Die Neuerfindung Afrikas

Felwine Sarr, Ökonom und Schriftsteller aus dem Senegal, steht für die Besinnung Afrikas auf seine eigenen Stärken. Er ist Verfasser des gefeierten Essays „Afrotopia“, Berater des französischen Präsidenten Macron zur Rückgabe der afrikanischen Kulturgüter. Und er kuratiert das Afrika-Literaturfestival „Membrane“ in Deutschland. Ein Interview über Inspiration aus Afrika und über neue Beziehungen zum Nachbarn Europa.

Robert Bosch Stiftung | Mai 2019
Lisk Feng

Afrika muss sich neu erfinden, so lautet Ihre These. Woraus kann der Kontinent in diesem Prozess schöpfen – und wovon muss er sich lösen?

Felwine Sarr: Afrika kann aus seinen kulturellen Ressourcen schöpfen und aus seiner langen Geschichte – immerhin liegen hier die ältesten Erfahrungen der Menschheit begründet. Die verschiedenen Kulturen Afrikas spiegeln all diese Erfahrungen der Menschheit wider, durch die im Laufe der Geschichte Widerstandskraft aufgebaut und Unterschiede integriert wurden und aus denen sich ein lebendiges soziales Miteinander entwickelt hat, ebenso wie Kreativität und Einfallsreichtum in sämtlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Afrika hat aus all diesen fruchtbaren Elementen eine Synthese gebildet, und dieser Prozess hält bis zum heutigen Tage an. Jetzt muss sich der Kontinent von inneren und äußeren Fremdeinflüssen lösen und seine eigene Gegenwart und Zukunft aufbauen.

Wie können kulturelle Ausdrucksformen wie Sprache und Literatur zu diesem Prozess beitragen?

Diese Ausdrucksformen sind gewissermaßen das Archiv einer Gesellschaft – sensibel, kognitiv, historisch. An ihnen lässt sich die Geschichte der Ideen einer Gesellschaft nachvollziehen, ihrer Mentalitäten und all der unterschiedlichen Antworten, die sie im Laufe der Zeit auf grundlegende existentielle Fragen gefunden hat. Wenn der afrikanische Kontinent wieder in die eigenen kulturellen Ressourcen investieren möchte statt ein fossilartiges Verhältnis dazu zu pflegen, wenn er seine kulturellen Reserven wieder mit Potenzial anreichern und sie neu aufkeimen lassen möchte, dann muss er der Zukunft mit seiner eigenen intellektuellen und sensiblen Geschichte entgegentreten.

Felwine Sarr Portait
Antoine Tempé

Zur Person

Felwine Sarr ist Ökonomie-Professor an der Universität Gaston Berger in Saint Louis im Senegal und Autor des vielbeachteten Essays „Afrotopia“, der seit Januar 2019 in deutscher Übersetzung vorliegt. Sarr ist außerdem Musiker und hat drei Alben veröffentlicht.

Wie sieht die Beziehung zwischen „Ihrem“ Afrika und Europa aus?

Ich sehe eine Beziehung auf Augenhöhe, die frei ist von jedem Wunsch nach Dominanz. Im Moment basiert das Verhältnis darauf, dass Europa sich einfach nicht von seinen imperialistischen Vorstellungen lösen kann. Die Beziehung befindet sich in einer Art Erstarrungszustand. Afrika ist nicht länger unterjocht; es gilt nun, aus dem Konflikt auszutreten und auch nach rechts und links zu blicken. Es gilt, aus den vorhandenen Möglichkeiten die richtigen auszuwählen und Europa nicht einfach in dessen Sackgassen zu folgen. Und vor allem gilt es, die Beziehung zueinander wieder ins Gleichgewicht zu bringen, auf allen Ebenen: kulturell, symbolisch, wirtschaftlich. Eine neue Ethik in der Beziehung zueinander zu begründen, die auf Gegenseitigkeit und Respekt beruht.

Worin kann sich die Welt von Afrika inspirieren lassen?

Die weltweit ältesten Zeugnisse sozialer Gefüge haben ihren Ursprung in Afrika. Kein anderer Kontinent hat so weitreichende Erfahrungen in allem, was das menschliche Leben betrifft, sowohl das individuelle als auch das soziale Leben. In unserer Ära des Individualistentums kann Afrika einen anderen Zugang zu Umwelt und Wirtschaft bieten, es kann Modalitäten vorschlagen, wie man Themen neu angeht und neue gesellschaftliche Verbindungen knüpft. Formen der Politik, die das Andere, das Fremde integrieren und die zulassen, dass eine Gemeinschaft entsteht im Einklang mit Mensch und Natur. Afrika verfügt über einen unerschöpflichen Reichtum an Ressourcen, an Know-how und vor allem an sozialen Kompetenzen, die von großem Nutzen sind für unsere menschliche Gemeinschaft.

Das Magazin "Afrika" (02/2018)

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