Interkulturelle Sinne vor Ort schärfen: DHBW-Studierende zum Auslandssemester in Südafrika

Amadeus Blessing und Lisa Schuler studieren seit Oktober 2016 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Lörrach im Studiengang „BWL-Personalmanagement/ Personaldienstleistung“. Ihre Praxisphasen verbringen sie im Wechsel in der Robert Bosch Stiftung, im Robert-Bosch-Krankenhaus und im Unternehmen Bosch. Anfang des Jahres jedoch tauschten sie Stuttgart gegen Durban und absolvierten gemeinsam ein Auslandssemester in Südafrika – mit ausdrücklicher Unterstützung der Stiftung.

Robert Bosch Stiftung | August 2019
Hände mit südafrikanischer Fahne bemalt
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„Interkulturelle Kompetenz hat für uns Personaler heutzutage eine wichtige Bedeutung“, erklärt Amadeus Blessing. „Es geht darum, die Sinne im Kontakt zu internationalen Mitarbeitern zu schärfen. Denn die Globalisierung hat enorme Veränderungsprozesse ausgelöst“, sagt der 23-jährige gebürtige Freiburger. Seine Kommilitonin und Mitreisende Lisa Schuler stimmt dem zu und erklärt, was sie durch den Auslandsaufenthalt gewinnt: „Wir betreuen später verschiedenste Mitarbeiter und sollten ein Verständnis für deren Bedürfnisse entwickeln, auch wenn man selbst vielleicht kulturell bedingt andere Perspektiven hat.“ Außerdem sei es immer von Vorteil, die eigenen Fremdsprachenkenntnisse im Ausland zu verbessern, so die 21-Jährige.

Die beiden haben sich im Januar 2019 gemeinsam auf den Weg an die Durban University of Technology (DUT) gemacht. „Wir haben uns sinnvoll ergänzt, so wie hier in Deutschland an der Hochschule und im Unternehmen. Zusammen ging die Planung viel leichter, und vor Ort hatten wir das gute Gefühl, uns aufeinander verlassen zu können“, erklärt Amadeus Blessing.

Ausblick in eine Schlucht

Lisa Schuler: Die DHBW Lörrach bietet viele verschiedene Möglichkeiten und Partneruniversitäten an. Es wurde Südafrika, da es außerhalb von Europa einen ganz anderen kulturellen Einblick gibt, aber auch aus pragmatischen Gründen. Die Inhalte an der Universität dort passen gut zu unserem Studiengang und den Vorlesungen in Deutschland, was Voraussetzung zur Anrechnung der ECTS Punkte hier ist. Das heißt, wir haben Leistungen erbracht, die hier auch alle anerkannt werden. Deshalb waren auch schon viele Jahrgänge vor uns dort und haben es sehr empfohlen.

Amadeus Blessing: Ich war schon einmal in Südafrika und wollte tiefer in Kultur und Wirtschaft einsteigen. Finnland stand noch zur Auswahl, aber das wäre schwierig zu organisieren gewesen wegen einer Überlappung der Zeiten an der DHBW. Außerdem war die Fächerkombination in Durban für uns attraktiv und wir lernten eine „normale“ Uni kennen. In der außereuropäischen Kultur Südafrikas werden mehr Unterschiede zu unseren Systemen sichtbar. Das erhöht den Mehrwert für die interkulturelle Kompetenz deutlich. Gerade in Durban prallen viele Kulturen aufeinander; es ist wohl die authentischste südafrikanische Stadt.

Lisa Schuler: Für mich war es eine besondere Erfahrung, dass sich die Art des Arbeitens an der Universität schon klar von hier unterscheidet. Die Studierenden organisieren sich ganz anders. Arbeitsanweisungen werden nicht so präzise formuliert wie in Deutschland, was wiederum eine gewisse Form von Selbstständigkeit verlangt. Man muss sich im Vergleich zu Lörrach um vieles selbst kümmern. Aber alle sind immer sehr hilfsbereit, sehr interessiert an unserem Aufenthalt und daran, wie es uns in Durban gefällt.

