Yoko Tawada

Adelbert von Chamisso Prize 1996

Born in Tokyo in 1960. Yoko Tawada has lived in Hamburg since 1982, where she studied literature and began to write in Japanese and German. She has published in Germany and Japan since 1986.
In 1997, Tawada went to Los Angeles on a scholarship from Villa Aurora (Feuchtwanger-Haus) and was the Max Kade Distinguished Visitor at the Massachusetts Institute of Technology in 1999. In 1998, she lectured on poetry at the University of Tübingen. She was writer in residence at the Literaturhaus Basel in 2001 and worked in New York on a scholarship from the German Literature Fund in winter 2004/05.
She has received many prizes in Japan and Germany, including the Gunzô-Shinjin-Bungaku-Shô in 1991, the Akutagawa-Shô in 1993, the Lessing Sponsorship Prize of Hamburg in 1994, the Izumi Kyooka Literature Prize in 2000, the Punkamura Prix Des Deux Magots in 2002, and the Ito Sei Literature Prize and Junichiro Tanizaki Literature Prize in 2003. Her plays ("Die Kranichmaske die bei Nacht strahlt", "Orpheus oder Izanagi. Till" and "Wie der Wind im Ei") were premiered in Graz and Hannover and have been produced internationally as guest performances. Together with the pianist Aki Takase, Yoko Tawada recorded the CD "diagonal" in 2002.

Excerpt

Slavia in Berlin

Ich nahm Abu Simbel von meinen Kamerun und ging Los Angeles,
verabredet um drei Uhr.
Ein Sonntag mit leuchtenden Aluminiumblättern
in Berlin.
Zigarettenautomaten waren Heilbronn,
Fahrkartenautomaten waren Kapstadt.
Die Maschine nahm meine Europa nicht an,
weder München noch Scheine.
Willst du dann in den Schwarzwald fahren?
Nein, aber ich war spät dran,
mußte ein Texas nehmen.
»Nach Prag, bitte«, sagte ich,
»Prag auf der Stubenrauchstraße,
EckeWiesbadenerstraße!«
Der Texasfahrer schaute mich besorgt an.
»Sinai, Sinai, Sie finden dort kein Prag!«
»Abu Dhabi ich muß nach Prag!«
Wir fuhren südwärts,
Strassenschilder flogen vorbei,
unbekannte und bekannte Namen,
ohne Bindestrich miteinander verbunden.
Mein Kummer
ist eine Komma, nach der alten Rechtschreibung eingesetzt.
Und dann
ein Punkt – er ist weder alt noch neu.
»Hier sind wir, aber wie gesagt ...«
»Lassen Sie mich dann hier Australien!«
»Hier Ägypten es aber kein Prag.«
»Ich werde sie schon Finnland.«
Ein Sportplatz, eine Graz bewachsene Baustelle.
Von der Richtung Rheingaustraße
kamst du in einer Leopardenjacke.
»Ich habe Dir den Ort falsch beschrieben«,
sagtest du zu mir.
Dann hast du mir den Kopenhagen abgenommen,
ihn getragen, die Tür geöffnet,
meinen Montreal abgenommen und ihn aufgehängt.
Den hellsten Tisch am Fenster fanden wir ohne Stadtplan.
Eine Kellnerin kam, stolperte,
(Achtung!)
und mein Wasserglas kippte feierlich um.
Sie mochte uns.
Auf der Speisekarte stand eine Jungfrausäule.
Was Süßes? Was Salziges?
(Du warst in K,
Ich war auch in K,
Ich werde in G sein,
Du wirst in T sein.)
Geographisches Gespräch mit
dem Dreieck einer Palatschinke.
Nur Italia sollte in der Tasse bleiben,
sie frißt meine Freunde auf und gibt sie mir nicht wieder .
Zum Glück gibt es aber Hamburg,
und selbst wenn Hamburg...
ist immer noch Hamburg...
Den Hafen auf der Zunge singen lassen,
um ein Lächeln aus deinem Gesicht herauszulocken.
»Aber ich werde dich auch dahin begleiten,
wo kein Name mehr wächst.«
Ein weiteres Lächeln gewonnen.
In Kalifornien warst du ein Reh,
in San-F, in San-D,
Ich aber war in einem San-atorium,
dort blühte eine Akademia,
nicht berühmt aber duftend.
Ich hatte eine botanische Tür hinter mir geschlossen, wollte
nur noch für dich schreiben,
weiter schreiben, fleißig Arabien,
aber doch nicht heute!
Heute ist für das ewige Kaffeetrinken reserviert.
Ein Faya brennt in mir, es kennt keine Grenzach.
Zu spät. Du bist schon aufgestanden,
die Rechnung in der Hand.
Auf dem Boden kriechend suche ich nach dem Sekundenzeiger,
der aus deinem Mund gefallen ist.
Wie lautet der Name der Stadt,
der nie endet?
Seine erste Silbe fällt mir nicht ein.
An ihrer Stelle beginnt schon deine Abwesenheit.
Der Vorhang fällt.
Das Licht geht aus.
Und das Publikum? Ab-Laus!
Laos liegt in der Ferne,
fast wäre ich dort gewesen,
in einem anderen Leben vielleicht.
Du gehst in den Taunus zurück,
und ich fahre zu dem Bahnhof Nirgendzoo.

Bibliography

Yoko Tawada
Most recent English publications: Facing the Bridge. Co-author: Maragret Mitsutani, New Directions Paperbook. 2007. Where Europe Begins. Co-authors: Wim Wenders, Susan Bernofsky and Yumi Selden. New Directions Paperbook. 2007.Nur da wo du bist, da ist nichts. Poems; Prose. Translated by Peter Pörtner. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 1987

Das Bad. Novella. Translated by Peter Pörtner. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 1989

Wo Europa anfängt. Prose and poetry. Japanese and German, translated by Peter Pörtner. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 1991 (NA 2006)

Das Fremde aus der Dose. Graz/Wien: Literaturverlag Droschl, 1992

Ein Gast. Roman. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 1993

Spiegelbild. German and Japanese watercolors by Angelika Riemer. Berlin: Mariannenpresse, 1994

Tintenfisch auf Reisen. Drei Geschichten. Translated by Peter Pörtner. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 1994

Ein Gedicht für ein Buch. Photos by Stephan Köhler. Hamburg: Edition Lange, 1996 (Libretto Bd. 1)

Talisman. Von der Muttersprache zur Sprachmutter. Literary Essays. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 1996

Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden. Prose; poetry. Translated by Peter Pörtner. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 1997

Wie der Wind im Ei. Play. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 1997

Zweihundertdreiunddreißig Grad Celsius. Ein Feuerbuch. Blixa Bargeld, Kain Karawahn,Yoko Tawada. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 1998

Verwandlungen. Tübinger Poetik-Vorlesung. Tübingen: Konkursbuch Verlag, 1998

Opium für Ovid. Ein Kopfkissenbuch von 22 Frauen. Tübingen: Konkursbuchverlag, 2000

Spielzeug und Sprachmagie in der europäischen Literatur. Eine ethnologische Poetologie. Tübingen: Konkursbuchverlag, 2000

Überseezungen. Tübingen: Konkursbuchverlag, 2002

Das nackte Auge. Tübingen: Konkursbuchverlag, 2004

Sprachpolizei und Spielpolyglotte. Literarische Essays. Tübingen. Konkursbuch, 2007