Adel Karasholi
Winner of the Adelbert von Chamisso Prize 1992
Sample text
Brücken schlagen
Von mir
Zu mir
Des Regens Flüstern
Im Ohr der Bäume
Abtasten die Poren der Welt
Im Dunkeln
Noch
Aus: »Daheim in der Fremde«, 1984
Wir sind nur so fremd, wie man uns als Fremde sieht
Nach einer Lesung in der Nähe von Leipzig stand einmal ein junger Lehrer auf und sagte fast wörtlich: »Als mein Freund mich hierher mitschleppte, war ich sehr skeptisch. Nachdem ich nun Ihre Gedichte hörte, muss ich sagen: Hut ab. Ich hätte nie gedacht, dass ein Ausländer, zumal ein Araber, solche Gedichte in deutscher Sprache schreiben könnte«. Ich habe mich für diese Beleidigung natürlich herzlich bedankt und erwidert, dies liege vielleicht nur daran, dass ich bestimmt länger als er in Deutschland gelebt habe.
In solchen Lesungen lobt man auch in meinen Gedichten oft eine Modernität, die fast europäisch sei. Offensichtlich glaubt man, dass arabische Dichter sich in einem abgeschlossenen, isolierten, von allen Seiten abgesperrten Raum befänden, wo die Luft ausschließlich von orientalischen Gewürzen übersättigt ist und die Landschaft nur aus Sand, Kamelen, Märchen, fetten Bauchtänzerinnen und neuerdings womöglich lauter Fanatikern und Terroristen besteht. Man erstaunt, wenn ich mich nicht fortwährend mit Ali Baba und seinen vierzig Räubern herumschlage oder Aladin und seine Zauberlampe bemühe, vielmehr zuweilen die Fesseln von Tausendundeine Nachtsprenge und wie alle Schriftsteller dieser Welt die Geschehnisse in den Tag oder aber vor allem in den Innenraum verlege.
Ich war noch nicht zwanzig Jahre alt, als ich Biographien von Lord Byron, Rimbaud und Heine las. Dichter wie Neruda, Hikmet, Tagore oder Lorca gehörten ebenso zu meiner Lektüre wie der Koran, Tausendundeine Nacht, die Psalmen und das Hohe Lied Salomos. Autoren wie Dostojewski oder Cechov, Balzac oder Kafka, Sartre oder Hemingway, um nur einige Namen zu nennen, aber auch Figuren wie Goethes Faust und Werther saßen in den fünfziger Jahren oft so hautnah neben uns in den orientalischen Cafes, als rauchten sie unsereWasserpfeifen mit.
Literatur ist Literatur. Sie kann alles sein, muss aber vor allem Literatur bleiben. Sie vermag, Grenzen unbekümmert zu durchbrechen. Sie braucht weder Visum noch Staatsbürgerschaft. Ihre Identität liegt im Ästhetischen, nicht im Soziologischen. Andererseits entscheidet über den Standort eines literarischen Werkes nicht nur die Sprache, sondern auch der Realitäts- und Adressatenbezug. Und wenn Literatur überhaupt als Vermittlerin zwischen den Kulturen und zwischen den Varianten des Menschlichen zu fungieren imstande wäre, dann nur von innen heraus und in ihrer Summe, nicht aber im operativen Appell, der eine direkte Adressierung nach außen voraussetzt…
Heute kann diese neue deutschsprachige Literatur in der Tat nicht mehr einfach ignoriert, in einem Schubfach abgelegt, mit einer flüchigen Äußerung oder einer Fußnote beiseite geschoben werden. Sie hat sich längst in der beleuchteten Kulturszene Deutschlands etabliert und den Beweis erbracht, dass sie weder, wie es manchmal in einschlägigen Abhandlungen heißt, eine Projektnische im Sektor der assimilatorischen Sozialpädagogik« noch ein »Manipulator zur Ethnisierung sozialer Gegensätze und Konflikte« ist. Sie ist schlicht und einfach Literatur, sogar nicht selten eine sehr gute…
From his welcome address at the second Chamisso Conference in Leipzig in 2001
Bibliography
Umarmung der Meridiane. Poetry. Halle/Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1978
Brecht in arabischer Sicht. Berlin: Brecht-Zentrum der DDR, 1982
Daheim in der Fremde. Poems with engravings by Wolfgang Mattheuer. Halle / Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1984
Wenn Damaskus nicht wäre. Poems. Munich: A 1 Verlag, 1992
Also sprach Abdulla. Gedichte. München: A 1 Verlag, 1995
»wo du warst und wo du bist«. Translation and adaptation of Arab poems by Palestinian poet Mahmoud Darwish. Munich: A 1 Verlag, 2004