Zafer Şenocak

Winner of the Adelbert von Chamisso Runner-up Prize 1988

Born in Ankara, Turkey in 1961. Has lived in Germany since 1970. He studied German, politics, and philosophy in Munich. Since 1979, he has published poetry, essays, and fiction in German. He has translated Turkish literature since the mid-1980s. Zafer Şenocak has lived in Berlin since 1990. He works for a variety of newspapers and radio stations, advising on relations between the Orient and the West, Turkish culture and literature. He is also the co-publisher of the literature magazine Sirene.
He has received many awards.

Sample text

Dialog über die dritte Sprache
Deutsche Türken und ihre Zukunft


Das Mädchen, bei dem ich bei meinem Aufenthalt in Istanbul jeden Tag Zeitungen kaufte, fragte mich einmal, ob ich Deutscher oder Türke wäre. Als sie merkte, daß ich über ihre Frage staunte und mit der Antwort zögerte, sprach sie, wie für mich, weiter:

In letzter Zeit kommen viele hierher, um Türkisch zu lernen.

Türken oder Deutsche? fragte ich zurück, in der Hoffnung, einer Antwort auf diese Weise ausweichen zu können.

Solche wie du, weder noch.

Oder beides, sagte ich. Ich kann doch Türkisch und lese täglich Zeitungen und Bücher in beiden Sprachen.

Und wo ist deine Heimat? fragte das Mädchen zurück.

Heimat! Wer hat denn diesen Begriff erfunden, und von wem hast du es, entfuhr es mir, obwohl ich mich innerlich ruhig und ausgeglichen fühlte.

Du mußt sehr traurig sein. Bist du mir böse?

Ich bin nicht traurig. Ich lebe in Deutschland und bin glücklich dort. Ich bin dort aufgewachsen, weißt du. Ich kenne dort fast jeden Winkel.

Machst du Urlaub hier?

Endlich eine Frage, die ich beantworten kann, weil die Antwort anders ausfallen wird, als was sie sich denkt, ging mir durch den Kopf.
Nein, ich arbeite hier. Ich bin hierher gekommen, um ein Buch zu schreiben. Ein Buch über die Deutschen.

Ein Buch über die Deutschen? Über die, die du kennst oder auch über welche, die du nicht kennst?

Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich glaube, die Deutschen im allgemeinen sehr gut zu kennen.

Ja, du bist ja selber einer. Das Mädchen lachte verschmitzt.

Ich bin sehr glücklich darüber, kein Deutscher zu sein. Deutscher in Deutschland zu sein, ist doppelt schwer.

Wieso?

Es gibt viele Völker, die sich selbst nicht leiden können und die deshalb beginnen, andere zu hassen. Aber sie lieben ihr Land, die Landschaft, die Luft, das Klima, in dem sie leben. Den Haß in ihrem Kopf gleichen sie durch ihren Körper aus.

So wie die Türken, entgegnete das Mädchen.

Die Deutschen aber, sie können weder sich selbst leiden noch ihr Land. Sie hassen mit Kopf und Körper. Deshalb brauchen sie auch Distanz zwischen sich und den anderen. Eine Art Pufferzone. Die anderen verstehen es meistens nicht, aber das ist nur zu ihren Gunsten. Ein Hygienegürtel, der die Übertragung von Keimen hemmt. Man muß sich ja nicht gleich um den Hals fallen.

Aber sie fahren so viel in der Welt herum. Auch hier sind viele.

Das ist nur um den anderen zu zeigen, wie stark und überlegen sie sind. Außerdem, wie ich dir schon sagte, sie fühlen sich ja zuhause unwohl. Es ist viel zu kalt und voller Fabriken und Autobahnen.

Das stimmt doch gar nicht, protestierte das Mädchen laut. Ein Onkel von mir lebt auch in Deutschland. Er hat mir einmal einen Kalender geschickt. Einen Wandkalender mit zwölf Blättern, für jeden Monat eins. Da waren viele wunderschöne, grüne Landschaften zu sehen, mit sehr viel Wald und alten Kirchen. Ich hatte ein seltsames Gefühl in mir, sofort dort hinfahren zu wollen, ein Gefühl wie eine Sehnsucht, obwohl ich noch nie dort war und meinen Onkel nicht leiden kann.

Kannst du jetzt verstehen, warum ich gerne dort lebe? Deutschland ist ein Land, das man vor Sehnsucht haßt. Eine Sehnsucht, die man unbedingt tilgen muß. Ein Land, in dem sich jede Art von Fröhlichkeit in Trauer verwandelt. Für jeden Zungenschlag und jeden Fußtritt gibt es Vereine und Verbände, und der Staat kassiert Geld für den Glauben an Gott. Du mußt dir mal vorstellen, wie schwierig es für einen Deutschen sein muß: alle beneiden ihn wegen seines Erfolgs und seines Reichtums und wegen der Schönheit seines Landes, aber keiner liebt ihn. Er haßt die anderen für das, was sie an ihm bewundern. Er ist wie ein unglücklicher Verliebter, dessen Verzweiflung mal Unvorstellbares erschafft, mal unvorstellbar zerstört. Er ist einsam.

 

Extract from "Atlas des tropischen Deutschland"

Bibliography

Zafer Şenocak
Hauptweg und Nebenweg. Poetry, photographs, and drawings. With Peter Stefan, Fletcher Lynd, Joachim Puls, and Wolfgang Schindler. Putbrunn: Druckpartner, 1980

Elektrisches Blau. Poetry. Munich: Ströme Verlag, 1983

Verkauf der Morgenstimmungen am Markt. Poetry. Munich: Edition Literazette, 1983

Flammentropfen. Poetry. Frankfurt am Main: Dagyeli, 1985

Ritual der Jugend. Poetry. Frankfurt am Main: Dagyeli, 1987

Das senkrechte Meer. Poetry. Berlin: Babel Verlag, 1991

Jedem Wort gehört ein Himmel. Türkei literarisch. Munich: Babel Verlag, 1991

Atlas des tropischen Deutschland. Essays. Berlin: Babel Verlag, 1992

Deutsche Türken. Türk Almanlar. Das Ende der Geduld. sabrin sonu. With Claus Leggewie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1994

Der gebrochene Blick nach Westen. Positionen und Perspektiven türkischer Kultur. Published by Z.S. Berlin: Babel Verlag Hund & van Uffelen, 1994

War Hitler Araber? Irreführungen an den Rand Europas. Berlin: Babel Verlag, 1994

Fernwehanstalten. Poetry. Berlin: Babel Verlag, 1994

Der Mann im Unterhemd. Prose. Berlin: Babel Verlag, 1995

Die Prärie. Hamburg: Rotbuch Verlag, 1997

Gefährliche Verwandschaft. Novel. Munich: Babel Verlag, 1998

Der Erottomane. Ein Findelbuch. Munich: Babel Verlag, 1999

Zungenentfernung. Bericht aus der Quarantänestation. Munich: Babel Verlag, 2001

Das Land hinter den Buchstaben. Deutschland und der Islam im Umbruch. Munich: Babel Verlag, 2006