Die Doppelmoral des Westens

Die weit verbreitete, wachsende Kritik an der westlichen Doppelmoral ist ein charakteristisches Merkmal der Welt, in der wir heute leben. Sie ist starker Ausdruck der Krise der liberalen Hegemonie. Ivan Krastev, ehemaliger Richard von Weizsäcker Fellow der Robert Bosch Academy in Berlin, hat Ursachen und Auswirkungen dieser Kritik am Centre for Liberal Strategies(CLS) in Sofia erforscht. Die Ergebnisse seiner Arbeit sind im Policy Paper “The Missionary Who has to Become a Monastery“ veröffentlicht worden.

Robert Bosch Stiftung | Juni 2019
Satellitenschüsseln und Funkanlage auf einem Berg

Tiraden gegen die Doppelmoral des Westens und den Liberalismus sind in verschiedenen Teilen der Welt zu hören. Wenngleich sich Ziele und Zwecke dieser Tiraden deutlich unterscheiden, scheint die Besessenheit von Doppelmoral gemeinsames Merkmal der sich in ihnen ergehenden politischen Akteure zu sein, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Befürworter der radikalen Linken und der radikalen Rechten in der EU, Russlands Präsident Wladimir Putin, US-Präsident Donald Trump, radikale Islamisten im Nahen Osten und Antiimperialisten in Lateinamerika.

Was sind die Ursachen dieser Überempfindlichkeit gegenüber der Doppelmoral? Sind es die Machtasymmetrien, die das Bewusstsein weniger mächtiger Staaten und Gesellschaften gegenüber Regelbrüchen großer Mächte schärfen? Ist es die Tendenz der USA und der EU, sich seit dem Ende des Kalten Krieges mehr als jede andere Weltmacht regelmäßig auf universelle Prinzipien zu berufen, um ihren außenpolitischen Kurs zu rechtfertigen? Oder ist es die Erkenntnis, dass der Universalismus des Westens letztlich auch als Waffe gegen den Westen eingesetzt werden kann?

Ivan Krastev rund
Porträt Ivan Krastev
Markus Schwarze

Zur Person

Ivan Krastev ist Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies(CLS) in Sofia und Fellow des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM). Er ist Gründungsmitglied des European Council on Foreign Relations (ECFR), Mitglied des Kuratoriums der International Crisis Group und schreibt regelmäßig für die Meinungsseite der New York Times. Als Richard von Weizsäcker Fellow der Robert Bosch Academy verbrachte Krastev mehrere Arbeitsaufenthalte in Berlin.