Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit

Die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright warnte bei einer Veranstaltung der „Brookings – Robert Bosch Foundation Transatlantic Initiative“ (BBTI) in Washington, DC vor der fortdauernden Gefahr faschistischen Gedankenguts. Albright sprach über ihr Buch „Faschismus: Eine Warnung“ und zeigte sich zutiefst besorgt über die weltweite Wiederkehr von Nationalismus.

Sabine Muscat | September 2018
Chris Williams, Zoeica Images

Madeleine Albright diskutierte mit Strobe Talbott, ihrem Vizeaußenminister in der Clinton Administration, über das Thema Faschismus.

Es ist eine ungeschriebene Regel in Washington, DC, dass eine Veranstaltung mit Madeleine Albright nicht ohne eine Frage über ihre Brosche enden darf. Die frühere US-Außenministerin ist dafür bekannt, dass sie ihr Tagesmotto durch die Wahl ihrer Broschen ausdrückt. Für die Diskussion zum Thema Faschismus hatte sie ihren blaugrünen Hosenanzug mit einem römischen Gott dekoriert. „Ich trage heute Merkur, den Botschafter“, sagte sie. Ihre Botschaft und Warnung: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit.

„Wir alle müssen diese Warnung ernst nehmen, damit künftige Historiker nicht schreiben, dass wir die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätten“, sagte Christian Hänel, Bereichsleiter Völkerverständigung Amerika und Asien bei der Robert Bosch Stiftung, in seinem Grußwort. Die Diskussion mit dem früheren Brookings-Präsidenten Strobe Talbott – Albrights Vizeaußenminister während Präsident Clintons zweiter Amtszeit – gehört zur „Brookings – Robert Bosch Foundation Transatlantic Initiative“, die Dialog und Kooperation zwischen beiden Seiten des Atlantiks fördern. John R. Allen, Präsident der Brookings Institution, erinnerte an Albrights Karrierestationen von einem Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats zur UN-Botschafterin zur ersten weiblichen Außenministerin – und betonte, dass die 81jährige Politikerin und Diplomatin bis heute die globale Debatte präge.

In ihrem Buch zieht Albright einen drastischen Vergleich zwischen dem aktuellen Aufstieg autoritär gesinnter Politiker und den Entwicklungen, die zu den faschistischen Regimen von Hitler und Mussolini führten, aber auch zur sowjetischen Variante des Totalitarismus. Die dunklen Kapitel der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts sind eng verbunden mit Albrights eigener Biographie. Als Kind musste die Tochter eines tschechischen Diplomaten und Demokraten zwei Mal fliehen, erst vor den Nazis, dann vor den Kommunisten.

Heute sorgt sich Albright, dass die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen infolge der Globalisierung und des technologischen Wandels zur Wiederkehr von aggressiven Formen des Nationalismus führen – und zu gesellschaftlichen Bruchstellen innerhalb von Ländern. „Diese Spaltungen werden verschärft, wenn ein politischer Führer sich mit einer Gruppe auf Kosten einer anderen identifiziert“, sagte Albright. Sie beobachte diesen Trend in Ländern von der Türkei bis zu den Vereinigten Staaten.

Die Spaltungen werden verschärft, wenn ein politischer Führer sich mit einer Gruppe auf Kosten einer anderen identifiziert.

Albright zeigte sich alarmiert über die aktuelle politische Situation in den USA, in der die Fähigkeit zu Kompromissen und zur Bildung von Koalitionen abhanden gekommen sei. Die USA seien die älteste Demokratie der Welt. „Aber plötzlich gelten wir nicht mehr als Beispiel dafür, wie Demokratie funktionieren sollte.“

Sie hoffe dennoch, dass die USA ihre demokratischen Traditionen nicht nur wiederherstellen, sondern auch im Rest der Welt verankern können, sagte Albright. „Ich glaube, dass es den Amerikanern besser geht, wenn andere Länder Demokratien sind.“ Als Professorin an der Georgetown University School of Foreign Service ermutige sie ihre Studenten, trotz der schwierigen Zeiten in den diplomatischen Dienst einzutreten. Im Vertrauen auf die nächste Generation ließ sie das Gespräch mit vorsichtigem Optimismus ausklingen: „Ich glaube an die Zerbrechlichkeit der Demokratie, aber ich glaube auch an ihre Widerstandsfähigkeit.“