Gleichberechtigung ist Männer- und Frauensache | L’égalité des genres est l'affaire des hommes et des femmes

Tunesien gehört zu den ersten Ländern, die geschlechtsspezifischer Diskriminierung den Kampf angesagt haben. Zwei, die sich vor Ort für Geschlechtergleichstellung einsetzen, sind Fatma Amri und Riadh Bechir. Im Interview sprechen die beiden über den Status Quo der Gleichberechtigung von Männern und Frauen in Tunesien sowie über ihre Motivation, Beobachtungen und Erkenntnisse.

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Eva Gondorová | September 2018
Slim Bahrini

Fatma Amri (Mitte) bei einer regionalen Veranstaltung, die von den lokalen Koordinatoren organisiert wurde. Die Mehrheit der Teilnehmer ist weiblich: "Das beweist, dass die Frauen im Süden des Landes im Gegensatz zu den Männern wirklich an Gleichberechtigung interessiert sind. Aber Gleichberechtigung ist Männer- und Frauensache."

Seit über einem Jahr beschäftigen sich Fatma Amri und Riadh Bechir mit dem Konzept der „Community of Practice“ (Praxisbezogenes Lernen im Netzwerk). Ihr Ziel ist es, den Austausch zwischen verschiedenen Akteuren im Bereich Geschlechtergleichstellung in Tunesien zu stärken. Die beiden leben im Süden des Landes und sind, wie andere Koordinatoren in ganz Tunesien, am Projekt „3eshra: Building a Gender Equality Community of Practice in Tunisia“ beteiligt.

Eva Gondorová

Fatma Amri (rechts) und Riadh Bechir sind lokale Koordinatoren in Tunesien. Sie möchten die Beteiligung von Frauen auf lokaler und regionaler Ebene unterstützen.

Tunesien wird oft als positives Beispiel für Geschlechtergleichstellung in der Region genannt. Wie sehen Sie das?

Fatma: Tunesien gehört zu den ersten Ländern, die jeder Art von geschlechtsspezifischer Diskriminierung den Kampf angesagt haben. Allerdings haben wir die volle Geschlechtergleichstellung noch nicht erreicht. Daran arbeiten wir noch. Ich denke, es ist Zeit, dass wir Geschlechtergleichstellung in Tunesien zu einem Schwerpunktthema machen und unsere Gesetze überdenken und überarbeiten. Das ist aber nicht nur die Aufgabe der politischen Parteien und Abgeordneten. Bürger, die Zivilgesellschaft und Entscheidungsträger – eigentlich die ganze tunesische Gesellschaft – müssen zusammenarbeiten, um die volle Gleichberechtigung von Männern und Frauen zu erreichen.

Riadh: Es wurden zwar schon Verbesserungen erreicht, aber es gibt noch viel zu tun. Die Situation von Frauen und ihre Probleme unterscheiden sich von Region zu Region. Im Süden sind Frauen zum Beispiel stark daran interessiert, die Arbeitslosigkeit in Griff zu bekommen und auf lokaler und regionaler Ebene in Entscheidungen eingebunden zu werden. Wir hoffen, dass sich die Situation der Frauen – und besonders ihre wirtschaftliche Situation – verbessern wird. Gleichzeitig müssen Gesetze konsequenter umgesetzt werden. Denn um die Situation von Frauen zu verbessern, braucht man nicht nur ein Gesetz, sondern auch seine Umsetzung.

Man braucht nicht nur ein Gesetz, sondern auch seine Umsetzung, um die Situation von Frauen zu verbessern.

War die Situation in Tunesien ausschlaggebend dafür, dass Sie sich für das Projekt 3eshra beworben haben?

Fatma:
Ich hatte zuvor schon an geschlechtsspezifischen Themen gearbeitet und war interessiert daran, mehr über Gleichberechtigung in Tunesien und meiner Region, Gabès, zu erfahren. Ich wollte mich stärker einbringen, deswegen habe ich mich für 3eshra beworben. Am Anfang habe ich das Konzept der Community of Practice nicht verstanden. Es ist aber nicht nur für mich völlig neu, sondern auch für viele andere Menschen, die ich kenne. Seit 2011 hat die tunesische Zivilgesellschaft nach traditionellen Mustern gearbeitet. Das Konzept der Community of Practice hingegen ist innovativ und es motiviert mich, mich weiterhin in der Zivilgesellschaft zu engagieren.

Riadh: Mich interessiert die Geschlechterthematik. Dazu habe ich einige Projekte geleitet, deren Schwerpunkt auf der wirtschaftlichen Situation von Frauen auf lokaler Ebene lag. Als Forscher arbeite ich viel in diesem Bereich. Ich bin vertraut mit der Situation von Frauen im ländlichen Raum und habe viele Frauen kennengelernt, die keine Gelegenheit haben, sich in ihrem sozialen oder ökonomischen Umfeld einzubringen. Ich war in der Zivilgesellschaft tätig und habe versucht, Lösungen für diese Frauen zu entwickeln, dazu aufzurufen, ihre Situation zu verbessern. Außerdem habe ich gerne mit Menschen zu tun. Für Tunesien ist das Thema und der Ansatz der Community of Practice ganz neu. 3eshra ist mein erstes Projekt, das Menschen zusammenbringt, die an demselben Thema arbeiten.

