Adelbert von Chamisso Prize of the Robert Bosch Stiftung

Libuše Moníková

Adelbert-von-Chamisso-Prize 1991

Born in Prague in 1945. Studied German and English, finishing with a PhD on Shakespeare and Brecht's Coriolanus. Libuše Moníková moved to (then West) Germany in 1971, where she studied the works of Franz Kafka, Jorge Luis Borges, and Arno Schmidt.
She taught at the universities of Kassel and Bremen. Her novel >EM>The Facade>, which was translated into eleven languages, was awarded the Alfred Döblin Prize.
Libuše Moníková died in Berlin on January 12, 1998.

Sample text

Eine Bahnfahrt nach S., in die kleine Stadt, wo er eine Klasse junger Restaurateure ausbildete. Zweimal Umsteigen. Das Schwindelgefühl hatte in der letzten Zeit zugenommen, dazu Magenschmerzen, Flirren vor Augen, Kribbeln in Arm und Bein, beide kalt und starr vor mangelnder Durchblutung. Die Tasche von Station zu Station schwerer geworden als bei seinem Aufbruch von zu Hause. Dabei hatte er sie mehrmals in der Hand gewogen, überlegt, was noch zurückbleiben sollte. Er hatte den Inhalt aufs Minimum reduziert, die Bücher, aus denen er lesen wollte, die Malerutensilien. Die Pyjamahose, die er nie trug, ließ er zu Hause liegen, auch die Handtasche, so daß er die Bücher für den Vortrag in einer Plastiktüte tragen würde, was provinziell aussah. Darüber hatte er nie nachgedacht, die Leute sollten ihn so nehmen, wie er war, wie die Barnabasschen den Landvermesser. Eine Frau auf dem Sitz über den Gang nieste dreimal, laut, ohne Taschentuch, jedesmal fuhr er zusammen, erschrocken. So weit war es also schon mit ihm gekommen. Der Personalwechsel bot den Kontrolleuren Gelegenheit, ihn wieder zu wecken, nach den Fahrscheinen zu fragen, ihn suchen zu lassen. Bei jeder Fahrscheinkontrolle, in der Straßenbahn, in der Metro, im Bus, zuckte er zusammen, wie ertappt, und suchte nach dem Fahrschein, den er jedesmal sorgfältig aufbewahrte und dann doch nicht finden konnte. In den unmöglichsten, unwahrscheinlichsten Ecken und Taschen, in den mitgeführten Büchern suchte er vergeblich, in den Außen- und Innentaschen des Mantels und der Reise- und Handtasche, dann war er im Portemonnaie, wohin er ihn sorgfältig gesteckt hatte, neben dem Geld für die Strafgebühr, die er schon bereit war zu zahlen, froh darüber, daß er genügend bei sich hatte. Der Kontrolleur, der schon seinen Strafzettel gezückt und bereits angefangen hatte, ihn auszufüllen, war enttäuscht wie die Mitfahrenden, auch gereizt wegen der verlorenen Zeit, in der sich die übrigen Schwarzfahrer bereits in einen anderen Wagen zurückziehen konnten, weit genug, die nächste Station ohne Kontrolle zu erreichen, oder auf die Toiletten zu gehen und sich dort noch andere Tricks und Ausreden zu überlegen. Notfalls gar nicht zu öffnen und einen Ohnmachtsanfall vorzutäuschen. Brandls Ohnmachtsanfälle ließen die Kontrolleure völlig kalt, sie bemerkten sie gar nicht. Er versuchte sie auch zu vertuschen. Lächelte zur Entschuldigung, wenn er geschlafen hatte und von ihnen grob geweckt wurde. Nicht sie, er entschuldigte sich. Sie schlugen bestenfalls einen jovialen Ton an, wie um seine Schwäche, als wäre es sein Fehler, zu überspielen. Nicht sie, er war an der Verzögerung schuld, er war der Sand im Getriebe, in dem sie das Öl waren, mit ihrem jovialen Ton, ihren Schmerbäuchen und Plattfüßen.
Er fiel noch einmal in einen Dämmerzustand, aus dem er mit der Meldung einer technischen Störung gerüttelt wurde. Eine ungeübte, rohe Stimme, es war nicht zu verstehen, ob es einen technischen Schaden gab oder ob er bereits behoben war. Der Zug fuhr weiter – keine besonderen Vorkommnisse. Dann wurde ihm ernstlich schlecht. Die weitere Meldung, nach weiterem Dämmern: in wenigen Minuten erreichen wir … die Stimme wiederholte die Meldung noch einmal, mit der Aufzählung aller vorherigen und aller nachfolgenden Stationen, wo sich der Zug in den nächsten zwölf Stunden befinden würde.
Diese sinnlosen Wiederholungen, die vertraute Traumszenerie, der er hilflos ausgesetzt war, das Suchen nach dem Fahrschein, seine Schwäche, die Unmöglichkeit, dieses Treiben, diese unsinnige Fahrt zu unterbrechen, als käme er aus diesem Gespenster-Zug gar nicht heraus …
Endlich hielt der Zug an.
Er stieg in L. aus. Zwei Männer trugen einen Sarg über die Straße. Einen braunen, unauffälligen Sarg. Sie gingen diskret, schnell, obwohl an ihrer Haltung und ihrem Gang zu merken war, daß der Sarg nicht leer war. Es war nicht die Bahnhofstraße, sondern eine Nebenstraße, leer, aber auch die Bahnhofstraße war fast leer, es war spät, dämmrig, leichtes Nieseln.

 

Extract from "Der Taumel". With an epilogue by Michael Krüger © 2000 Carl Hanser Verlag, Munich/Vienna

Bibliography

Libuše Moníková
Der Taumel.
Novel. With an epilogue by Michael Krüger. Carl Hanser, München 2000

Prag – Berlin: Libuše Moníková.
Literaturmagazin 44. Erinnerung der Freunde an die früh verstorbene Autorin. Hrsg. von Delf Schmidt und Michael Schidtal. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999

Verklärte Nacht.
Carl Hanser, München 1996

Prager Fenster.
Essays. Carl Hanser, München 1994 (Edition Akzente)

Weltweit. Begegnung mit der Fremde.
Beiträge von Gertrud Schier, Franjo Tholen, Libuše Moníková u. a. Hrsg. von Thomas Selig und Michael Wiesehöfer. Fotoforum Schwarzbunt, Düsseldorf 1993

Treibeis.

Novel. Carl Hanser, München 1992

Unter Menschenfressern.

Ein dramatisches Menü in vier Gängen. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1990 (Theaterbibliothek)

Schloß, Aleph, Wunschtorte.
Essays. Carl Hanser, München 1990 (Edition Akzente)

Die Fassade. M. N. O. P. Q.
Novel. Carl Hanser, München 1987

Pavane für eine verstorbene Infantin.
Novel. Rotbuch Verlag, Berlin 1983

Eine Schädigung.
Novel. Rotbuch Verlag, Berlin 1981