Aufbruch in der muslimischen Zivilgesellschaft: Engagement stärken, Teilhabe ermöglichen

„Muslime in Deutschland“ heißt ein Thema der Robert Bosch Stiftung im Bereich Gesellschaft. Zwei Mitarbeiter/innen setzen das Förderziel um, Muslime als zivilgesellschaftliche Akteure zu stärken und ihre gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern. Eine davon ist Mariam Ahmed. Sie wurde 1985 in Stuttgart geboren. Ihre Eltern stammen aus Pakistan.

Robert Bosch Stiftung | Juni 2019
Traube 47

Seit September 2016 arbeitet Mariam Ahmed in Teilzeit als Projektmanagerin bei der Stiftung. Doch die Inhalte ihrer Tätigkeit beschäftigen sie schon viel länger; sie haben auch mit ihr persönlich zu tun. „Eigentlich ist das Thema Teilhabe für mich schon relevant, seitdem ich in der Schule war“, erklärt sie. Denn als Tochter muslimischer Migranten sei es damals quasi selbstverständlich gewesen, erinnert sie sich, „dass ich in der vierten Klasse trotz ordentlicher Noten eine Hauptschulempfehlung bekam. Denn ich würde nach dem gängigen Klischee eh bald heiraten und Kinder bekommen.“

Vielfältig engagiert

Doch ihr damaliger Traumberuf Lehrerin erforderte das Abitur. Dank ihres Willens und des Einsatzes ihrer Mutter, die in Pakistan Gymnasiallehrerin gewesen war, „kam ich auf die Realschule und nach einem sehr guten Abschluss aufs Gymnasium bis zum Abitur.“ Dort traf sie auf jemanden, der ihren Weg positiv beeinflussen sollte. „Ein Lehrer wies mich nach den Anschlägen des 11. September und den vielen Nachfragen in der Schule an mich auf das Studienfach Islamwissenschaften in Tübingen hin. Und da ich schon von klein auf eine kritische Person war, auch meinem Glauben gegenüber, habe ich mich dafür entschieden.“ Im Februar 2016 schloss sie, einschließlich des Nebenfachs Erziehungswissenschaften, erfolgreich ab. Während der Studienjahre verfolgte Mariam Ahmed zahlreiche ehrenamtliche Aktivitäten u.a. als Referentin oder Organisatorin von Bildungsangeboten, als Übersetzerin, als Chefredakteurin einer jungen bilingualen Frauenzeitschrift oder als Netzwerkerin in diversen Gremien und Organisationen.

Eigenes Erleben als besondere Kompetenz

Mariam Ahmed kennt sie gut, die typischen Fragen und Kommentare, die einer „fremd“ anmutenden Muslima im Alltag begegnen. „Viele Menschen sind ziemlich irritiert, wenn ich auf ein ‚Woher kommen Sie?‘ mit ‚Stuttgart‘ antworte. Und trotzdem folgt manchmal noch ein ‚Sie sprechen aber gut Deutsch‘ hinterher“. Diese und ähnliche, oft verletzende Erlebnisse – Mariam Ahmed nennt es „Ausgrenzungserfahrung“ oder „nicht privilegierte Situation“ – formten eine wichtige Kompetenz für ihre jetzige Arbeit als Projektmanagerin. Denn sie weiß um die alltäglichen Erfahrungen und jahrelangen Prägungen der Projektpartner, kennt vieles aus dem eigenen Erleben.

Ein differenziertes Bild vermitteln

„Ich wünsche mir sehr, dass es gelingt, ein differenziertes Bild von Muslimen in Deutschland zu vermitteln; daran arbeiten wir“, sagt Mariam Ahmed. Denn der zunehmende Hass in den sozialen Netzwerken und im Alltag erschreckt und beunruhigt sie sehr. Doch gerade in den letzten Jahren nimmt sie eine „positive Dynamik in der muslimischen Zivilgesellschaft wahr, verbunden mit der Bereitschaft, sich aktiv zu beteiligen“. An diesem Punkt setzen die Initiativen der Stiftung an. Etwa im Programm „Yallah! Junge Muslime engagieren sich“. Die Geförderten bringen sich in Deutschland gesellschaftlich ein und begründen dies mit ihrem Glauben. Sie unterstützen Senioren, organisieren Diskussionen mit Jugendlichen, helfen bei Stadtteilfesten oder halten Vorträge an Schulen und Universitäten. „Diese Vielfalt und Kreativität zeigen, wie ‚bunt‘ der Islam in Deutschland längst ist“, erklärt Mariam Ahmed.

Frauen als Vorbilder

Oder das Programm „Mitgestalten – Muslimische Frauen engagieren sich“. „Viele Frauen leisten wertvolle ehrenamtliche Arbeit, die positiv über die eigene Gemeinde hinaus wirkt“, so Mariam Ahmed. Sie diskutierten über Gleichstellung und Feminismus oder sie seien in der Flüchtlingshilfe aktiv. „Diese Frauen sind Vorbilder und Multiplikatorinnen“, erläutert sie. „Unsere Förderung stärkt und professionalisiert ihre Arbeit, so dass sie u.a. ihr öffentliches Bild besser mitbestimmen können.“ So wie dies Mariam Ahmed für sich selbst seit vielen Jahren mit großer Leidenschaft tut. Ihr nächstes persönliches Projekt heißt übrigens Promotion.

Porträt Mariam Ahmed

Mariam Ahmed