Expertenkommission der Robert Bosch Stiftung veröffentlicht erstes Dossier zum Thema "Sprachvermittlung und Spracherwerb für Flüchtlinge"


Kommission empfiehlt: Gleichrangiger Zugang zu Sprachkursen bereits während laufendem Asylverfahren


Kommissionsvorsitzender Armin Laschet: "Je früher die Flüchtlinge unsere Sprache erlernen können, umso früher gelingt auch ihre gesellschaftliche Teilhabe – und damit ihre Integration"

Berlin, 26. November 2015 – Sprache ist der Schlüssel zur Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt. Doch die Sprachvermittlung an die hohe Zahl an Flüchtlingen und Asylbewerber stellt Deutschland vor große Herausforderungen. "Je früher die Flüchtlinge unsere Sprache erlernen können, umso früher gelingt auch ihre gesellschaftliche Teilhabe - und damit ihre Integration", so Armin Laschet, Vorsitzender der Robert Bosch Expertenkommission zur Neuausrichtung der Flüchtlingspolitik.

In ihrem heute erschienenen Dossier zum Thema "Sprachvermittlung und Spracherwerb für Flüchtlinge" empfiehlt die Kommission daher die Sprachkenntnisse der Asylbewerber bereits im Zuge des Aufnahmeprozesses in den Erstaufnahmeeinrichtungen zu erheben. Bisher erfolge dies nur in Modellprojekten. Asylbewerber mit hoher Bleibeperspektive sollten dann bereits während ihres laufenden Asylverfahrens gleichrangigen Zugang zu Sprach- und Orientierungskursen erhalten. Aktuell haben Asylbewerber mit Bleibeperspektive nur einen nachrangigen Zugang zu den Kursen, die aufgrund der großen Nachfrage in der Regel bereits belegt sind. Viele Monate wertvoller Zeit und Motivation gehen so verloren.

Daher rät die Kommission dazu, BAMF-Integrationskurse auszuweiten und stärker zu differenzieren. Für Bildungseinrichtungen gelte es, Angebote für Deutsch als Zweitsprache auszubauen, Lehrkräfte und Pädagogen entsprechend zu schulen und deren interkulturelle Ausbildung und Sensibilisierung zu verbessern. Um überhaupt genügend Lehrer für die Sprachkurse zu finden, schlägt die Kommission darüber hinaus unkonventionelle Wege vor: Pensionierte Lehrer oder Dozenten könnten in den kommenden Jahren eine große Hilfe sein, wenn man ihnen passende Beschäftigungsmodelle anbietet.

Die Kommission empfiehlt zudem, zivilgesellschaftliche Initiativen zu stärken und die ehrenamtlichen Netzwerke und deren Qualifizierung auszubauen. In jedem Fall sollten die ehrenamtlich bereitgestellten Angebote zur Sprachvermittlung über spezielle Koordinatoren systematisch mit den staatlichen Angeboten verbunden werden. Auch freiwillige Sprachkurse in den Erstaufnahmeeinrichtungen, z.B. durch Ehrenamtliche oder Teleteaching über Computer- oder Smartphone könnten dazu beitragen, schon die ersten Monate in Deutschland produktiv zu nutzen.

Das Themendossier, das heute im Rahmen der vierten Sitzung der Expertenkommission veröffentlicht wurde, ist der Auftakt einer Reihe von Publikationen. In den kommenden Wochen erscheinen weitere Themendossiers zu Bildung, Wohnen und Gesundheitsversorgung. Im Frühjahr 2016 wird die Kommission einen Abschlussbericht vorlegen.

"Jetzt ist die Zeit, in der wir die Weichen richtig stellen müssen", sagt Uta-Micaela Dürig, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung. "Wenn wir es schaffen, den Spracherwerb und die Integration in Ausbildung und Arbeitsmarkt gut zu organisieren, wird am Ende unsere ganze Gesellschaft profitieren. Deshalb bringen wir Experten und Entscheider aus unterschiedlichen Ressorts zusammen, damit sie über sinnvolle Maßnahmen diskutieren, die langfristig Wirkung zeigen."

Mit der im März 2015 einberufenen Robert Bosch Expertenkommission zur Neuausrichtung der Flüchtlingspolitik unter Vorsitz von Armin Laschet hat die Stiftung zehn hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammengebracht, um konkrete Handlungsoptionen und Reformvorschläge für die deutsche Flüchtlingspolitik zu entwickeln. Über Anhörungen, Gespräche und Gutachten bindet die Kommission bedarfsorientiert wissenschaftliche, politische und ethische Expertise von Akteuren und Experten in ihre Arbeit ein und versteht sich dabei als parteipolitisch unabhängiger Berater.

Mitglieder der Kommission sind


Armin Laschet (Vorsitz), Stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU und ehemaliger Integrationsminister des Landes Nordrhein-Westfalen


Heinrich Alt, Bundesagentur für Arbeit


Günter Burkhardt, Geschäftsführer Pro Asyl


Peter Clever, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände


Dr. Michael Griesbeck, Vizepräsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg


Prof. Dr. Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach


Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg und Vize-Präsident des Deutschen Städtetags


Bilkay Öney, Ministerin für Integration des Landes Baden-Württemberg, Stuttgart


Roland Preuß, Süddeutsche Zeitung


Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks


Prof. Dr. Christine Langenfeld, Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (Gast)

Themendossier Sprachvermittlung und Spracherwerb für Flüchtlinge

Das Themendossier "Sprachvermittlung und Spracherwerb für Flüchtlinge: Praxis und Potenziale außerschulischer...

Chiara Josten
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