Cyrus Atabay

Winner of the Adelbert von Chamisso Prize 1990

Born in Teheran, Iran in 1929.
Lived in Berlin from 1937 to 1945. Studied German in Munich from 1952, then lived in various locations around Europe and in Iran. Having become stateless following the Iranian revolution, he was granted asylum in London in 1978. From 1983 onwards he lived in Munich as a stateless freelance writer. Cyrus Atabay was awarded the Adelbert von Chamisso Prize in 1990. He died in Munich on January 26, 1996.

Sample text

Selbstauskunft
Geboren wurde ich am 6. September 1929 in Teheran. Mein Vater hatte in den dreißiger Jahren in Berlin an der Charité Medizin studiert und bei Sauerbruch promoviert. Er beschloß, seine zwei Söhne in Deutschland erziehen zu lassen. Ein solcher Entschluß wäre unverantwortlich, hätte man ein Kind aus einer Geborgenheit gerissen. Doch ich war in einer magischen Welt aufgewachsen, in der das Bedrohliche vorherrschte. So vertauschte ich eine Benommenheit mit einer anderen, als ich 1937 nach Berlin kam. Das Gefühl der Unwirklichkeit verließ mich in der neuen Umgebung nie, während die regenerativen Kräfte für Orientierungspunkte sorgten: Innerhalb eines Jahres hatte ich die Berliner Floskeln, die ich für meine Streifzüge auf dem Roller in der Fasanenstraße vonnöten hatte, auswendig gelernt. Noch immer ist es mir ein Rätsel, welche orientalischen Tricks in Anwendung gebracht wurden, daß ich kaum drei Jahre später in das renommierte Arndt-Gymnasium in Dahlem aufgenommen wurde.

Durch die Schludrigkeit eines Vormunds, der die Möglichkeit, meinen Bruder und mich in die Schweiz zu bringen, ungenutzt ließ, blieb ich bis Kriegsende in Deutschland. Als ich im Sommer 1945, nach acht Jahren Trennung, wieder nach Persien kam, hatte ich die persische Sprache verlernt. Beschämt hörte ich die Fragen meiner Mutter in persischer Sprache, auf die ich nicht antworten konnte. Langsam wurde mir meine Muttersprache wieder vertraut, doch der Wiedergewinn an Sprache reichte nicht aus, um in einer Klasse meiner Altersgruppe eine persische Schule zu besuchen. Auf meinen Wunsch wurde ich in die Schweiz geschickt, um meinen Schulbesuch fortzusetzen.

In Zürich schrieb ich meine ersten Gedichte, die 1948 in der Zeitung Die Tat gedruckt wurden, deren Literaturteil Max Rychner leitete. Auf einigen Umwegen begann ich schließlich 1952 mit dem Studium der Germanistik in München. Einige Schatten hieß das erste Gedichtheft, das von mir in der Reihe »Dichtung unserer Zeit« 1956 im Limes Verlag erschien. Zwei weitere Gedichtbände wurden vom Hanser Verlag herausgebracht. Seit Anfang der sechziger Jahre lebte ich abwechselnd in Teheran und in London. In London entstanden viele Gedichte und Prosastücke, die in dem Buch DoppelteWahrheit zusammengefaßt wurden. Die unvergessene Hilde Claassen erklärte sich bereit, meine Gedichte und Übersetzungen zu drucken, allerdings ohne Anspruch auf ein Honorar. Ich wohnte in den Belsize Park Gardens, heimisch in der Nachbarschaft jüdischer Emigranten; unweit, in der Thurlow Road, wohnte Elias Canetti, den ich häufig besuchte.

Obschon oder gerade weil ich die englische Sprache liebe, beschäftigte mich unablässig das Problem der Sprache für den Dichter, der im Exil oder längere Zeit fern von seiner Heimat lebt. Zunächst schien mir die Distanz zur Sprache fruchtbar und womöglich die Sprachkraft des Dichters steigernd; eine zu lange Trennung vom Resonanzboden der Sprache konnte andererseits Erosionen auslösen, die zu Sprachverfall und zunehmender Abstraktion führten. Meine eigene Sorge war, daß das Echo der Sprache im Ohr erlöschen könnte, wenn die gesprochene Sprache es nicht wieder akkumulierte.
Auszug

Der Osten
sagte zu dir
erzähl mir deine Herkunft
der Westen sagte zu dir
erzähl mir deine Wandlung
doch der eine ließ dich nicht
der andere fiel dir ins Wort
Laßt dem Alten sein graues Haar
er will etwas erzählen
was euch beiden gefällt.

Stadtplan von Samarkand
Verschlagen in die Smogstädte,
die sich von den Ausscheidungen
der Maschine nähren,
war ich verloren,
der sich immerhin einmal
in der Unterwelt zurechtfand.
Ach, ich kannte andere Städte,
deren Maße die Musik Händels
in Architektur übersetzten.
Im Stadtplan von Samarkand
fand ich den Garten
und die Karawanserei,
auch die Straße,
in der du wohnst –
ich bin ein Reisender,
unterwegs nach Samarkand.

Stockung an der Paßkontrolle
du bist jetzt Emigrant zu Hause im
Woanders
schönes Wort Vergangenheitsdasein
es gewährt dir Asyl ein Sommergarten
Bignonienranken hängen über das Gittertor
Feuerdorn säumt den Weg zum Haus
ein Wort wie ein Granatapfel
die Körner auf der Schwelle –
ein überlieferter Brauch
ist das Zugrundegehn
es söhnt dich aus mit allem

From: Poet und Vagant. Der Dichter Cyrus Atabay

Bibliography

Cyrus Atabay
Einige Schatten.
Poetry. With an epilogue by Max Rychner. Wiesbaden: Limes, 1956 (Dichtung unserer Zeit 5) An- und Abflüge. Poetry. Munich: C. Hanser, 1958

Meditation am Webstuhl.
Poetry. Munich: C. Hanser, 1960 Gegenüber der Sonne. Poetry and short prose. Hamburg: Claassen, 1964

Doppelte Wahrheit.
Poetry and prose. Hamburg/Düsseldorf: Claassen, 1969

Die Worte der Ameisen.
Persian wisdom. With five prints Hamburg/Düsseldorf: Claassen, 1971