Wie autoritäre Regime die Angst schüren

Warum fallen viele Gesellschaften in autoritäres Denken zurück? Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat sich damit intensiv beschäftigt und über das Schüren von Angst und ihre eigenen Erlebnisse in einem diktatorischen Regime gesprochen.

Armin Käfer | Februar 2018
Herta Müller beim Stuttgarter Gespräch
Max Kovalenko/Lichtgut

Angst ist ein sehr persönliches, ein intimes Gefühl. Angst ist aber auch ein Politikum. Sie ist das Fundament von Diktaturen. Ohne Angst könnten sich autoritäre Herrscher nicht an der Macht halten. Doch wie kann es sein, dass aus der Freiheit die Sehnsucht nach autoritärer Führung erwächst? Das ist eine Schlüsselfrage, um zu verstehen, wie sich viele Länder im Osten Europas entwickeln. Niemand wäre berufener, diese Frage zu beantworten als die Schriftstellerin Herta Müller. Am Dienstagabend bemühte sie sich vor 600 Zuhörern im Stuttgarter Haus der Wirtschaft um Erklärungen. Die Literaturnobelpreisträgerin von 2009 war zu Gast beim „Stuttgarter Gespräch“, einer Veranstaltungsreihe der Robert Bosch Stiftung und der Stuttgarter Zeitung. Der Abend wurde moderiert von Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, und Maja Pflüger von der Bosch Stiftung.

1953 in Rumänien geboren, war Herta Müller in ihrer Jugend mehrfach ausgegrenzt – als Teil der deutschsprachigen Minderheit der Banater Schwaben, als Widerständige im Sozialismus, aber auch als kritische Stimme in der eigenen kulturellen Volksgruppe. 1987 konnte sie in die Bundesrepublik ausreisen, wo sie über die Jahre ein Werk geschaffen hat, das unter anderem aufzuzeigen versucht, wie die politischen Lügen totalitärer Systeme das Leben des Individuums zersetzen und wie ein Krebsgeschwür zerfressen.

Euphorie der Freiheit in Osteuropa früh erloschen

Freiheit ist eigentlich ein Privileg, kein Grund sich zu fürchten. Doch manche Menschen hätten auch Angst vor der Freiheit, sagt Herta Müller mit Blick auf Osteuropa. Die Euphorie der Freiheit sei da nur kurz aufgelodert, bald wieder erloschen und vielfach der Angst gewichen. Angst sei „so kompliziert wie Freiheit“. Sie sei ein Momentum autoritärer Systeme. Diese Systeme beruhten auf organisierter Angst. Sie versuchten, ihre Untergebenen regelrecht zur Angst zu erziehen. „Andere werden allergisch gegen Autorität“, sagt Müller. Das klingt, als erzähle sie von sich selbst.

Podium mit Herta Müller
Max Kovalenko/Lichtgut

Die Studierenden Asrai Soos (li), Dominik Wabersich und Xiaocui Qui (re) konnten der Nobelpreisträgerin Herta Müller ihre Fragen stellen.

„Die Angst gedeiht wie unter einer Glocke“

Die Anfälligkeit für autoritäres Denken hält sie für eine „Nachwirkung langjähriger Diktaturen“. Etliche Länder mit einer Vergangenheit in autoritären Verhältnissen erlebten gerade „eine Art Rückfall“. Dafür stünden Figuren wie der ungarische Rechtspopulist Viktor Orbán, dessen polnischer Kollege Jaroslaw Kaczynski oder der türkische Autokrat Recep Tayyip Erdogan.

Karrieren wie die solcher Herrschaften würden durch Isolation begünstigt. „Da gedeiht die Angst wie unter einer Glocke.“ Um das Land zu isolieren, brauche man innere und äußere Feinde. Solche Feindschaft werde gezielt kultiviert. Orbán & Co „erschaffen sich Feinde“, so Müller. „Das Autoritäre erfindet sich Feinde.“

Zu den erfundenen Gegnern vieler Osteuropäer zählen die Flüchtlinge. Bei diesem Thema lässt Müller viel Emotionalität erkennen. „Ich bin auch ein Flüchtling“, sagt sie. Die Flüchtlinge von heute haben ihr Mitgefühl. „Es gibt nichts Bittereres als eine Heimat, in der man nicht leben darf.“

Warum gerade osteuropäische Länder sich gegen Flüchtlinge abzuschotten versuchten, sei ihr völlig unverständlich, da alle Osteuropäer Erfahrung mit Flucht hätten. Zu sozialistischen Zeiten habe in vielen Ländern ein Denken geherrscht, das sie mit einem verbalen Dreiklang zum Ausdruck bringt: „Weg, weg, weg.“ Dabei seien die Zustände damals „im Vergleich zu Syrien wie ein kleines Missgeschick“ gewesen. Da wird Müller sehr drastisch: „Sind wir glücklich, wenn andere irgendwo krepieren?“

Herta Müller im Gespräch
Max Kovalenko/Lichtgut

Herta Müller im Gespräch mit Maja Pflüger (li), Robert Bosch Stiftung, und Joachim Dorfs von der Stuttgarter Zeitung.

„Wo wäre ich, wenn die Diktatur nicht gewesen wäre?“

Sie spricht auch über ihre eigenen Ängste in Rumänien. Allerdings waren die nicht so übermächtig, dass sie vor der Diktatur kapituliert hätte. „Ich konnte gar nicht anders als nicht nachzugeben“, sagt Müller. Dabei sei man dort allerorten „Repräsentanten der Angst“ begegnet. Müller nennt sie „Leute in schmierigen Anzügen, aber mit sauberen Händen“. Diese Leute haben sich ihr eingeprägt als „unerträglich dumm, ungebildet, unverschämt“.

Drei Stuttgarter Studenten – Asrai Soos, Xiaocui Qui und Dominik Wabersich – stellen auf der Bühne Fragen an Müller. Die Literaturstudentin Qui will wissen, wie sie die Freiheit in Deutschland empfunden habe, als sie hier ankam. Das Gefühl der Befreiung sei damals auch mit sehr viel Unsicherheit verbunden gewesen, sagt Müller. Die „Angst, dass man mich umbringt“, habe sie bis nach Deutschland verfolgt. Das Exil Deutschland ist ihr ein neues Zuhause, aber keine zweite Heimat geworden. Sie habe Rumänien zwar selbst verlassen, „aber weil ich wollen musste“. Oft fühle sie sich von Dingen an das Land ihrer Geburt erinnert. „Plötzlich wird mir klar, ich werde nie mehr da sein, wo ich wäre, wenn die Diktatur nicht gewesen wäre.“ Sie begreife in solchen Momenten, wie „politisches Drangsalieren alles auf den Kopf stellt“.