Raus aus der Blase

Professoren im Hashtag-Dschungel, Post-Docs auf Science Slams, dazu die Flut universitätseigener Hochglanzmagazine – die Kanäle für wissenschaftliche Erkenntnisse sind zahlreich. Dennoch scheint die Wahrnehmung wissenschaftlicher Ergebnisse im Zeitalter schnell produzierter und zunehmender Desinformation eher zu sinken. Deshalb war auf dem diesjährigen European Science Open Forum (ESOF) in Toulouse die Sorge groß, dass sich die Wissenschaftskommunikation in einer Krise befindet. Wie wissenschaftsferne Zielgruppen wieder erreicht werden können, zeigen Beispiele, die von der Robert Bosch Stiftung in Toulouse vorgestellt wurden: "Get out of the bubble"!

Maximilian Grosser | Juli 2018
Maximilian Grosser

Üben für das Maultrommelkonzert: Tamar Levy (2.v.l.) bringt den Konferenzbesuchern die Physik des Tons näher.

Zwei Mundspatel, zwei Streichhölzer, zwei Gummis und dazwischen ein Blatt Papier: mehr braucht Tamar Levy nicht für ihre kleine Versuchsanordnung zur Physik des Tons. Knapp 15 Konferenzbesucher umringen die energetische Israelin auf der ESOF, hantieren mit den einfachen Bauteilen und tun sich anfangs noch etwas schwer, die Minimalversion einer Maultrommel nachzubauen. Doch nach wenigen Minuten beweisen sie den Erfolg des Versuchsaufbaus mit einem kleinen Maultrommelkonzert. Wissenschaft kann auch unterhaltsam sein.

Das Experiment mit Mundspatel und Papier ist Tamar Levys einfacher Weg der Wissenschaftskommunikation. Den erprobt sie schon seit knapp zehn Jahren am Davidson Institute of Science Education, angesiedelt am weltweit renommierten Weizmann Institute for Science in Reshovot bei Tel Aviv. An diesem Heiligtum der Grundlagenforschung, dass allein drei Nobelpreisträger hervorbrachte, vermittelt die Umweltwissenschaftlerin die Arbeit im Labor und die Grundlagen des Forscherdenkens – nicht an Studenten, sondern an Schulschwänzer, kriminelle Jugendliche und Straßenkids.

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Aufbau von Selbstvertrauen, Teamgeist und Verantwortungsbewusstsein: Tamar Levy vermittelt die Grundlagen des Forscherdenkens an Problemkids.

Grundlagenforschung für mehr Selbstbewusstsein

„Wissenschaft dient in unserem Ansatz als Mittel und Werkzeug zur Persönlichkeitsentwicklung“ beschreibt Tamar Levy in knappen Worten das Ziel ihres Bildungsprogramms. 25mal müssen die Problemkids bei ihr erscheinen und lernen in mehrstündigen Treffen nicht nur die Basis der Chemie oder Elektrotechnik. Es geht auch um eine Art Grundlagenforschung anhand eigener Interessen. Und nebenbei um den Aufbau von Selbstvertrauen, Teamgeist und Verantwortungsbewusstsein. „Es ist wichtig, dass die Jugendlichen ihren Forschergeist mit dem eigenen Leben und Erleben verknüpfen“, sagt Tamar Levy, „denn Ziel unseres Kurses ist immer ein Produkt, dass die Kinder entwickeln und selber herstellen.“ So hat ein Teilnehmer ein Theremin, ein elektronisches Musikinstrument, gebaut, eine andere Kursbesucherin eine Kosmetiklinie entwickelt.
 
Das Angebot ist erfolgreich. Knapp 95 Prozent der Teilnehmer dieses Programms für Alltagsfähigkeiten machen einen Schulabschluss. Und starten danach erfolgreicher ins Berufsleben, als sie vielleicht vorher zu träumen wagten. „Ziel ist es nicht, sie zu Wissenschaftlern zu machen, sondern sie aus ihrem täglichen Umfeld zu holen, aus ihren Lebensbereichen, in denen sie keine Perspektive für sich und ihre Zukunft sehen“, so Tamar Levy.

