Was macht eigentlich ein Islamberater?

Wie werden Muslime aktive Partner im Gemeindeleben? Wie entsteht ein Dialog zwischen den Konfessionen? Dr. Hussein Hamdans Job ist es, auf diese Fragen Antworten zu finden. Hier erzählt Deutschlands erster Islamberater von den Aufgaben und Herausforderungen, die seine außergewöhnliche Arbeit bereithält.

Jan Abele | Januar 2018
Islamberater Dr. Hussein Hamdans
Lena Giovanazzi

Mein Tag beginnt nie wie der letzte. Ich bin viel unterwegs, weil ich in der Regel vor Ort berate. Bislang nehmen vor allem Vertreter von Kommunen mein Angebot in Anspruch. Ich bin überrascht, wie wenige Kenntnisse Kommunen über den Islam und die Muslime hier haben. Manchmal fühlt es sich an, als würden sie erst seit drei Tagen in diesem Land leben. Es sind in der nichtmuslimischen Gesellschaft so viele Vorbehalte, Klischeevorstellungen und Falschinformationen verbreitet. Ich habe also gut zu tun.

Als Islamberater stellt Hamdan Nähe und Vertrauen her

Manchmal geht es um ganz einfache Dinge; ein Bürgermeister, der ein Stadtfest plant und die muslimische Gemeinde in seinem Ort einbeziehen will. Er weiß aber gar nicht, wen er ansprechen soll. Und vor allem: wie. Manchmal geht es um weniger Alltägliches. Ein Sufi-Verein wollte Unterstützungsleistungen für Asylbewerber in einer Gemeinschaftsunterkunft leisten. Ich wurde von der Kommune um eine Einschätzung dieser Gruppe gebeten. Als promovierter Islam- und Religionswissenschaftler habe ich auch die Expertise, den Sufismus einzuordnen. 

Ich werde in meiner Funktion immer wieder als „Türöffner“ oder „Brückenbauer“ bezeichnet. Ich finde, das stimmt nur zum Teil. Ich befähige auch die Menschen dazu, in den Dialog zu treten, indem ich sie aufkläre und mit Sachverstand ausstatte. Was die Menschen dann daraus machen, liegt bei ihnen. Ich habe zum Beispiel in einer Stadt zusammen mit der Verwaltung, Kirchen und einer Moschee einen „runden Tisch“ eingeführt, der Bürgermeister nimmt jetzt ganz selbstverständlich beim Fastenbrechen im Ramadan teil. Das sorgt für Nähe und Vertrauen. Ich sehe in diesem Land noch so viel brachliegendes Potenzial. Das zu ändern, motiviert mich.

Es gibt aber auch die anderen Momente. Wenn ich spüre, dass trotz meiner Arbeit eben kein Dialog stattfindet; das kann die verschiedensten Ursachen haben. Ich wünsche mir von den muslimischen Gemeinden manchmal mehr Eigeninitiative, mehr Verbindlichkeit, mehr Professionalität in der Kommunikation. Einmal begrüßte mich ein Bürgermeister damit, dass wir nur eine halbe Stunde für das Gespräch hätten, um mir dann erst mal lange zu erklären, wie die Welt funktioniert. Dann bin ich deutlich geworden. Jetzt rede ich, habe ich gesagt und habe das Wort ergriffen. 

Ich treffe im Berufsalltag neben großer Dankbarkeit auch auf Herablassung und Unverständnis, aber ich bringe auch einen persönlichen Erfahrungsschatz mit. Er ist mein Rüstzeug für solche Situationen. Das möchte ich noch kurz erklären.

Hussein Hamdan spielt Fußball
Lena Giovanazzi

Wie funktioniert Gemeinschaft? Hussein Hamdan hat das auch beim Fußball gelernt.

Ich bin im Alter von sieben Jahren mit meinen Eltern aus dem Libanon nach Deutschland gekommen und in Rheinland-Pfalz aufgewachsen. Ich bin diesem Land für vieles dankbar, kenne aber auch das Gefühl, ausgegrenzt zu werden. In der Jugend hat mich dann besonders der Fußball getragen.

Beim Fußball lernt man, wie Erfolge aus Gemeinschaft entstehen und dass jeder dafür Verantwortung trägt.

Einmal musste ich als letzter Spieler im Nieselregen beim Elfmeterschießen zum Punkt. Diese unerträglichen Sekunden, wenn man den Ball hinlegt und beim Anlaufen allen der Atem stockt, die können einen formen. Als ich einmal in einer für mich schwierigen Projektphase auf dem Weg zu einem Beratungstermin war und am liebsten nach Hause gegangen wäre, erinnerte ich mich an dieses Elfmeterschießen. Das hat mir geholfen, meiner Verantwortung gerecht zu werden und die Menschen über die Widerstände hinweg von meinen Ideen zu überzeugen. Jeder Beratungstermin verläuft anders, gemein haben sie, dass ich immer zu 100 Prozent vorbereitet und konzentriert sein muss. 

Oft endet ein Tag mit Musik, besonders, wenn er sehr anspruchsvoll war. Ich bin Beatles-Fan. Musik hilft mir, runterzukommen.

Das Magazin "Neu" (01/2018)

Neues zu gestalten und gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen ist eine Kernaufgabe der Robert Bosch Stiftung....