In Glasgow kommt eine Revolution der Ernährungssysteme auf den Tisch

Die Abkehr von fossilen Brennstoffen wird die globale Umweltkrise nicht lösen, wenn industrielle Landwirtschaft und Entwaldung weiter die Erderhitzung und den Verlust von Biodiversität anfeuern. Glücklicherweise zeigt sich auf der UN-Klimakonferenz COP26, dass die Revolution der Ernährungssysteme endlich an Fahrt gewinnt. Ein Standpunkt von Dr. Gerrit Hansen, Teamleiterin Klimawandel der Robert Bosch Stiftung.

Dr. Gerrit Hansen | November 2021
Frau an einem Marktstand mit Früchten
Felix Antonio, CC BY-NC-ND 2.0

Eine breite Koalition hat die Herausforderung angenommen, in Glasgow das Thema Ernährungssysteme in der Klimadebatte zu verankern. So wird ein Netzwerk aus Experten und Aktivisten am 6. November, dem „Nature Day“ der COP26, die Glasgow Food and Climate Declaration vorstellen. Prioritäten, die auf dem allerersten Food Systems Summit der Vereinten Nationen (UN FSS) im September identifiziert wurden – wie die Veränderung von Konsummustern – werden bei einem Forum zu Klimawandel und Land im Rahmen des offiziellen COP26-Programms beleuchtet.

Dies sind gute Nachrichten für den Planeten – schließlich sind Produktion, Verteilung, Konsum und Entsorgung von Nahrungsmitteln heute für ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Land-Ökosysteme haben historisch rund ein Drittel der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen aufgenommen und so das Tempo der globalen Erwärmung gebremst. Doch trotz ambitionierter Zusagen, die Wälder der Welt zu schützen, verschwinden diese Naturschätze weiterhin in alarmierendem Tempo – und Hauptverursacher hierfür ist die Agrarindustrie. Nun endlich setzen der UN FSS und viele weitere zivilgesellschaftliche Initiativen die grundlegende Reform der Ernährungssysteme auf die Klima-Agenda.

Dr. Gerrit Hansen
Michael Fuchs

Über die Autorin

Dr. Gerrit Hansen ist Teamleiterin Klimawandel der Robert Bosch Stiftung. Die Stiftung tritt ein für eine gerechte Transformation und einen grundlegenden Paradigmenwechsel im Bereich der Landnutzung: Sie bringt Lösungen voran, die das Klima schützen, Ökosysteme erhalten, Teilhabe ermöglichen und Ungleichheiten abbauen.

Eine der zentralen Prioritäten ist dabei die Förderung der regenerativen Landwirtschaft, die den Kohlenstoffgehalt der Böden steigert und damit auch deren Fruchtbarkeit erhöht, eine weitere die Veränderung unserer Essgewohnheiten nach dem Vorbild der Planetary Health Diet der EAT-Lancet Kommission. Was wir essen und wie wir es produzieren, wird entscheidend sein für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen. Die industrielle Landwirtschaft wurde einst entwickelt, um eine wachsende Bevölkerung zu ernähren. Ihre Vorteile werden aber zunehmend durch die mit dieser Wirtschaftsweise verbundenen Nachteile ausgehebelt, wie die Zerstörung natürlicher Ökosysteme, die Schädigung des Bodens, die Monopolisierung von Saatgut und Hochleistungsrassen und den Verlust der Agrar-Biodiversität, die Wasserverschmutzung und nicht zuletzt die Treibhausgas-Emissionen. Und während Bauern auf der ganzen Welt um ihre Existenz kämpfen, zählen neben Unterernährung inzwischen auch Fettleibigkeit und Nährstoffmangel zu den weltweit häufigsten Krankheitsursachen.

Ernährungssicherheit zählt zu den zentralen Zielen der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, weswegen die Themen Landwirtschaft und Landnutzung schon häufig zu hitzigen Debatten bei UN-Klimakonferenzen geführt haben. Entwicklungsländer sehen ihre Souveränität bedroht und haben Sorge, dass diese Debatte Lasten zu ihren Ungunsten verschiebt und von der dringenden Notwendigkeit des Ausstiegs aus fossilen Energien ablenkt. Die großen Agrarexportländer des Nordens, wie die EU, Australien und die Vereinigten Staaten, schützen wiederum die eigenen Wirtschaftsinteressen.  

Seit 2017 widmet sich ein spezielles Format der Diskussion über die Agrarwirtschaft, im Hinblick auf Klimaschutz und Anpassung. Ob und in welcher Form diese sogenannte Koronivia Joint Work on Agriculture (KJWA) weitergeführt wird, wird sich auf der COP26 entscheiden. Unabhängig davon, was bei der KJWA herauskommt, wächst jedoch die Einsicht, dass technologische Verbesserungen allein nicht reichen werden – was es braucht, ist eine Revolution der Ernährungssysteme, zum Wohle des Planeten und der Menschheit.