Adelbert von Chamisso Prize of the Robert Bosch Stiftung

Nicol Ljubić

Adelbert-von-Chamisso-Promotional Prize 2011

Born in Zagreb in 1971, he grew up in Sweden, Greece, Russia, and Germany as the son of an airplane mechanic. He studied political science at the University of Bremen and completed a vocational training program in journalism at the Henri Nannen School for Journalists. Today, he works in Berlin as a freelance journalist (for publications such as Stern, Chrismon, Geo, and Eltern) and author. The Robert Bosch Stiftung supported the research for his second novel Meeresstille with a Border Crossers scholarship; the book was on the 2010 German Book Prize’s long list.

Awards:
Hansel Mieth literature prize, 1999
Theodor Wolff literature prize, 2005
n-ost Reporting Prize
Ver.di literature prize Berlin-Brandenburg, 2010

Extract

Du hast zwei Gelübde abgelegt. Du wolltest 71317 Frauen töten, notzüchtigen oder schwängern. Und du wolltest mich lieben. Ich habe an das zweite Gelübde geglaubt, du hast es im Hause des Herrn erbracht, indem du deine Mörderpranke auf meine Hand gelegt hast, ich spürte ihr Gewicht und vergaß, dass es deine rechte Hand war, mit der du den anderen Frauen den Mund schlossest, damit sie nicht schrieen, während dein linker Unterarm auf den Kehlkopf drückte. Hättest du wenigstens schmale Hände gehabt, aber nicht mal in den Nächten, in denen ich von dir träumte und mein Gesicht in deine Hände legte, hattest du zarte Hände. Sie blieben Mörderpranken. Ich versuchte, einen Unterschied zu machen, zwischen der, die ihre Schreie erstickte und der anderen, die nichts dafür konnte, dass der Unterarm ihnen das Leben nahm. Du hättest den backsteingroßen Granitstein nicht in die linke Hand genommen, auch das Rasiermesser nicht. Du hättest mit ihr nicht mal die Büchsenmilch öffnen können. Aber es war deine rechte Hand, deren Gewicht ich spürte und ich wünschte, ich könnte sagen, dass sie kalt war bis in die Fingerspitzen, aber du warst kein Mensch mit kalten Fingern. Meine Hand fühlte sich geborgen und ich hätte sie ewig unter deiner gelassen, wären wir nicht unter Beobachtung gewesen. Wie eine Höhle, in die ich hineingekrochen war. Als hätte ich unter deiner Hand verschwinden können. Sie war mein Versteck, als wir nebeneinander auf der Kirchenbank saßen. Ich habe sie gespürt, deine Hand, aber nicht gesehen. Erst im Nachhinein habe ich dieses Bild vor Augen: Unsere Hände lagen auf deinem Bein, du trugst deine Cordhose, und ich stellte mir vor, wie sich die Stoffrippen in meinen Handballen drückten und einen Abdruck von symmetrischen Linien hinterließen. Die gepflügte Hand. Es war meine Hand, die dein Bein gesucht hat, du hättest das nie getan, dich nie getraut, deine Mörderpranken auf mich zu legen. Ich habe auf den Altar gestarrt, der, wie auch das bronzene Kruzifix, in diesem eigenartigen Licht erschien. Der Pastor erzählte mir, dass es die Vormittagssonne ist, die durch das Fensterfries der Südseite dringt und den Altarraum aufleuchten lässt. Ich wäre gern an einem schöneren Tag zurückgekehrt, um dieses Licht vor Augen zu haben. Auf der Fahrt hierher hatte zeitweise die Sonne geschienen, die Wolken waren als Fetzen durch den Himmel getrieben und haben sich dann, je näher ich diesem Ort kam, mehr und mehr zusammen geschoben. »Schade, dass Sie nicht das richtige Licht haben«, sagte der Pastor, »an manchen Vormittagen ist dieser Raum wie erleuchtet«. Ich habe ihm erzählt, dass ich schon mal in dieser Kirche war, vor zweiundzwanzig Jahren, aber ich habe ihm nichts von dir erzählt und deinem Gelübde. Er hat sich gefreut, dass sich jemand von so weit weg für seine Kirche interessiert. Er hat sie mir aufgeschlossen und erzählt, wie sehr sich das Leben außerhalb verändert habe. All die mehrstöckigen Häuser, das Einkaufszentrum, diese Kirche stehe mitten im sozialen Brennpunkt. Ich weiß nicht, ob es dieses Wort zu deiner Zeit schon gab.

Draußen vor der Kirche wehen die verwelkten Blätter durch die Straßen, du wärst ihnen hinterher gelaufen, so wie du auch die Bäume umarmtest und dich auf den Rasen legtest und am Gras rochst. Das warst du, wie ich dich mochte oder soll ich sagen: liebte? So kindlich und lebenssüchtig. Du sagtest, es gebe zwei Friedrichs. Der eine wolle das Gute, der andere das Böse. Du sagtest, du fühltest dich hin- und hergezogen. »Er hat seinen Wünschen keinen Widerstand entgegengesetzt.« Ich wollte, dass du kämpfst. Vielleicht hoffte ich sogar, dass du für mich kämpfst. Ein Baum hat Hoffnung, wenn er schon abgehauen ist. Hiob 14,7. Du wusstest, dass mir die Bibel fremd war. Und sie ist es mir noch immer. Aber in den vergangenen Tagen habe ich dein Buch in den Händen gehalten, das vergilbte, fleckige, das du nachts unter deiner Matratze hattest und in dem du tags geblättert hast. Ich habe zum ersten Mal all die Stellen gesehen, die du gekennzeichnet hast mit kleinen unscheinbaren Kreuzen hinter den Zeilen. Die meisten hattest du bei Hoffnung gemacht. Sir 34, 15. Ihre Hoffnung steht auf dem, der ihnen helfen kann. Sir 40, 2. Immer Sorge, Furcht, Hoffnung und zuletzt der Tod. 1. Petr 1, 13. Setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade.

(unpublished Novel)

Bibliography

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Als wäre es Liebe.
Novel. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012

Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit!
Edited by Nicol Ljubić. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012

Meeresstille.
Novel. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2010

Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde.
Deutsche Verlags-Anstalt, Munich 2006

Genosse Nachwuchs. Wie ich die Welt verändern wollte.
Deutsche Verlags-Anstalt, Munich 2004

Mathildas Himmel.
Novel. Eichborn, Frankfurt am Main 2002