György Dalos

Adelbert von Chamisso Prize 1995

Born in Budapest, Hungary, in 1943
, to a Jewish family. György Dalos studied history at the University of Moscow. His first volume of poetry was published in Hungary in 1964. In the same year, he joined the Hungarian Socialist Workers' Party. In 1968, he was given a suspended prison sentence in a political trial and was banned from publishing. In 1977 he joined the democratic opposition in Hungary. He received a scholarship from the German Academic Exchange Service in 1984 and worked in the Eastern Europe Research Center at the University of Bremen. Since 1984, he has worked in Vienna and Budapest and for German radio stations and newspapers. In 1992–1996 he was a member of the board of directors of Heinrich-Böll-Stiftung in Cologne, served as director of the Hungarian Culture Institute in Berlin in 1995–1999 and was the literary curator of the special presentation of Hungary at Frankfurt Book Fair in 1999. He was a member of the Saxon Academy of Arts in 1998. In 1999 he received the Gryphius Prize and was awarded the Golden Plaque, a personal award from the president of the Republic of Hungary, in 2000. He currently lives in Berlin as a freelance writer. Some of his books were published in translation in England, France, Denmark, Sweden, Japan, Turkey, Portugal, Russia, Australia, Israel, the USA, and the Netherlands.

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Russe sucht Russin
Laut einem der hungrigen Witze der postsowjetischer Diaspora in Deutschland sagt der Unternehmer dem russischen Bewerber: »Zunächst zahle ich Ihnen monatlich tausend Euro, später kann das Gehalt höher werden.« – »Dann komme ich eben später wieder«, antwortet prompt der Immigrant.
Juden aus der ehemaligen Sowjetunion haben philosophischere, aber auch schwärzere Scherze im Reisegepäck. Nach einem »Anjekdot« aus diesem Milieu soll der Messias auferstanden sein und die Erde besucht haben. Alle sind begeistert, die ganze Menschheit feiert, allein der Rabbi Liebermann nimmt an keiner Massenansammlung teil. Schließlich verliert der Messias seine Geduld und besucht den Rabbi persönlich:
»Liebermann, wie lange soll ich noch auf Sie warten?«
Darauf der Rabbi im galligen Ton: »Und das fragen ausgerechnet Sie!«
Ja, der Erlöser hat es offensichtlich nicht eilig mit den hunderttausenden von Russen, die im Besitz eines alten, zerknitterten sowjetischen Reisepasses im goldenen Westen gelandet sind. Das einzige, womit man sie verwöhnt, ist die Presse. Allein in der Bundesrepublik existiert mehr als ein Dutzend russischer Zeitungen, nicht gerechnet die Beilagen »für unsere Landsleute« der in Moskau erscheinenden Blätter.Wenn ich durch Deutschland reise, oder auf Urlaub anderswo in Europa bin, sehe ich in den Zügen immer wieder Russen, die in ihren Zeitungen lesen und – insoweit das der taktlose Blick über die Schulter errät – vor allem den Annoncenteil studieren. Sie lesen Ausschreibungen von Stellen, Billigflügen und Eheanzeigen – Russe sucht Russin oder umgekehrt, jedenfalls eine menschliche Beziehung, die in der Muttersprache aufblühen kann.
Die Völkerwanderung aus der UdSSR ist keiner früheren Massenemigration ähnlich. Wenn berühmte russische PopsängerInnen wie Alla Pugatschowa, Rosenbaum oder Schufuntisinkij durch die Welt reisen, können sie von Pragüber Berlin und Paris bis Jerusalem auf begeisterte Fans rechnen. Das ist ein Publikum, das zwar sein Land verlassen hat und im Vergleich zu dessen Bevölkerung eindeutig besser (obwohl auch nicht im westlichen Wohlstand) lebt, das aber niemals ganz an dem neuen Bestimmungsort angekommen ist. Dieses Exil ist, außer der Tatsache, daß das Imperium, in dem sie ihr wahres Leben zurückgelassen haben, nicht mehr gibt, grundsätzlich unpolitisch. Und wie sagt es Brecht? »Wenn das Haus eines Großen ⁄ zusammenbricht, ⁄ werden viele Kleine erschlagen« … Der doppelzüngige Westen bezeichnet sie allzu leicht als »Wirtschaftsflüchtlinge«. Als ginge es um eine noch so bescheidene Profitsucht und nicht um die Existenz selbst.
Ich habe fünf Jahre meiner Studentenzeit in Moskau verbracht und kenne diese Leute, wenigstens aus der eigenen Generation. Das sind die Musiklehrer, die lieber arbeitslos im trostlosen Bielefeld leben, denn als Kfz-Fahrer in Donetsk zu schuften. Außerdem hat ein Teil von ihnen eine berechtigte Angst vor der »historischen Heimat«, in der scharf geschossen wird und der Ingenieur aus Taganrog oder der Arzt aus Kemerowo weder mit Juden noch Palästinensern sprechen kann.
Die deutschen Behörden scheinen doch eine Ahnung von der sozialen Lage »ihrer« RussInnen zu haben, denn in den Zügen niedrigerer Klasse liest man neuerdings nicht mehr nur serbokroatisch, polnisch oder türkisch, sondern auch in Puschkins Sprache die Warnung: »Die ›verehrten Reisenden‹ ohne gültiges Ticket müssen Geldstrafe zahlen«.
Dies ist auch eine Form der Integration.