Das Labor im Ferienlager

Wissenschaftskommunikation muss mehr erreichen, als nur Einblicke für Laien in akademisches Denken – so sieht es auch Philipp Burkard. Der Geschäftsführer der Schweizer Stiftung Science et Cité - Wissenschaft und Gesellschaft im Dialog verfolgt einen ähnlichen Ansatz. „Formate der Wissenschaftskommunikation gibt es viele – in Museen, an Universitäten. Doch wer besucht die? Die Kinder der Professoren“, witzelt Burkard. Wichtiger sei es allerdings, diejenigen zu erreichen, die nie in Museen gehen oder in Universitäten hinein schnuppern.

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Ein hoher Spaßfaktor ist das Grundprinzip bei der Wissenschaftskommunikation, sagt Philipp Burkard.

Deshalb hat er sich mit seiner Stiftung nach dem richtigen Partner auf die Suche gemacht. Und diesen bei einem Anbieter von Ferienlagern für sozial benachteiligte Kinder gefunden. Das Grundprinzip: der Spaßfaktor muss hoch sein, kein Kind will sich auch noch in den Ferien wie in der Schule fühlen. „Wir organisieren dann spielerische Inputs parallel zum Wandern, Kochen und Fußballspielen zu Themen wie Zeitreise, Schwerkraft oder Hydrologie.“ Wichtig für den Erfolg des Programms: mindestens einmal muss auch ein Wissenschaftler vorbeischauen. „Die Inhalte der Experimente sind nicht annähernd so wichtig – wichtiger ist, dass die Kinder sehen, wer Wissen für die Gesellschaft produziert. Ganz einfach, weil wir Personen vertrauen, nicht Erkenntnissen allein“, so Philipp Burkard.

Feldforschung im Quartiersbüro

Ist der spielerische Zugang der Königsweg der zukünftigen Wissenschaftskommunikation, um diejenigen zu erreichen, die selten mit Wissenschaft in Kontakt kommen? Und wer gehört überhaupt zur 'wissenschaftsfernen' Zielgruppe? Das sind die Fragen, die das Forschungsprojekt "Wissenschaft für alle" zurzeit untersucht, gefördert von der Robert Bosch Stiftung, ausgeführt von der Initiative "Wissenschaft im Dialog" und angesiedelt am Karlsruher Institut für Technologie.  „Wir wollen schauen, wie wir etwa Auszubildende, sozial Benachteiligte oder Muslime besser erreichen“, erklärt Ricarda Ziegler, Projektleiterin bei "Wissenschaft im Dialog", „und dabei geht es erst einmal ums Zuhören: Wie sieht deren Alltag aus und welche Rolle spielt Wissenschaft, welchen Platz kann sie darin in der Zukunft finden?“

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Ricarda Ziegler untersucht, wer zur 'wissenschaftsfernen' Zielgruppe gehört und wie die Wissenschaftskommunikation von Morgen aussehen kann.

Noch betreibt das Projekt Feldforschung bei Quartiermanagements und Bürgerinitiativen. Workshops und Diskussionsrunden loten aus, wie Wissenschaftskommunikation von Morgen aussehen kann. Ende 2018 soll die Erkundungsphase abgeschlossen sein. Dann geht es in die Erprobungsphase neuer Formate, die das Vertrauen in Wissenschaft und Forschung sichern helfen sollen. „Welche Formate das sein werden, ist noch ein großes Fragezeichen. Das können Grafitti-Workshops sein oder Exkursionen zu Forschungseinrichtungen“, sagt Ricarda Ziegler. Doch jetzt scheint sich schon abzuzeichnen: die Themen müssen nah am Alltag, die Sprache zugänglicher und die Orte andere als Universitäten und Museen sein.

Und noch etwas ist schon sicher: Das Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse ist von einer Krise noch weit entfernt – nur die Lautstärke in Sozialen Medien und die Angriffe auf wissenschaftliche Erkenntnisse etwa der Klimaforschung haben zugenommen.