Adelbert von Chamisso Prize of the Robert Bosch Stiftung
Adelbert-von-Chamisso-Promotional Prize 2011
Born in Dudinka, near Krasnoyarsk, Siberia, in 1962, and grew up in St. Petersburg (formerly Leningrad). There she studied Russian language and literature. In 1991, she moved to Germany with her husband, author Oleg Jurjew, and her son, Daniel, and since then has lived in Frankfurt am Main. In the early 1980s, she founded the group of poets Kamera Chranenija (rough translation: safekeeping) with Oleg Jurjew, Dmitry Sachs, and Valery Schubinsky, which still exists today as a poetry movement, publishing company, and Internet project. The almanac of the same name was samizdat, underground literature, and was intended as a method of “safekeeping” for literary works.

She writes poems and essays in Russian as well as essays, reviews, and prose in German, including for publications such as Neue Zürcher Zeitung, Die Zeit, and Frankfurter Rundschau. Many of her articles have been translated into several European languages. In addition, she also publishes works in a variety of German-language literary magazines and anthologies. She was awarded the Hubert Burda Prize for young Eastern European poets in 2000, and her debut novel Sogar Papageien überleben uns was on the long list for the 2010 German Book Prize, the short list for the 2010 aspekte-Preis (aspekte literary prize), ranked third on the SWR Bestenliste (SWR list of favorites) in July 2010, and was on the short list of the Leipzig Book Award for European Understanding in 2011. Member of the PEN Center.

Awards:
Hubert Burda Prize for young Eastern European poets, 2000
Roswitha-Literaturpreis der Stadt Bad Gandersheim (Roswitha literature prize awarded by the city of Bad Gandersheim), 2011
Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis (Ingeborg Bachmann literature prize awarded by the city of Klagenfurt), 2012

Extract

Der Zeitfluss, das Zeitflussweib, die Bergvogelfrauen

5. Jh. v. Chr. ◌ 1453 ◌ 1529 ◌ 1714 ◌ 1717 ◌ 1787 ◌ 1871 ◌ 1917-1933-1934-1937-1941-1942-1943-1944-1945 ◌ 1955 ◌ 1973 ◌ 1976 ◌ 1982 ◌ 1986 ◌ 1987 ◌ 1988 ◌ 1989 ◌ 1990 ◌ 1991 ◌ 1992 ◌ 1995 ◌ 2001 ◌ 2002 ◌ 2005 ◌ 2006

Klares Wasser eines Bergbaches eilt über Steine. Ich schaue nach unten von der Brusthöhe einer Frau, die mich in ihren Armen hält, um mich hinüberzubringen. Die Frau tut keinen Schritt, sie steht einfach da in den auf den Wellen hüpfenden Sonnensplittern, knietief. Trotzdem sind wir nach einer Weile am anderen Ufer. Nie fand ich heraus, wie das ging. Meine Mutter konnte mir keine Auskunft geben, obwohl ich sie in diesem Bild am Rande meines Blickfeldes sehe. Aber das Gesicht der Frau, die mich trug, könnte ich heute noch zeichnen. Ich habe auch andere Erinnerungen, die meine Eltern nicht bestätigen: Ich falle von der Schaukel; ein Auto vom Roten Kreuz bringt mich ins Krankenhaus. Dort behandelt man eine Wunde an meinem Ohr. Meine Eltern hätten ein solches Ereignis unmöglich vergessen können. Und doch habe ich eine Narbe am Ohr, heller als die übrige Haut, nur bei Kälte färbt sie sich dunkelrosa, was mich jedes Mal wundert, wenn ich aus dem Winter in die Wärme komme und einen schnellen Blick in den Spiegel werfe.

Auch andere Frauen bleiben regungslos im Wasser stehen - sie rühren sich nicht, sprechen nur vogelschrill - und trotzdem gelangen sie hinüber ans andere Ufer. Fast jedes Kind ist manchmal von fremden Frauen umgeben, die seine Aufmerksamkeit mit ihren gewöhnlichen Geschichten missbrauchen. Meine Bergbachfrau aber schwieg. Ich spürte die Rauheit ihrer Hände, sah ihre rissige Wange. Das Zeitflussweib. An sie dachte ich nach Jahren auf einmal wieder, als ich las: Der Fluss der Zeiten in seinem Strom trägt alle Menschenwerke fort, / Ertränkt die Völker, Könige und Königreiche im Abgrund des Vergessens. / Und wenn – dank der tönenden Lyra und der Trompete - doch etwas bleibt, / frisst es das Maul der Ewigkeit und es entgeht dem Schicksal aller nicht. Eines der verblüffendsten russischen Gedichte, dem ich nie begegne, ohne an meinen Zeitfluss und jenes Zeitflussweib zu denken.

Vielleicht ist es nicht angebracht, dass ich mich jetzt, unmittelbar vor my german vacation (die freilich keine vacation ist) von russischen Versen gefangen nehmen lasse. Andererseits bin ich ja, eben gelandet, wegen russischer Verse hier. Ich werde von einer Stadt zur anderen fahren und von den seltsamsten Dichtern Petersburgs erzählen. Im Flugzeug wollte ich meine schnell in die Tasche geworfenen Vorlesungen ordnen und geriet dabei in diese Zeitflussschleife. Andrjuscha, werde ich sagen, wenn ich Andreas sehen werde, ich bin zwanzig Jahre älter und nicht klüger geworden. Das aber erst in einer Woche. So viel Zeit habe ich noch, dann lass uns sehen, was ich sagen werde.

Aus: Sogar Papageien überleben uns. Roman. Literaturverlag Droschl, Wien 2010

Bibliography

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Mörikes Schlüsselbein.
Novel. Droschl Verlag, Graz 2013

Von Tschwirik und Tschwirka.
Poetry. Droschl Verlag, Graz 2012

Zwischen den Tischen.

Olga Martynova und Oleg Jurjew im essayistischen Dialog. Bernstein-Verlag, Bonn 2011

Sogar Papageien überleben uns.
Novel. Droschl Verlag, Granz 2010

In der Zugluft Europas.
Poetry. German by Elke Erb and Olga Martynova, Gregor Laschen, Ernest Wichner, Sabine Küchler u.a. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2009

Rom liegt irgendwo in Russland.
Poetry. With Jelena Schwarz. Translated by Elke Erb and Olga Martynova. Edition per procura, Lana/Wien 2006

Wer schenkt was wem.
Essays. Rimbaud Verlag, Aachen 2003

Brief an die Zypressen.
Poetry. Translated by Elke Erb and Olga Martynova. Rimbaud Verlag, Aachen 2001