Rafik Schami

Winner of the Adelbert von Chamisso Prize 1993 and Adelbert von Chamisso Scholarship 1985

Born in Damascus, Syria in 1946. In 1965 Rafik Schami founded the Al-Muntalek wall newspaper, which was put up in the old town of Damascus. He led the newspaper until 1970. In 1971, he emigrated to West Germany, where he worked in factories, department stores, restaurants and on building sites. He then studied chemistry, attaining his PhD in 1979. Between 1971 and 1977 his work was published in Arabic and German in magazines and anthologies. In 1980 he co-founded the Südwind literature group and the PoLiKunst association. In 1980-85, he co-edited and wrote for the "Südwind-Gastarbeiter-Deutsch" series and the "Südwind-Literatur" series. He has been a full member of the Bavarian Academy of Fine Arts since 2002. Rafik Schami lives in Kirchheimbolanden and is a freelance writer.
His books have been published in 24 languages. Many of his radio plays are available on audio cassette and CD. He has also written theater plays and TV movies.
Rafik Schami has won many literature awards including the Hermann Hesse Literature Prize (1994), the Preis der Deutschen Schallplattenkritik (1995 and 1996), the Prix de Lecture à deux voix (1996), the Hans Erich Nossack Prize and the Storytelling World Award (1997), the Heidelberger Leander für Kinderliteratur (2002), and the Weilheimer Literaturpreis and Kunstpreis Rheinland-Pfalz (2003).

