„Wir müssen uns trauen, wieder über Werte ins Gespräch zu kommen“

Talitha Goldmann-Kefalas ist erste Deutsche im Fellowship-Programm "Next Generation Leaders". Mit dem internationalen Führungskräftetraining am McCain Institut in den USA bereitet sie sich auf die Umsetzung ihres Pilotprojekts in Deutschland vor: Ihr Ziel ist die Integration von Frauen mit Fluchterfahrung. Im Interview schildert sie ihre bisherigen Eindrücke vom Programm und erklärt, was Deutschland und die USA in der Flüchtlingsarbeit voneinander lernen können.

Robert Bosch Stiftung | Juni 2018
Calder LaBriola, McCain Institute

Frau Goldmann-Kefalas, wie haben Sie die Arbeit des Instituts bislang erlebt, und was sind die Qualitätsmerkmale des Fellowship-Programms?

Für mich bietet das McCain Institut mit dem „Next Generation Leaders (NGL) program“ ein aus vielerlei Hinsicht einzigartiges und ganzheitliches Führungskräfteprogramm an: In meiner Profession „Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession“ hat mich besonders der Schwerpunkt „servant leadership“ und der Fokus im Führungsverständnis auf „value-based and character-driven leadership“ angesprochen. Einen inhaltlich so fundierten und umfassenden Ansatz habe ich bislang in keinem anderen Führungskräfteprogramm finden können.

Die Leitung und Durchführung der Trainings durch Ambassador Polt und General Freakley stellen für mich ein besonderes Qualitätsmerkmal des Programms dar. Als erfahrene Führungspersönlichkeiten schaffen sie Transparenz und verkörpern ein wertebasiertes und vorbildliches Führungsverständnis anstelle von autoritärem Anspruchsdenken, das heutzutage als überholt gelten und abgelegt werden sollte.

Mein Ziel ist es, weiterhin im weltweiten Verbund mit und von Führungskräften zu lernen und als „servant leader“ wertebasiert Veränderung zu bewirken.

Sie fördern jede und jeden Einzelnen und fordern die Teilnehmenden aus den unterschiedlichen Professionen und Herkunftsländern gleichermaßen heraus, ihr Bestes zu geben und aktiv positive Veränderung zu bewirken. Als Leitungen ermutigen sie die Teilnehmenden zu einem authentischen Führungsstil und investieren in Persönlichkeitsentwicklung.

Was wollen Sie am Ende des Fellowships erreicht haben?

Hauptziel des Programms ist es, die eigenen Führungskompetenzen und das eigene Führungsverständnis aktiv weiter zu entwickeln, um nachhaltige, positive Veränderungen in der Gesellschaft zu bewirken. Ausdruck dessen ist u.a. das Implementieren des entwickelten Projektvorhabens. Ziel ist es, diesen „Leadership Action Plan (LAP)“ schrittweise umzusetzen. Mein Ziel ist es, die theoretischen und praktischen Trainings zum Ende dieses Programmjahres gut verinnerlicht zu haben und mich gut vorbereitet zu wissen für mein Projektvorhaben in Deutschland.

Da das „Fellowship“ mit dem McCain Institut aber über das Programmjahr hinaus andauert, ist es mein Ziel, weiterhin im weltweiten Verbund mit und von Führungskräften zu lernen, niemals den Bezug zur Praxis zu verlieren und als „servant leader“ wertebasiert Veränderung zu bewirken.

Was sind die nächsten Schritte nach der Rückkehr nach Deutschland, und wie beabsichtigen Sie, die im Rahmen des Fellowships erworbenen Kompetenzen einzubringen?

Was die Umsetzung meines LAP betrifft: Da ich die NGO-Landschaft in Deutschland in den vergangenen Jahren immer besser kennen gelernt habe und weiß, dass es weit mehr Hürden und Herausforderungen in der Projektumsetzung geben könnte als dies in den USA der Fall ist, arbeite ich schon jetzt intensiv daran, die organisatorischen Säulen des Projekts solide aufzustellen. Dabei spielen vor allem eine solide Finanzierung, gute und effektive Teamarbeit sowie Netzwerkarbeit zentrale Rollen. Es ist das eine, ein innovatives und klientenzentriertes Projekt für und mit geflüchteten Frauen gemeinsam mit Experten zu entwickeln. Das Projekt selbst soll Frauen mit Fluchterfahrung in den Mittelpunkt rücken und über ein breites Netzwerk Ressourcen für ihre ganzheitliche und nachhaltige Integration bündeln. Dieses Vorhaben soll mit Hilfe von Online- und Blended-Learning umgesetzt werden. Ziel muss es sein, Bedarfe in der Praxis zu erkennen und ihnen zu begegnen. Das andere ist es, mutige Partner zu finden, die diesen Weg mitgehen und mitgestalten wollen, mit dem Ziel die nachhaltige und ganzheitliche Integration dieser Zielgruppe entscheidend zu verbessern. Ich bin gespannt, welche Kooperationsmöglichkeiten sich in den kommenden Wochen ergeben und was ich in drei Monaten Neues berichten kann.

