Adelbert von Chamisso Prize of the Robert Bosch Stiftung

Jiří Gruša

Honorary Endowment, Adelbert-von-Chamisso-Prize 1997

Born in 1938 in Pardubice, Bohemia.
Studied philosophy and history at the University of Prague, PhD in 1962, worked as an editor, foreign language assistant, and publisher of various magazines. In 1970, Jiří Gruša died in October 2011. was barred from working in his profession. He worked in an advertising agency, a marketing institute, and as a site foreman and white-collar worker for a construction company. Jiří Gruša was an active participant in the "Spring of Prague", signatory of Charta 77 and co-founder of the "Edice petlice" publishing house. After publication of the novel Der 16. Fragebogen in 1978, he was arrested, but released after two months at the intervention of Heinrich Böll. Expatriated against his will while travelling abroad in 1981, Jiří Gruša worked in Bonn as a freelance writer in exile. He served as Czech ambassador to Germany from 1991 to 1997, then became Minister of Education, Youth and Sports in Prague and served as Ambassador to Austria from 1998 to 2003. He became president of the International P.E.N. Club and director of the Diplomatic Academy in Vienna in 2005. He has received many awards, including the Andreas Gryphius Prize in 1996, the International Brücke Prize of Görlitz and the Inter Nationes Culture Prize in 1998, the Goethe Medal in 1999, and the New Culture of New Europe Award in 2006.

Jiří Gruša died in October 2011 in Bad Oeynhausen.

Excerpt

Wortschaft

Erst im stummland
bin ich stumm geworden
erst im stummland
verstand ich
das tier
das schweigsam
bedeutet
und wacht
unsagbar
im raum
des redens

Aus: »Wandersteine«. Gedichte. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1994


Rede über Deutschland


Wenn Begriffe wie Wahrheit, Freiheit, Einheit – und ihre politischen Abbilder wie Identität, Selbstbestimmung und Nation – ihre Grausamkeit verlieren sollen – die sie ja seit eh und je besitzen, müssen wir fähig sein, sie als freie, wahrhaftige und einheitliche Menschen zu denken. Es ist an der Zeit, im Osten aus dem Dissens den Konsens zu machen. Und es ist an der Zeit, bei Ihnen im Westen, Dissens zu suchen, dort wo man im Namen des Konsens eben nur Ganzheit sucht. Falls Deutschland nicht wieder wie eine Wanderniere Europas herumirren will, muß es seine Einheit verkraften. Denn sie ist kein Bauen, sondern ein Backen. Ein Vorgang, kein Unternehmen. Die Elemente, die Ingredienzen, die hier in Verbindung treten sollen, können es, müssen es aber nicht tun. Hitze, Zeit und Zutaten sind einzuhalten, nicht herbeizutrotzen. Mit anderen Worten, die bei den Deutschen so ungeliebte Tugend des Maßes »Temperantia« wird gefragt. Es kommen die Zeiten der Maß-Regelungen überall und allerorts. Bald werden wir sehen: diejenigen, die kein Selbst haben, werden keins finden. Die Prediger der unerschöpflichen Originalität eines jeweiligen Stammes, entdecken sie in der Uniform der Milizen.

Die Selbstbestimmler werden fremdbestimmt und werden sich darüber nicht einmal sehr wundern. Die Schaffer der Ministaaten werden sich einmal dafür verantworten müssen, ihre Völker aus dem Wettbewerb anderer Nationen hinausgeworfen zu haben. Um das Aufkommende zu meistern, brauchen wir Deutschland. Oder besser: Wir brauchen eine Bundesrepublik, die ihre DDR verdaut hat. Der Friede Deutschlands mit seiner Geschichte ist auch unser Friede.

Es war einmal ein Deutscher, der uns Slawen die gute Nachricht brachte, wir seien göttlichen Ursprungs. Er flößte uns Selbsteinschätzung ein und drückte uns ganz ahnungslos eine antideutsche Waffe in die Hand. Doch Herders Göttlichkeit der Völker, von der hier die Rede ist, war keine Gotteseigenschaft der Nationen im Alltag. Eher ein Innehalten, ein Anerkennen des launischen Zustandekommens jedes Lebens, dieses Wunders, das nichts heilt, weil es heil ist. Diejenigen, die in falscher Anlehnung an Herder ihre Identität selbstisch finden möchten, um einen Selbstbedienungsladen zu eröffnen, in dem alles zum Selbstverständnis wird, sollten mal zu dem O-Ton greifen, – medikamentös.
Denn es steht dort wörtlich:

»Was in den Herzen Anderer von uns lebt,
ist unser wahrhaftes und tiefes Selbst,
was mit der weiten Welt uns einet, was,
uns innern Frieden schafft im Sturm der Zeit,
uns Frevel übersehn, vergessen lernt,
und mild erkläret, wie denn und woher
der Tot ein Tor sei, ist ein großes Selbst …«

Dieses präromantische Gedicht als Lektion der Postmoderne … möchte ich den Deutschen geben … auf den Weg zur Einheit – als Hilfe zur Selbsthilfe.

Excerpt from: „Reden über Deutschland 3“. C. Bertelsmann, Munich 1992

Bibliography

Jiří Gruša
Die Macht der Mächtigen oder Die Macht der Machtlosen.
With Václav Havel. Wieser, Klagenfurt 2006

Als ich ein Feuilleton versprach. Handbuch des Dissens und Präsens.
Essays, Überlegungen und Interviews 1964–2004. Czernin, Vienna 2004

Glücklich heimatlos.
Einblicke und Rückblicke eines tschechischen Nachbarn. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2002

Gebrauchsanweisung für Tschechien.
Piper, Munich 2000.

Laterna Magica. Einblicke in eine tschechische Fotografie der Zwischenkriegszeit.

Edited bey Margit Zuckriegl. Mit einem Text von Jiři Gruša. Rupertinum, Salzburg 2000

Das Gesicht – der Schriftsteller – der Fall.
Lectures. With an essay by Utz Rachowsky, an epilogue by Ludger Udolph, and a bibliography by Susanne Fritz. Dresden. Thelem bei w.e.b.-Universitäts-Verlag, 1999

Wandersteine.
Poems. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1994

Prag. Einst Stadt der Tschechen, Deutschen und Juden.
Bildband. Jiří Gruša, Eda Kriseova, Petr Pithart. Langen-Müller, Munich 1993

»Wie sehen unsere Nachbarn die deutsche Entwicklung?« Die deutsche Entwicklung aus tschechoslowakischer Sicht.

Vortrag. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1991

Auf der Brücke zum Morgen. Prag – Die goldene Stadt der 100 Türme.
Mit Jan Hnízdo. Eulen-Verlag, Freiburg i.Br 1991

Babylonwald.
Poems 1988. Mit einem Nachwort von Sarah Kirsch. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1991

Prager Frühling – Prager Herbst.
Blicke zurück und nach vorn von Heinrich Böll u.a. Hrsg. von Tomas Kosta und Jiří Gruša. Bund-Verlag, Cologne 1988

Mimner oder das Tier der Trauer.
Novel. Bund-Verlag, Cologne 1986

Janinka.
Novel. Bund-Verlag, Cologne1984

Franz Kafka aus Prag.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1983

Der 16. Fragebogen.
Novel. Translated by Marianne Pasetti-Swoboda. Hoffmann und Campe, Hamburg 1979.