Amadeus Blessing: Fachlich waren wir meistens voraus, was wohl mit den teils schwierigen Bedingungen des Bildungssektors im Land zu tun hat. Auch im Bereich der Didaktik habe ich Unterschiede festgestellt. Dazu kamen z. B. bei Gruppenarbeiten mit Einheimischen unterschiedliche Ansprüche und unterschiedliches Zeitmanagement. Das war sehr interessant. In Südafrika habe ich eine andere Vorstellung von Zeitmanagement kennengelernt. Dafür sollte man Geduld und Verständnis mitbringen.

Die Regenbogennation kennenlernen

Auch außerhalb des Studiums tauchten Lisa Schuler und Amadeus Blessing ein in die vielschichtige Gesellschaft der Regenbogennation. „Die Multikulturalität“, so Amadeus Blessing, „ist ein großes Thema, ebenso wie Entscheidungen, die im Konsens getroffen werden. So hat mir ein Manager in Kapstadt erzählt, dass er sich zu gemeinsamen Entscheidungen mit Familie und Vorfahren verpflichtet fühlt, um das kollektive Wissen der Gemeinschaft nicht zu entwürdigen.“ Dazu komme oft noch eine ausgeprägte Spiritualität sowie die Inspiration durch das große nationale Vorbild: „Mandela ist nach wie vor eine wichtige Persönlichkeit und Symbol für Offenheit und die Abschaffung von Rassentrennung. Die Gesellschaft schafft es größtenteils, so mein persönlicher Eindruck, diese Werte weiterzutragen trotz manch‘ kritischer Tendenzen in der Tagespolitik“, meint Amadeus Blessing. Dennoch hatte er das Gefühl, dass „nach über 50 Jahren praktizierter Apartheid bei einigen noch eine innere Apartheid besteht, die ein vorurteilsloses Miteinander erschwert.“

Lisa Schuler ist die Lebensfreude vieler Menschen besonders aufgefallen, trotz teilweise schwieriger sozialer und wirtschaftlicher Lebensbedingungen. Sie erinnert sich: „Ich entschied mich, am Universitätssport, genauer dem Fußballtraining der Frauenmannschaft teilzunehmen. Nachdem wir uns warm gemacht hatten, gab es eine kurze Trinkpause und plötzlich fingen alle an zu singen. Das zog sich durch das ganze Training durch – in jeder kleinen Pause stimmte irgendwer ein Lied an, und wir hatten wirklich sehr viel Spaß.“

Was bleibt?

„Wir haben Südafrika lieben gelernt und empfehlen ein solches Auslandssemester ausdrücklich“, sagen Amadeus Blessing und Lisa Schuler einhellig. Sie geben dafür folgende Tipps: „Auf jeden Fall früh mit der Planung beginnen und eine To-do-Liste mit allen Deadlines aufstellen. Es geht um Visum, Gesundheitscheck und Impfungen, Infos früherer Austauschstudenten, Flug, Wohnungssuche, Kurswahl an der Uni und vieles mehr.“ Und um die (Eigen-)Finanzierung von Reise und Aufenthalt: „Unser auch sonst wirklich toller Arbeitgeber Stiftung hat jeden von uns mit 1700 Euro unterstützt. Das war eine große Hilfe, für die wir dankbar sind.“

Und eine in jeder Hinsicht gute Investition. Der Aufenthalt hat prägende Spuren hinterlassen, wie Amadeus Blessing und Lisa Schuler in ihrem Fazit verdeutlichen: „Die Offenheit, die uns die afrikanischen Kommilitonen, Mitbewohner und viele andere Menschen entgegengebracht haben, hat uns tief beeindruckt. Offenheit ist in Zeiten wie diesen, die geprägt sind von Populismus, Ausgrenzung, Abschottung und Angst, essenziell für den interkulturellen Austausch und das friedliche Zusammenleben überhaupt.“

Lisa Schuler und Amadeus Blessing

Lisa Schuler und Amadeus Blessing