Region durchzuführen.

Wie funktioniert das Projekt?

Bei Mensch Wissenschaft! trifft eine möglichst vielfältig zusammengesetzte Gruppe von 50 Bürgerinnen und Bürgern auf etwa 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen. Ein verbindendes Element ist der lokale Bezug der Teilnehmenden, die alle aus derselben Stadt oder Region stammen.

Die zweitägige Veranstaltung stellt den Rahmen für einen gleichberechtigten Austausch zur Verfügung – in passendem Ambiente und professionell moderiert. Konkrete, gesellschaftlich besonders relevante Forschungsthemen dienen als Aufhänger, um in einem zweiten Schritt zu übergreifenden Fragen zur Wissenschaft an sich zu gelangen: Mit welchen Methoden und nach welchen Regeln arbeiten Forscher? Wie wird Wissenschaft finanziert und wie unabhängig ist sie? Oder auch: Welchen gesellschaftlichen Nutzen hat Wissenschaft? Neben der inhaltlichen Arbeit spielen der persönliche Kontakt und der informelle Austausch eine wichtige Rolle. Klassische, Distanz schaffende Konferenzformate wie lange Vorträge oder Podiumsdiskussionen sind bei Mensch Wissenschaft! bewusst nicht vorgesehen.

Mensch Wissenschaft! wurde 2018 in der Zeche Zollverein in Essen und 2019 im Stadtpalais Stuttgart in der Praxis erprobt und begleitend evaluiert. Aus den Erfahrungen ist eine Handreichung für Hochschulen und andere wissenschaftliche Einrichtungen entstanden, die ähnliche Dialogformate umsetzen wollen.