Text

Der Liebesmantel

Die Fahrt nach Braunschweig war problemlos. Die Züge hatten keine Verspätung. Ich hatte noch fünf Stunden Zeit bis zur Lesung. Schnell verstaute ich meine Kleider im Schrank, warf einen Blick aus dem Fenster auf den bronzenen Löwen auf dem Burgplatz und ging pfeifend die Treppe hinunter.
»Herr Schami! Eine Nachricht für Sie«, rief der Mann an der Rezeption und lächelte routiniert und leer. »Bitte ruf mich an! Iblisos Braun«, stand auf dem kleinen Zettel, daneben eine Telefonnummer. Warum ich das tat, was ich in den nächsten Stunden getan habe, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich rief an. Ein Höllenlärm und dann eine Stimme, die mich erfrieren ließ. Sie hörte sich an wie das Kratzen eines Messers auf einer Glasscheibe: »Sehr nett, dass du anrufst. Könntest du mir bitte helfen? Ich werde dich reichlich belohnen.«
»Wenn ich kann, gerne«, sagte ich aus Höflichkeit.
»Komm schnell, bitte!«
Ich verstand nichts. Wer war das? Wo sollen wir uns treffen?
»Im Lokal ›Zu den vier Leichen‹, beim Elvis«, sagte er. Als ich entsetzt »Wo, bitte?« in den Hörer rief, lachte er, »›Zu den vier Linden‹«, antwortete er gekünstelt vornehm. Ihm genüge eine halbe Stunde, um mir seine Bitte vorzutragen.
Das Lokal befindet sich in der Wiesenstraße, im östlichen Ringgebiet, ein schöner Stadtteil, Gründerzeit und Jugendstil. Es war voll und erinnerte mich an manche Intellektuellenkneipe in Süddeutschland. Hinten in einer dunklen Ecke winkte ein hässliches Männlein. Es grinste mich süffisant an. Die Ecke roch nach Schwefel und faulen Eiern.
»Ich höre«, sagte ich und bestellte Wasser. Ich trinke nie Alkohol vor Lesungen, weil ich mein Gedächtnis zu hundert und nicht zu neunundneunzig Prozent beanspruche.
Weder der mitleidige Blick christlicher Erziehung noch Kurzsichtigkeit konnte seine Hässlichkeit mildern. Es stimmte gar nichts an ihm. Gerne würde ich ihn beschreiben, würde eine detailgetreue Beschreibung nicht wie eine schlechte Karikatur wirken. Nur seine Augen waren nicht zum Lachen: Sie waren klein, kalt und böse. Er erzählte eine tragische, wirre Geschichte von einer Liebesaffäre zwischen ihm, einem armen aber jungen Teufel, und Serenada, der wunderschönen jungen Gattin des mächtigsten aber zahnlosen Satans. Er sei nun verdammt, in Braunschweig zu bleiben, seine Schöne jedoch sei in einer Gruft unter dem Petersdom gefangen. Nur mit meiner Stimme könne er die Wächter überlisten und sich bald mit seiner Geliebten vereinen. Ich bekäme mein Gewicht in Gold.
Alles klang etwas überladen und übertrieben wie die Geschichten eines Anfängers. Ich hätte lachen können, oder einfach aufstehen, mich höflich verabschieden und gehen, doch er begann – als könne er Gedanken lesen – bitterlich über die Schönheit seiner Geliebten zu weinen, so dass meine Hand gegen meinen Willen seinen Arm streichelte. Und ich tröstete ihn, aber er weinte und wollte nicht aufhören.
Doch so sehr ich Mitleid fühlte, ich konnte ihm nicht helfen.
»Warum ich?«, fragte ich, worauf er böse mit dem Zeigefinger auf einen Mann zeigte, und der Rentner, der eben noch mit seiner Frau in ein Gespräch vertieft war, begann einen frivolen Bauchtanz aufzuführen. Iblisos Braun zeigte auf einen anderen vornehmen Mann, und dieser stand auf und begann seinen Kopf gegen die Wand zu schlagen. Das Männlein schien über einige Zauberkünste und über Macht zu verfügen. Ich warf einen Blick auf die Uhr:
»Ich muss leider gehen.«
»Und deine Stimme?«
»Die brauche ich noch ein paar Jahre.«
Er packte mich blitzschnell am Kragen: »Nur deine Stimme kann mich retten. Ich hätte dich getötet, aber die Liebe deiner Mutter hat dich ummantelt. Ich kann dir aber das Leben in Braunschweig so zur Hölle machen, dass du den Tag verfluchst, an dem du die Stadt betreten hast.«
Das mit dem Liebesmantel meiner Mutter hätte mir gefallen, wäre es nicht aus seinem Munde gekommen.
»Lass los«, fauchte ich ihn an. Ich konnte seinen Mundgeruch kaum noch ertragen. Er lockerte seine Finger langsam. »Solltest du bis heute Abend deine Meinung nicht geändert haben…«, zischte er. Ich hörte nicht mehr zu.
Draußen herrschten sommerliche Temperaturen. Die Lesung war im Botanischen Garten unter der malerischen Süntelbuche angesetzt. Vierhundert Leute saßen erwartungsvoll auf ihren Plätzen. Ich begann zu erzählen, und das Publikum reagierte sensibel und bald vergaß ich Iblisos und wanderte mit meinen Figuren in den Gassen von Damaskus umher.
Plötzlich erschien das Männlein in der letzten Reihe. Ich sprach gerade den Satz: »Und der Himmel in Damaskus war damals beinahe so blau wie hier über Braunschweig.« Einige lachten. Iblisos Braun wurde rot und zeigte mit der rechten Hand steif gen Himmel. Seine Lippen bebten. Plötzlich wehte eine starke Böe. Dunkle Wolken nahmen über uns Platz. Zwei Minuten später begann es zu regnen. Und nun erlebte ich die Überraschung meines Lebens. Die Braunschweiger blieben sitzen. Sie ignorierten den Regen und lachten wie fröhliche Kinder. Einige, die aus reiner Gewohnheit ihre Schirme mitgebracht hatten, machten sie auf. Aber alle, ob beschirmt oder nicht, spendeten mir tosenden Beifall, um zu sagen, dass sie weiter zuhören wollten.
Ich erzählte, fast zu Tränen gerührt, so gut wie noch nie. Ich, dessen Heimat ihn ausgespuckt hat, finde hier, im angeblich kalten Norden, eine solche Liebe.´Und diese Liebe war es, die bald einen unsichtbaren aber mächtigen Schirm aufbaute, mit dem sie die Wolken zur Seite schob. Die Sonne färbte wieder den Horizont und der Himmel klarte auf. Ich zeigte dem Männlein unauffällig meinen Stinkefinger. Er stand entkräftet und wie verschrumpelt abseits.
»Aber beim nächsten Mal wirst du was erleben«, fauchte er mich von der Seite an, Schwefel und faule Eier stanken aus seinem Mund, während ich ein Buch signierte.
»Braun, schweig!!!« erwiderte ich mit nassen Haaren und hüpfendem
Herzen.

