José F. A. Oliver
Adelbert von Chamisso Prize 1997
Excerpt
oder die gemeinsame Lust am Spättle
Es gibt Seelenfenster, die sich nur hin und wieder öffnen. Es gibt eine vertraute Zartheit ins Eingehegte der Vorstellungen vom Ich und dem Verlangen, sich selber Ort zu werden. Die Sehnsucht, ein anderer zu sein. Den verborgensten Geheimnissen auf der Spur, um auszuloten, wer man ist. Auch ist. Zumindest aber ein Aug voll dessen zuzulassen, was man hin und wieder sein möchte und ob der Verhältnisse nicht sein darf oder kann. Dann ist unter anderem Fastnacht. Narrenfieber, Maskenzauber, Spattenzeit. Zauber, der das Flickwerk Leben um ein paar ausgelassenere Tage sicht- und hörbarer macht. Ein Gefühl von Katzenmusik, die sich die Nacht unterwirft.
Vielleicht sind aus diesem Verlangen heraus, das bestimmt eines immer war und ist, eine Notwendigkeit ins Überleben, ins Erträglichere des Lebens, auf der Landkarte der schwäbisch-alemannischen Fasent die unterschiedlichsten Figuren entstanden, die wir als ihre Liebhaber bis heute herzen wie Seelenverwandte oder notanrufen wie Komplizen. Manch einer verzärtelt und küsst sogar die Maske, bevor er das filigrane Holzschnitzwerk anlegt und sich dem Andergesicht offenbart. Die Hausacher Spättlemadlee ist ein solches Eigenwesen, das vom Innersten nach außen treibt, die Innerzeit hervorkehrt. Eine leibhaftige Gruselvettel. Ein heruntergekommenes Altweib mit dem unberechenbaren Lauerblick der hämischeren Art unter einer Runzelstirn, dessen Drohgebärde zum feisten Bockssprung anzusetzen scheint und bei näherem Betrachten dann doch nur datschsatt platt vom Strohschuh schleicht: rockzahm, altweiberpätrig und die Straße schlürfend. Auch diese Gleichzeitigkeit schminkt ihr Wesen aus. Immer ein Doppeltes. Immer ein in sich zwiefaches Gesicht. Alte, gutbeseelte Jungfer und zwielichtiges, straßentriebiges Mannweib.
Maskenfinster ins Verruchtere und rätselschämmig zottelt sie ihre Haarsträhnen ins Gesicht, als gelte es den auggehöhlten Blick nur schattenweise preiszugeben. Als gelte es nur konturenhaft anzudeuten, was eigenschaut und das Offene sucht im Verborgenen einer Dorfgeschichte aus Überliefertem und Erfundenem.
Grinsmäulig und eckzahnscharf. Mit vollen Lippen ein Faltenbündel unter Warzen. Herausspringende, schaurig nackte Glubschaugen, die lauernd auf der bloßen Hexengabel ihrer Blicke sitzen, um launig loszustechen, das anvisierte Opfer in das Scharmützel aus »Gut und Bös« zu bannen.Gezielt, hinterhältig, mit Spottlust teuflisch, um sich kurz danach doch wieder weich und schunkelanschmiegsam im Frohsinn zu verschnurren. Ein Maskenspiel ins Schattenlicht. Gepaart mit einem Kribbeln aus Tollerei und Angstneugier. Ein Kribbeln, das niemals fehlen darf. Furchtanspannung, die sich schließlich in einem Lachen auflöst. Humor als kleine Wiedergutmachung. Spaß und Ausgelächter. Seelenglück.
Verwandlung also. Der Mensch in seinen Widersprüchen. In seinem übermütigen Größenwahn. Zwischen Pfauenfeder und Eselskappe. Ein Ausleben der Gegensätze vor der Demutshaltung unterm bewusst empfangenen Kreuz am Aschermittwoch – Memento mori! Immer aber ehrlich in seinem Durst nach sich selber. Ohne den zeitschnürenden Terminkalender der Verpflichtungen aus Alltag und Wiederholung und doch darum wissend, dass diese nicht abzuschütteln sind und die Fünfte Jahreszeit allenfalls eine Atempause bedeuten kann. Nicht mehr. Nicht weniger. Nicht existentiell wie es in früheren, vermeintlich unaufgeklärteren und undemokratischeren Zeiten gewesen sein mag, aber entspannend und Luft holend, wo die Uhr zur ungeduldigen Jägerin geworden ist. Eine Zeitflocke Harlekinaden und Verrücktheiten mit tieferem Sinn. Den Schalk im Narrennacken.
Das Hausacher Spättle, das auf den ersten Blick ein roheres Exemplar der dreisten Bocksgeschöpfe verkörpert und also doch viel mehr ist als nur der ewig nachgebildete Mythos eines lüstern schamlosen Hexenweibes im prallen Spiel um die Phantasien derjenigen, die sie sich ausgedacht und als Narrenfigur nachgeschöpft haben. Das Häs ist Wirklichkeit und Vorstellung der Wirklichkeit. Und diese liegen wie so oft sehr nah bei- wenn nicht gar ineinander.
Essay excerpt
Bibliography
Heimatt und andere fossile Träume. Poetry. Berlin: Das Arabische Buch, 1989
Weil ich dieses Land liebe. Poetry. Berlin: Das Arabische Buch, 1991
Vater unser in Lima. Poems. Tübingen: Heliopolis, 1991
Gastling. Poetry. Berlin: Das Arabische Buch, 1993
Los Caminos Son Yollardir. Secme siirler. German-Turkish. Translated by Hasan Özdemir. Istanbul: Papyrus, 1994
Austernfischer, Marinero, Vogelfrau. Liebesgedichte und andere Miniaturen. Berlin: Das Arabische Buch, 1997
Duende. Meine Ballade in drei Versionen. Gutach: Drey Verlag, 1997
Lyrik oder Gesang! (CD) Stuttgart: FenderTon, 1997
fernlautmetz. Poetry. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000
dass. (CD) Stuttgart: FenderTon 1999
Nachtrandspuren. Poems. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002
finnischer wintervorrat. Poetry. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005
unterschlupf. Poems. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006
Mein andalusisches Schwarzwalddorf. Essays. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007