Nach der Halbzeit des Fellowships und Ihres Aufenthalts am „International Rescue Committee“ in Phoenix, Arizona: Wo kann Deutschland von den USA, wo können die USA von Deutschland in der Flüchtlingsarbeit lernen?

Nachdem ich die Arbeit mit Geflüchteten hier in den USA besser kennen lernen durfte, ist mir noch mehr bewusst, wie groß das Spektrum an Freiheiten, Rechten und vielfältiger Unterstützung für diese Zielgruppe in Deutschland ist. Ich finde es sehr wichtig, Menschen, die Zuflucht suchen, diese Sicherheit und Zukunftsperspektive zu ermöglichen! Der Zeitraum und finanzielle Spielraum für das „Ankommen“ ist in den USA im Vergleich zu Deutschland weitaus begrenzter. Nicht selten entfällt die Förderung bereits nach fünf Wochen, da Geflüchtete ungeachtet ihrer Sprachkenntnisse verpflichtet sind, das erste Arbeitsangebot anzunehmen. Prekäre Arbeit, mangelnde Sprache und Unterbringung in gefährlichen Wohnbezirken sind eher die Norm. Deutschland ist in diesem Bereich, im Vergleich zu den USA, meiner Ansicht nach weitaus besser auf das Individuum und die nachhaltige Integration ausgerichtet… auch wenn es auch in Deutschland noch viel zu tun gibt, vor allem wenn es darum geht, verlässliche integrative Strukturen und Integrationsmonitoring zu gewährleisten. Es ist wichtig, rechtzeitig in die professionelle soziale Arbeit an der Basis zu investieren.

Ich glaube, dass „Normen und Werte“ in der Integration eine zentrale Rolle spielen.

Ein zentraler Unterschied im Integrationsansatz der USA im Vergleich zu Deutschland ist jedoch „zwischen den Zeilen“ zu lesen. Oft bin ich sowohl privat als auch beruflich mit Geflüchteten ins Gespräch gekommen, die „stolz sind Amerikaner zu sein“ und dies an grundlegenden Werten und Normen fest machen. Eine solche Haltung ist in Deutschland nahezu unvorstellbar. Jedenfalls ist sie mir dort bislang nicht begegnet. Ich glaube jedoch, dass „Normen und Werte“ in der Integration eine zentrale Rolle spielen und ihre Vermittlung in integrativen Maßnahmen in Deutschland sehr vernachlässigt wurde. Daher halte ich es für wichtig, dass sowohl auf lokaler als auch nationaler Ebene ein Wertediskurs angeregt wird, um Aspekte der deutschen Kernkultur transparent und vermittelbar zu machen. Wir müssen uns in der deutschen Gesellschaft trauen, wieder über Werte ins Gespräch zu kommen, ohne die Angst zu schüren, der Toleranz den Rang abzulaufen. Politik sollte dafür auf lokaler Ebene und in Bildungseinrichtungen den Raum schaffen und entsprechend Ressourcen bereitstellen.

Sie leben jetzt seit mehreren Monaten in Arizona. Welche Begegnungen haben Sie im Rahmen des Fellowships besonders überrascht?

Es ist warm! Ja, auch das Wetter ist zu jeder Jahreszeit unfassbar warm, und die Regentage ließen sich bislang an einer Hand abzählen. Vor allem aber sind die Menschen „warm“, offen zum Gespräch und ehrlich interessiert. Die „oberflächliche Freundlichkeit“, die man den USA oft nachsagt, habe ich weitaus seltener erlebt als die zuvorkommende Art und eine Vielzahl guter Gespräche. Ansonsten hat mich die überragende Armut vieler Menschen hier in Phoenix doch überrascht. Über 25.000 Menschen hier in Maricopa County sind wohnungslos, und viele von ihnen werden von keinem sozialen Netz aufgefangen. Das ist erschreckend zu sehen. Mit der ASU als innovativster Universität der USA mit Sitz hier in Phoenix und den vielen hilfsbereiten Menschen, denen ich hier begegnet bin, habe ich jedoch die Hoffnung, dass sich auch in diesem Bereich „Changemaker“ finden lassen, die sich für nachhaltige Veränderung und das Leben dieser Menschen einsetzen. Ich habe versucht, während meiner Zeit dazu etwas beizutragen, mir Zeit für sie zu nehmen, ein offenes Ohr zu haben… und manchmal sah es auch ganz praktisch aus: eine Tüte mit ein paar Lebensmitteln, Hygieneartikeln und einem Kartengruß, der sie ermutigt hat. Diese persönlichen Begegnungen, für die man sich bewusst Zeit nehmen muss, dürfen in unserem schnelllebigen Alltag nie zu kurz kommen! Auch hier durfte ich viel dazu lernen.