Slim Bahrini

Für Fatma und Riadh zählt, dass sie Verbindungen zwischen Menschen schaffen und einen Raum etablieren, in dem sie sich wohlfühlen: "Die Motivation der Menschen in unserer Region spornt uns an, uns noch mehr zu engagieren."

Was sind Ihre Erfahrungen als lokale Koordinatoren unseres Projekts 3eshra? Was sind die größten Herausforderungen?

Riadh: 3eshra fasziniert uns und wir unterstützen die Ergebnisse eines Community of Practice unter Akteuren im Bereich Gleichstellungsfragen. Wenn es uns gelingt, unter all diesen Beteiligten eine partnerschaftliche Arbeitseinstellung zu entwickeln, um gemeinsam die Situation von Frauen zu verbessern, dann wird das Projekt erfolgreich sein. In den nächsten Monaten werden wir zudem Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit anderen Organisationen ausloten.

Fatma: Meine Aufgabe ist es, Dinge zu koordinieren, Veranstaltungen zu organisieren, Menschen über Geschlechtergleichstellung zu informieren sowie mich mit bestimmten Gleichstellungsthemen zu befassen, die in den Regionen relevant sind. Bislang sind große Veranstaltungen die größte Herausforderung. Ich hatte Angst, dass wir damit nicht erfolgreich sein würden, dass es uns nicht gelingen würde, die Leute zum Kommen und Mitmachen zu bewegen. Aber sie kamen und die Veranstaltungen waren ein Erfolg. Es ist uns gelungen, Verbindungen zwischen den Menschen zu schaffen, einen Raum zu etablieren, in dem sie sich wohl fühlen. Motivation ist ein wichtiges Thema für uns. Wenn wir sehen, dass die Menschen motiviert sind, sind wir auch motiviert. Die Motivation der Menschen in unserer Region spornt uns an, uns noch mehr zu engagieren.

Gleichberechtigung ist Männer- und Frauensache!

Wer nimmt an Ihren Veranstaltungen teil? Kommen auch Männer zu Ihren Veranstaltungen?

Fatma: An unserer ersten Fokusgruppe nahmen ausschließlich Frauen teil. Bei unserer regionalen Veranstaltung war immer noch die Mehrheit der Teilnehmer weiblich. Das beweist, dass die Frauen im Süden des Landes im Gegensatz zu den Männern wirklich an Gleichberechtigung interessiert sind. Aber Gleichberechtigung ist Männer- und Frauensache. Es geht nicht nur darum, eine Gleichstellung für Frauen zu erreichen. Wir diskutieren Themen, die für Männer und Frauen gleichermaßen relevant sind.

Was haben Sie in Ihren ersten Monaten als lokale Koordinatoren gelernt?

Fatma: Auf persönlicher Ebene habe ich gelernt, mehr Verantwortung und Stärke zu zeigen – eben weil ich in einem Projekt arbeite, das sich mit Geschlechtergleichstellung befasst. Bevor ich andere Frauen fördern kann, muss ich erst ganz selbstbewusst meine eigenen Möglichkeiten nutzen.

Riadh: Ich habe vor allem gelernt, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen lokalen Akteuren ist, um die Situation von Frauen zu verbessern. Wir müssen das Thema in die Öffentlichkeit rücken, unsere Netzwerke stärken und andere Organisationen unterstützen, die sich für Frauenthemen einsetzen.

Was wollen Sie persönlich mit dem Projekt 3eshra erreichen?

Fatma: Ich möchte ein Zeichen setzen und wünsche mir, dass die Menschen sich an unsere Veranstaltungen und Treffen erinnern. Ich möchte von ihnen hören, dass unser Projekt ein Erfolg war.

Riadh: Wir möchten dem Thema Aufmerksamkeit verschaffen, sodass wir uns mehr auf die Frauen selbst konzentrieren und ihre Beteiligung auf lokaler Ebene unterstützen können. Wir werden Organisationen dazu aufrufen und ermutigen, verstärkt zusammenzuarbeiten, um die Lage von Frauen in der Region zu verbessern.

Über Fatma Amri und Riadh Bechir

Fatma Amri stammt aus Gabès und studierte Englisch und Internationale Beziehungen. Sie arbeitet seit 2011 in der Zivilgesellschaft und war unter anderem Generalsekretärin der Will and Citizenship Organization (Organisation Wille und Zivilgesellschaft), Trainerin, Projektkoordinatorin und Wahlbeobachterin für die League of Tunisian Women Voters (LET) (Bund tunesischer Wählerinnen).

Riadh Bechir promovierte in Wirtschaftswissenschaften und ist als Forscher am Institute for the Arid Regions of Medenine tätig (Institut für die Trockengebiete von Medenine). Zudem ist er Präsident der Association for Development and Strategic Studies (Organisation für Entwicklung und strategische Studien) in Medenine. Er veröffentlicht wissenschaftliche Artikel und ist an verschiedenen zivilgesellschaftlichen Projekten in der Region beteiligt.