Denk-Raum für Europa

Die Europäische Union hat viel erreicht. Aber wie gut ist sie aktuell? Und was soll die Zukunft bringen? Darüber diskutierten internationale Gäste beim Veranstaltungsschwerpunkt Europa 21 auf der Leipziger Buchmesse. Hitzig und respektvoll, streitbar und konstruktiv.

Alexandra Wolters | März 2018
Podium und Zuschauer
Rainer Justen

Die Frau in rot applaudiert lautstark. Sie sitzt im Café Europa in Halle 4 auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse in der ersten Reihe. Und das bei allen Veranstaltungen zu „Europa 21 – Denk-Raum für die Gesellschaft von morgen“, dem Programmschwerpunkt der Robert Bosch Stiftung und der Leipziger Buchmesse. „Ich habe mir auch in den vergangenen beiden Jahren keinen einzigen Beitrag von Europa 21 entgehen lassen. Einfach toll, was die Kuratoren und ihre Gäste hier auf die Bühne bringen“, resümiert die Rentnerin aus Oberhausen nach der letzten Podiums-Diskussion. Europa liegt ihr am Herzen, erklärt sie. „Europa ist auf keinen Fall ein Flop.“ Auch wenn die Stimmung gegenüber der Europäischen Union gerade kritisch und oftmals auch negativ sei. Man müsse schlicht einiges verbessern.

Aber was genau? Und bräuchte man als Europäer für diese Erkenntnis nicht auch eine selbstkritischere Sicht? Unbedingt, meint Mohamed Amjahid, der diesjährige Kurator von Europa 21. Deshalb hatte er den einzelnen Programmpunkten auch die provokante Frage vorangestellt: „Sind wir wirklich die Besten?“. Dazu diskutierten die internationalen Gäste aus Zivilgesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Medien auf der Leipziger Buchmesse 2018 hitzig, respektvoll, streitbar und konstruktiv. „Genauso hatte ich mir das gewünscht“, sagte Amjahid nach dem letzten Applaus des Publikums, das sich nicht nur mit Klatschen und Kopfnicken in den Dialog einbrachte, sondern auch mit kritischen Nachfragen und reflektierten Beiträgen.

„Was tut der Zukunft Europas gut?“

Diese Frage tauchte immer wieder in den insgesamt sieben Programmpunkten zu Europa 21 auf. Amjahid stellte sie auch im Europaduell zwischen den beiden Polen Adam Szymczyk und Aleksandra Rybińska. Der in Athen lebende Chefkurator der documenta 14 und die Politikwissenschaftlerin und Journalistin aus Warschau vertraten dazu durchaus unterschiedliche Meinungen. Während Szymczyk als überzeugter Europäer die Wichtigkeit von offenen Grenzen und Solidarität betonte, zeichnete Rybińska ein düsteres Bild für Europas Zukunft: „Niemand ist mit dem heutigen Europa zufrieden. Aber ich sehe da keine Visionen und Ideen. Wir haben in Europa eine ernsthafte Krise.“ Sie vermisse eine echte Gleichberechtigung zwischen den Staaten. „Die Großen dominieren das Geschehen, die Kleinen werden überstimmt.“ Hinter die Reformideen „mehr Föderalismus“ und „Europa der Nationen“ stellte die streitfreudige Polin zwar ein Fragezeichen, hatte selbst aber keine besseren Alternativideen, wie ein Europa der Zukunft aussehen sollte. Entsprechend würde sie für den Verbleib Polens in der EU stimmen, gäbe es ein Referendum hierzu.

Einige Argumente der Journalistin lösten beim Publikum Kopfschütteln aus. Viel Zustimmung von den Gästen hingegen erhielten die norwegische Schriftstellerin Åsne Seierstad und die taz-Redakteurin Doris Akrap bei der Debatte „Wir, die Partner und Freunde? Oder wie das erweiterte Europa das Ganze betrachtet“. „Wenn es dir schlecht geht, handelst du auch schlecht. Deshalb müssen wir in Europa vor allem die Lebensbedingungen der Menschen verbessern, denen es nicht so gut geht,“ so ein Vorschlag Seierstads für die Zukunft Europas. „Wir müssen an der ökonomischen und sozialen Gerechtigkeit arbeiten, um dem Nationalismus zu widerstehen.“ Dafür brauche man aber Politiker, die wirklich Lust auf ihre Arbeit, Ideen für Europa und Mut haben, fügte Akrap hinzu. Als Signal gegen die Radikalisierung in Europa schlug die viel gereiste deutsch-kroatische Journalistin vor, Istanbul, eine Stadt mit vielen Muslimen, zumindest für einen Zeitraum zur europäischen Hauptstadt zu machen. Und das sei ihr durchaus ernst, kommentierte sie das Schmunzeln einiger Gäste.

Sind wir wirklich die Besten?

Europa und die europäische Union haben viel erreicht, da waren sich die meisten Podiumsteilnehmer und das Publikum einig. Gerechtigkeit, Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenrechte sind positive Errungenschaften, die aber auch außereuropäische Staaten erreicht haben. „Wir sind zu eurozentrisch“, äußerte sich der in Schweden lebende syrisch-palästinensische Filmemacher Ghayath Almahdoun beim Podium „Wir, die Zivilisierten? Oder was europäische Zivilisation überhaupt ist.“ Es gebe keinen Grund für Europa, sich über andere zu erheben, den Oberlehrer zu mimen und sich und die dunklen Seiten der europäischen Zivilisation nicht selbstkritisch zu hinterfragen.

In diesem Sinne zeigten viele Diskussionsteilnehmer die Schwachstellen der europäischen Gemeinschaft auf: zu wenig Solidarität mit Armen, Flüchtlingen und diversen Minderheiten mangelnde Gleichberechtigung, schlechter Zugang zu Bildung und zum Gesundheitswesen für die weniger Wohlhabenden, keine gemeinsame beziehungsweise ein zu ausgrenzendes Verständnis von Identität, zu wenig Integration und Einheit.

Dennoch gab es zum Ende der Debatten auch hoffnungsvolle Ausblicke: „Es ist doch toll, dass es in Europa so viele regionale Unterschiede gibt, die auch erhalten bleiben sollen“, sagte die stellvertretende taz-Chefredakteurin Katrin Gottschalk in ihrem Europaduell. „ Wir müssen nur mehr auf der Suche danach sein, was uns vereint, als was uns trennt.“ Die Solidarität in Europa sei ja durchaus vorhanden, sagte die deutsch-griechische Autorin Danae Sioziou in der Debatte „Wir die Postsolidarischen? Oder wo liegen die Grenzen der europäischen Solidarität“. Allerdings beschränke sie sich zu sehr auf kleine Handlungen im Alltag. Wie könnte die Europäische Union dafür sorgen, die Solidarität im Großen zu stärken? Diese Frage des Kurators Mohamed Amjahid blieb am Ende unbeantwortet – und bietet Stoff für weitere Debatten und die Suche nach gemeinsamen Lösungen.

Mitschnitte der Diskussionen auf Soundcloud

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