Wettbewerb der Mächte

Welche Perspektiven und Aussichten für Kooperation, Wettbewerb und Konfrontation bestehen zwischen den drei Mächten China, Europa und den USA? Diese Frage diskutierten Experten am 18. September in der Berliner Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung. Just am Veranstaltungstag verhängte die US-Regierung neue Strafzölle in Höhe von 200 Milliarden Dollar auf chinesische Produkte: Ein passender Anlass zur Diskussion.

David Weyand | September 2018

Die gemeinsame Veranstaltung der Robert Bosch Stiftung und des amerikanischen Think Tanks The Brookings Institution war Teil der „Brookings – Robert Bosch Foundation Transatlantic Initiative“ (BBTI) und der Berliner Diskussionsreihe der Stiftung „China im Gespräch“. Rund 150 Gäste nahmen vor Ort teil, zudem wurde das Event live im Internet übertragen. Über YouTube-Kommentare konnten Fragen an die Panelisten gestellt werden.

Zum Auftakt verwies Christian Hänel, Bereichsleiter Völkerverständigung Amerika und Asien der Stiftung, auf eine Umfrage der amerikanischen Zeitschrift The National Interest unter amerikanischen und chinesischen Experten: Während einige von ihnen sicher waren, dass eine militärische Konfrontation unvermeidlich sei, sagten andere, es spräche vieles dafür, auch weiterhin friedlich miteinander zu kooperieren.

Moderatorin Janka Oertel, Transatlantic Fellow im Asienprogramm des German Marshall Funds of the United States wollte auch vom Publikum in Berlin wissen, welche Option sie für wahrscheinlicher hielten: Während niemand von verstärkter Kooperation ausging, glaubten die meisten an einen zunehmenden Wettbewerb zwischen den Ländern. Militärische Auseinandersetzungen erwarteten hingegen nur eine Handvoll Teilnehmer.

Kooperation

Für Dingding Chen, Professor für Internationale Beziehungen an der Jinan Universität in Guangzhou und Non-Resident Fellow am Global Public Policy Institute (GPPi) in Berlin, sind die aktuellen Entwicklungen keine große Überraschung: „Die neuerlichen amerikanischen Zölle waren schon länger vermutet und innerhalb Chinas Regierung diskutiert worden, nur das Timing war etwas überraschend“. Chen ist sich dennoch sicher: „Diese beiden großen Ökonomien brauchen einander, genauso wie sie gute Beziehungen zu Europa und Deutschland brauchen“. Es werde in Zukunft wieder mehr Kooperation geben, die Frage sei nur, wann.

Für China und Europa sieht er vor allem beim Klimaschutz viel Raum für Kooperation. Hier könnten auch internationale Städtenetzwerke und nicht-staatliche Akteure eine wichtige Rolle spielen, betonte in der abschließenden Fragerunde ein Gast. Wichtige Bedingung: Transparenz und Offenheit, woran es bei chinesischen Investitionen in Osteuropa, Afrika und Lateinamerika bisher oftmals mangele.

Wettbewerb

Mikko Huotari ist skeptischer. Der stellvertretende Direktor des Mercator Institute for China Studies (MERICS) glaubt nicht, dass die Konflikte einfach vorbei ziehen. Im Gegenteil: Sie seien ein fundamentales Element der chinesisch-amerikanischen Beziehungen: „Es geht dabei definitiv nicht nur um Handel und Handelsdefizite. Es geht um die technologische Vorherrschaft und die strategische Rivalität zwischen beiden Staaten, welche die kommenden Jahrzehnte bestimmen wird.“ Seine Forderung: Europa müsse seine eigenen Positionen endlich klar definieren und dürfe nicht nur kleiner Partner im Spiel der Großen sein. „Dazu gehört auch eine unmissverständliche Kommunikation gegenüber Washington: Wir sind gegen einen Handelskrieg, weil er gegen unserer fundamentalen Interessen verstößt.“

Zunehmenden Wettbewerb zwischen den großen Mächten – „Great Power Competition“ – konstatiert auch Torrey Taussig. Sie ist Non-Resident Fellow im Brookings Foreign Policy Program und arbeitet 2018/2019 als „Robert Bosch Foundation Fellow“ in Berlin. Im Westen sei der Aufstieg populistischer Parteien und rechtsextremer Gruppierungen bei gleichzeitiger Unzufriedenheit mit der Demokratie zu beobachten. Parallel würden China und Russland systematisch ihren globalen politischen, ökonomischen und militärischen Einfluss ausbauen. Auch, um „einen anderen Typ von Regierungssystem zu propagieren“. In China, so Taussig, entwickele sich eine echte Alternative zum liberalen und demokratischen Regierungsmodell. „Das ist ein Wettbewerb der Ideen, dem wir uns stellen müssen“, sagte sie.

Konfrontation

China und die USA sind jedoch nicht nur wirtschaftliche und politische, sondern auch militärische Schwergewichte. Ist ein Krieg zwischen China und den USA in Zukunft unvermeidbar? Ryan Hass, ehemaliger Mitarbeiter des „National Security Council“ während der Obama-Regierung und heute Fellow der Brookings Institution, sagte, dass es keine unvermeidbaren Konflikte gebe. Politische Führer würden solche Entscheidungen treffen. Es gebe keine mathematische Gleichung, dass aufstrebende und etablierte Mächte aneinander geraten müssten. „Es wäre ein Scheitern von Diplomatie, wenn wir an diesen Punkt kämen.“ In Bezug auf das südchinesische Meer sieht Hass momentan keine reale Kriegsgefahr, eher einen Patt: China könne seine ambitionierten Ziele nur durch militärische Gewalt gegen die US-Navy durchsetzen – in absehbarer Zeit sei dies nicht realistisch. Die USA wiederum würden ihre Truppen dort belassen und auch ein stärkeres militärisches Engagement der Europäer in der Region begrüßen. „Je mehr Akteure dort engagiert sind, desto weniger Vertrauen hat jede andere Macht, dort ihre eigene Stärke zu zeigen“. Dass China auch global seine Interessen zu verteidigen gedenke, sei angesichts des starken Wachstums aber relativ normal, resümiert Dingding Chen.

Am Ende der Veranstaltung scheinen sich die Ergebnisse der anfänglichen Zuschauerumfrage auch auf dem Podium zu bestätigen: Die Experten erwarten weniger Kooperation, mehr Wettbewerb, aber keine echte Konfrontation zwischen China, Europa und den USA.

Das sagen die Panelisten