Bibliography

György Dalos
Meine Lage in der Lage. Poems and stories. Translated by Thomas Brasch and Hans Magnus Enzensberger. Berlin: Rotbuch Verlag, 1979

Neunzehnhundertfünfundachtzig. Ein historischer Bericht. (Hongkong 2936). Translated from Hungarian by Reinhard Weißhuhn. Berlin: Rotbuch Verlag, 1982

Kurzer Lehrgang, langer Marsch. Dokumontage. Translated by Reinhard Weishuhn and Elisabeth Käsbauer. Berlin: Rotbuch Verlag, 1985

Mein Großvater und die Weltgeschichte. Translated by Matthias Fienbork. Berlin: Literarisches Colloquium, 1985

Archipel Gulasch: Entstehung der demokratischen Opposition in Ungarn. Mit vielen Dokumenten. Translated by Elsbeth Zylla. Bremen: Edition Temmen, 1986

Die Beschneidung. Eine Geschichte. Translated by György Dalos and Elsbeth Zylla. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1990. NA Suhrkamp Tb, 1993, 1997, 1999

Ungarn – Vom Roten Stern zur Stephanskrone. Translated by György Dalos and Elsbeth Zylla. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991 (2nd enlarged ed. 1997)

Vom Propheten zum Produzenten. Zum Rollenwandel der Literaten in Ungarn und Osteuropa. Vienna: Wespennest Verlag, 1992

Proletarier aller Länder, entschuldigt mich! Das Ende des Ostblockwitzes. German version by Elsbeth Zylla. Bremen: Edition Temmen, 1993 (7th ed. 1999)

Der Versteckspieler. Gesellschaftsroman. Übersetzt von György Dalos und Elsbeth Zylla. Frankfurt am Main/Leipzig: Insel Verlag, 1994. NA Suhrkamp Tb, 1997

Der Rock meiner Großmutter. Early prose. Translated by Thomas Brasch, Matthias Fienbork, Peter-Paul Zahl and Elsbeth Zylla. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996

Der Gast aus der Zukunft. Anna Achamatowa und Sir Isaiah Berlin. Eine Liebesgeschichte. Translated by Elsbeth Zylla. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1996

Lajos Kossuth: »Ungarn ist in Gefahr!« Die große Ministerrede, 11. Juli 1848. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1998

Der Gottsucher. Eine Geschichte. Translated by György Dalos and Elsbeth Zylla. Frankfurt am Main/Leipzig: Insel Verlag 1999 (Frankfurt am Main: Suhrkamp Tb, 2001)

Olga. Pasternaks letzte Liebe. Almost a novel. Translated by Elsbeth Zylla. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1999

Die Reise nach Sachalin. Auf den Spuren von Anton Tschechow 2001. Ein historischer Reisebericht. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 2001

Seilschaften. Novel. Cologne: DuMont, 2002

Ungarn in der Nussschale. Geschichte meines Landes. Munich: C.H. Beck, 2004

1956. Der Aufstand in Ungarn. Translated by Elsbeth Zylla. Munich: C. H. Beck, 2006

Die Balaton-Brigade. Novella. Hamburg: Rotbuch Verlag in der Europäischen Verlagsanstalt, 2006