Galsan Tschinag
Winner of the Adelbert von Chamisso Prize 1992
Sample text
Ja, der dankbare Gedanke an das eigene herausragende Schicksal ließ ihm – zum wievielten Male nun! – alle anderen menschlichen Geschöpfe mit ihrer niedrigen Herkunft und dementsprechenden Schicksalen vor seinem inneren Auge sogleich erstehen und erstarren: Eine endlose graudunkle Wolke aus zahllosen Schwärmen Gesichts- und Namenloser. Einen satten Bruchteil davon bildeten seine Krieger, ohne die er nichts wäre. Und wie viele von ihnen werden zur Stunde wie er ohnmächtig am Boden liegen, verletzt und beschädigt am Leib? Am winterkalten, steinharten Boden aber! Und wie vielen jener Verwundeten wird ein Mensch helfend zur Seite stehen? Viele dieser blutjungen Männer, bei der Schlacht für ihn vom Pech erwischt, werden sterben, während er alter Mann, wahrscheinlich genesen und zu allem, was sich Leben nennt, zurückkehren würde! Es war ungerecht, aber was sollte man da tun? Wäre er nicht gerade Dschingis Khan geworden, wäre er bestimmt unter die Peitsche eines anderen gekommen und hätte für ihn den Säbel schwingen und den Bogen spannen müssen. Und wie oft hätte er schon in den vielen Jahren des endlosen Krieges in die Krallen des Todes geraten können, und mittlerweile wäre von ihm bestenfalls eine Handvoll Knochensplitter irgendwo auf einem der zahllos vielen Schlachtfelder entlang des Erdkörpers noch übrig geblieben. So war der Verlauf der Dinge und das Schicksal des Menschen eben. Und weil es nun einmal so war, konnte ihn keiner mehr beschuldigen, dafür, dass gerade er zu Dschingis Khan geworden war und es ihm daher besser erging als allen anderen. Dabei sollte sich ein jeder, den er unterworfen und für sich hat kämpfen und sterben lassen, noch glücklich wähnen, weil er wenigstens Untertan eines siegreichen Herrschers war, denn wie viele gab es noch, die von Niederlage zu Niederlage stolperten, wodurch ihre Untertanen seelisch verwundet und verkrüppelt und schon tot waren, bevor dann auch noch ihre Körper vom Tod erwischt wurden! Was ihn wohl nicht nur berechtigte, sondern auch verpflichtete, den Huldigungen der Untertanen, er sei ihr Wohltäter, Glauben zu schenken.
Extract from the novel "Die neun Träume des Dschingis Khan"
Bibliography
Der siebzehnte Tag. Two fictional tales. Munich: A 1 Verlag, 1992
Das Ende des Liedes. Fiction. Munich: A 1 Verlag, 1993
Der blaue Himmel. Novel. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1994. NA Suhrkamp Tb, 1997
Alle Pfade um deine Jurte. Poetry. Frauenfeld: Verlag im Waldgut, 1995
Eine tuwinische Geschichte und neue Erzählungen. Munich: A 1 Verlag, 1995
Zwanzig und ein Tag. Novel. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995
Nimmer werde ich dich zähmen können. Poetry. Frauenfeld: Verlag im Waldgut, 1996
Im Land der zornigen Winde. History and tales of the Tuva nomads of Mongolia. Amélie Schenk and Galsan Tschinag. Frauenfeld: Verlag im Waldgut, 1997
Die Karawane. Munich: A 1 Verlag, 1997. NA Zurich: Unionsverlag, 2003
Wolkenhunde. Poetry from the Steppes. Frauenfeld: Verlag im Waldgut, 1998
Die graue Erde. Autobiographical novel. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1999. NA Frankfurt am Main: Suhrkamp Tb, 2001
Sonnenrote Orakelsteine. Frauenfeld: Verlag im Waldgut, 2000
Der weiße Berg. Novel. Frankfurt am Main/ Leipzig: Insel Verlag, 2000. NA Frankfurt am Main: Suhrkamp Tb, 2002
Dojnaa. Novel. Munich: A 1 Verlag, 2001. NA Zurich: Unionsverlag 2004
Der Steinmensch zu Ak-Hem. Poetry. Frauenfeld: Verlag Im Waldgut, 2002
Der Wolf und die Hündin. Zurich: Unionsverlag, 2002
Tau und Gras. Zürich: Unionsverlag, 2002
Das geraubte Kind. Frankfurt am Main: Insel Verlag 2004
Jenseits des Schweigens. Poetry. Frauenfeld: Atelier Bodoni/Verlag im Waldgut, 2006
Das zaubermächtige Goldplättchen. Contemporary fairy tales. Frauenfeld: Atelier Bodoni/Verlag im Waldgut, 2006
Die neun Träume des Dschingis Khan. Novel. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 2007