 

(Unpublished)

Bibliography

Rafik Schami
Das letzte Wort der Wanderratte. Fairy tales, fables & imaginary tales. Ill. by Erika Rapp. Kiel: Neuer Malik Verlag, 1984 (Munich: dtv, 1987)

Der erste Ritt durchs Nadelöhr. More fairy tales, fables & imaginary tales. Illustrated by Erika Rapp. Kiel: Neuer Malik Verlag, 1985 (Munich: dtv, 1996)

Der Fliegenmelker. Stories from Damascus. Illustrated by Root Leeb. Kiel: Neuer Malik Verlag, 1993 (Munich: dtv, 1989) and NA Munich/Vienna: C. Hanser 1997

Eine Hand voller Sterne. Novel. Weinheim: Beltz & Gelberg, 1987 (Munich: dtv, 1995)

Malula. Märchen und Märchenhaftes aus meinem Dorf. Kiel: Neuer Malik Verlag, 1987
Märchen aus Malula. Illustrated by Root Leeb. Munich: dtv, 1990. NA Munich/Vienna: C. Hanser, 1997

Die Sehnsucht fährt schwarz. Geschichten aus der Fremde. Munich: dtv, 1988. With illustrations by Root Leeb. Kiel: Neuer Malik Verlag, 1996. Munich/Vienna: C. Hanser, 1997

Erzähler der Nacht. Weinheim: Beltz & Gelberg, 1989 (Munich: dtv, 1994)

Vom Zauber der Zunge. Reden gegen das Verstummen. Frauenfeld: Verlag im Waldgut, 1991 (Munich: dtv, 1998)

Der ehrliche Lügner. Roman von tausendundeiner Lüge. Weinheim: Beltz & Gelberg, 1992 (Munich: dtv, 1996)

Reise zwischen Nacht und Morgen. Munich/Vienna: Carl Hanser, 1995 (Munich: dtv, 1999/2002)

Gesammelte Olivenkerne. Aus dem Tagebuch der Fremde. Illustrated by Root Leeb. Munich/Vienna: C. Hanser, 1997 (Munich: dtv, 2000)

Milad. Von einem der auszog, um einundzwanzig Tage satt zu werden. Munich/Vienna: C. Hanser, 1997 (Munich: dtv, 2000)

Der geheime Bericht über den Dichter Goethe, der eine Prüfung auf einer arabischen Insel bestand. Munich/Vienna: C. Hanser, 1999 (Munich: dtv, 2001)

Sieben Doppelgänger. Munich/Vienna: C. Hanser, 1999 (Munich: dtv, 2001)

Die Sehnsucht der Schwalbe. Munich/Vienna: C. Hanser, 2000 (Munich: dtv, 2002)

Mit fremden Augen. Tagebuch über den 11. September, den Palästina-Konflikt und die arabische Welt. Heidelberg: Palmyra Verlag, 2002

Die Farbe der Worte. Pictures and stories. With Root Leeb. Cadolzburg: ars vivendi Verlag, 2002

Damaskus. Der Geschmack einer Stadt. With Maria Fadel. Zurich: Sanssouci im Verlag Nagel & Kimche, 2002

Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm. Munich: C. Hanser, 2003

Die dunkle Seite der Liebe. Novel. Munich: C. Hanser, 2004

Damaskus im Herzen. Munich: C. Hanser, 2006

Der Kameltreiber von Heidelberg. Munich: C. Hanser, 2006