China und Nordkorea: undurchsichtige Allianz

Die Forderungen der USA an Nordkorea sind eindeutig: Nukleare Abrüstung gegen ein Ende der Sanktionen. Aber was genau sind Chinas Interessen in den Beziehungen zum Nachbarland – und vice versa? Um mehr Klarheit in dieses undurchsichtige Verhältnis zu bringen, lud die Robert Bosch Stiftung internationale Experten zu einer Veranstaltung aus der Reihe „China im Gespräch“ in die Repräsentanz nach Berlin ein.

David Weyand | Juli 2019
Das Podium
Anita Back

Welche Interessen prägen das spezielle Verhältnis von China und Nordkorea? In Berlin diskutierten die Nordkorea-Expertin Jung H. Pak (The Brookings Institution) und Li Nan (Chinese Academy of Social Sciences). Die Moderation übernahm Handelsblatt-Journalist Stephan Scheuer (re.).

Militärische Ehrenformation am Flughafen sowie eine Fahrt in offener Limousine durch ein Spalier jubelnder Massen – Nordkoreas Staatschef Kim Jong-Un bereitete dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping Ende Juni 2019 in Pjöngjang einen pompösen Empfang. Während Kim seit seinem Amtsantritt 2011 bereits vier Mal im Nachbarland war, kam Xi als erster chinesischer Präsident seit 14 Jahren auf Staatsbesuch nach Nordkorea. Zwar bleibt Chinas Einfluss auf den jungen Machthaber unklar. „Dennoch unterstreicht die Häufigkeit der Konsultationen die Bedeutung Pekings für Angelegenheiten auf der koreanischen Halbinsel“, sagte Christian Hänel, Bereichsleiter Völkerverständigung Amerika und Asien der Robert Bosch Stiftung, zum Auftakt der Diskussionsveranstaltung.

Welche Interessen prägen das spezielle Verhältnis von China und Nordkorea? Und welche Rolle spielt China im Dialog zwischen Nord- und Südkorea sowie den USA um die nukleare Abrüstung der koreanischen Halbinsel? Vor knapp 80 Gästen diskutierten über diese Fragen die Nordkorea-Expertin Jung H. Pak, Senior Fellow und SK-Korea Foundation Chair in Korea Studies beim amerikanischen Think Tank The Brookings Institution, und Li Nan, Associate Research Fellow an der Chinese Academy of Social Sciences (CASS).

„Was bewegt Kim Jong-Un?“

Moderator Stephan Scheuer, Journalist beim Handelsblatt und langjähriger China-Korrespondent, wollte zunächst wissen, welche Hintergründe Präsident Xis Besuch in Nordkorea hatte. Li Nan hob mehrere Aspekte hervor: Einerseits wollte Xi nach vorherigen Besuchen in Russland und Zentralasien ein symbolisches Zeichen für die ebenso enge Verbindung zum traditionellen Verbündeten aussenden. Außerdem wollte er vor dem G20-Gipfel in Japan und einem dortigen Treffen mit US-Präsident Trump „persönlich in Erfahrung bringen, was Kim Jong-Un aktuell bewegt“, so Li. Und schließlich habe Peking ein Interesse am wirtschaftlichen Austausch mit dem Nachbarn – trotz bestehendem UN-Sanktionsregime.

Jung Pak sieht von Seiten Nordkoreas in erster Linie „taktische Gründe“ für den Staatsbesuch. Kim wolle verhindern, dass China Nordkorea politisch wie wirtschaftlich fallen lasse, Befürchtungen über eine Instabilität seines Regimes zerstreuen und eine Aufweichung der UN-Sanktionen erreichen. Direkt nach der Machtübernahme verweigerte sich Kim zunächst einer Bevormundung durch die chinesische Führung und war nicht bereit, auf deren Vorbehalte gegenüber weiteren Nuklear- und Raketentests einzugehen. „Nun aber zeigen die insgesamt fünf Treffen mit Präsident Xi – im Vergleich zu deutlich weniger Austauschen mit anderen Staatsführern – wo Kims Fokus liegt: auf den Beziehungen zu China“, sagte die Brookings-Expertin.

Symbolischer Gipfel ohne konkrete Vereinbarungen

Doch die Jubelbilder sollten nicht darüber hinwegtäuschen, „dass sich beide von Beginn an skeptisch gegenüberstanden und gegenseitig misstrauen“, ergänzte Jung Pak. Dieser Einschätzung pflichtete Li bei: Der aktuelle Gipfel war „ein symbolisches Treffen“ ohne substantielle Ergebnisse. Für Kim seien die bilateralen Treffen mit Xi, aber auch mit Russlands Präsident Putin, dennoch sehr wichtig, da sie sein Gewicht in den Verhandlungen mit der Trump-Administration zur Denuklearisierung Nordkoreas erhöhten. „Kims Forderungen nach Sicherheitsgarantien und seine Aussagen zur militärischen Bedrohung durch die USA kommen damit nicht nur aus seinem Munde, sondern auch von den Führern zweier regionaler und globaler Mächte“ sagte Jung Pak.

Ein zentrales Problem bleiben Nordkoreas nukleare Ambitionen. Kim sei vor dem zweiten Gipfeltreffen mit Trump in Hanoi bereit gewesen, die Atomwaffen abzugeben, traue den USA aber jetzt nicht mehr, erläuterte Li. Pak widersprach ihm in diesem Punkt: „Er verspricht viele tolle Dinge, ich glaube aber nicht, dass er wirklich willens ist, die Atomwaffen abzugeben“.  Während China und auch Südkorea in den Beziehungen zu Nordkorea auf einen Wandel durch ökonomische Annäherung setzen, hätten die USA eine klare Bedingung: „Ihr bekommt eine wirtschaftliche Öffnung und ein Ende der Sanktionen nur dann, wenn ihr auf Atomwaffen verzichtet“, fasste Jung Pak die Position der US-Regierung zusammen.

Die Grenze zu China ist die ökonomische Lebensader Nordkoreas

Chinas Einfluss auf Nordkoreas Denuklearisierung sei hingegen bei weitem nicht so groß, wie angenommen, sagte Li. „Kim traut niemandem und er hat seine eigene Agenda. Wenn die USA in dieser Frage alleine auf den Druck und die Hilfe Chinas setzen, wird das zu keinem Erfolg führen.“ Li, der selbst häufig in Nordkorea forscht und mit der Bevölkerung spricht, sieht Kim jedoch auch im eigenen Land unter Druck: „Die Bevölkerung will eine bessere Ökonomie, sie haben die Militarisierung satt und wollen keine Raketentests mehr“. Darum habe China gerade an dieser Stelle Möglichkeiten zur Einflussnahme. „Die Grenze zu China ist die ökonomische Lebensader Nordkoreas“ zitierte bereits Christian Hänel in seiner Begrüßungsrede den Korrespondenten der Deutschen Welle in Seoul und Bosch-Alumnus Fabian Kretschmer.

Die beiden Experten auf dem Podium betonten aber auch das Eigeninteresse Chinas an einer stärkeren wirtschaftlichen Öffnung Nordkoreas. China schiele auf die potenziell möglichen Handelszuwächse. Gleichzeitig fürchte sich Peking vor dem Kollaps des Regimes und daraus folgenden Instabilitäten wie Flüchtlingsbewegungen ins eigene Land. Die Diskussion hat gezeigt: Es gibt für China und Nordkorea vielerlei Gründe, weiterhin im Gespräch zu bleiben.