Adelbert von Chamisso Prize of the Robert Bosch Stiftung

Natascha Wodin

Adelbert-von-Chamisso-Prize 1998

Born in 1945 as the daughter of Russian emigrants in Fürth, Bavaria,
Natasha Wodin grew up in Nuremberg and Forchheim. She trained as a translator and interpreter for Russian. After working in this profession for several years, she became a literary translator of poetry and novels, including works by Venedikt Yerofyev, Yevgenia Ginsburg, Andrei Bitov, and Alexandra Marinina. She has lived in Berlin as a freelance writer since 1981. Natascha Wodin has received many prizes and awards, including the Hermann Hesse Prize in 1987, the Andreas Gryphius Sponsorship Prize in 1985, the Scholarship of the German Literature Fund in 1987 and 1988, the Brothers Grimm Prize of the City of Hanau in 1989, the Wolfram von Eschenbach Prize in 2005, and the Honorary Endowment of the German Schiller Foundation in 2006.

Excerpt

Ich lag im Liegestuhl auf der schattigen Terrasse, Günter und Marlies waren am Strand und badeten. Warum hatte Günter mich nicht gewarnt? Er, der wusste, der lange vor mir mit eigenen Augen gesehen hatte, was man die Dritte Welt nannte. Wer war er, dass er freiwillig in diese brutale Realität zurückgekehrt war, um hier seine Semesterferien zu verbringen? Wie konnte er hier glücklich sein, unbeschwert baden, essen, schlafen, sich für Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten begeistern? Warum fühlte er nicht dasselbe Grauen wie ich? Er war der erste Mensch, der mich liebte, und ich wusste nicht, warum. Aber seit ich ihn kannte, wusste ich, dass ich mich gegen fast alles wehren konnte, nur gegen eines nicht: gegen die Liebe. Sie überwältigte mich, sie machte mich hilflos. Manchmal hasste ich Günter dafür. Und immer öfter fragte ich mich, was ich gemeinsam hatte mit seiner Welt. Was konnte ich gemeinsam haben mit den deutschen Studenten der 68er-Generation? Ich war unter ihnen die falsche Braut mit Blut im Schuh. Mein Deutschland war nie das ihre gewesen, sie rebellierten gegen Verhältnisse, die ich nicht kannte, zu denen ich nie gehört hatte. Ich hatte mich nur nach einer neuen, anderen Zugehörigkeit gesehnt, aber ich konnte nicht zu etwas gehören, das ich in seinem Wesen weder kannte noch verstand. Ich gehörte zu gar nichts. Weder zu Deutschland noch zu Russland und immer weniger auch zu mir selbst. Ich gehörte zu Sri Lanka. Hier war ich in meiner eigenen inneren Wildnis angekommen, im Nichts, in genau jener Fremde, in der ich immer schon war. Sehnsüchtig blickte ich von der Terrasse auf die Wellen des Indischen Ozeans. Das glycerinwarme Wasser versprach eine wenigstens minimale Kühlung, aber selbst die hundert Meter bis dorthin schaffte ich nicht. Die Bilder der paradiesischen Strände in den Hochglanz-Reiseprospekten verrieten nicht, dass der weiße Sand an diesen Stränden glühte wie Feuer, dass jeder Weg durch die Sonne ein Weg wie durch einen Backofen war, dass die gebogenen Palmen, die ins Bild ragten, der Beginn des Dschungels waren. Nachts lag ich unter dem Moskitonetz und hörte seine Geräusche. Der Dschungel keuchte, ächzte, stampfte in der Dunkelheit, er säuselte, er knackte, er schmatzte. Ich wälzte mich auf meinem Bett wie in heißem Aspik. Der Atem des Dschungels erstickte mich. Alles war durchdrungen von diesem Atem, von einer klebrigen, schmierigen Feuchtigkeit, unsere Bettlaken, unsere Kleider, unser Haar, das nach dem Waschen nicht trocken wurde. Wie mit einem persönlichen Feind kämpfte ich mit dem Dschungel um jeden Schluck Luft, ich atmete mit ihm um die Wette.Wenn man eine Schneise durch sein Dickicht schlug, hatte uns jemand gesagt, würde sie sich nach zwei Stunden wieder schließen, so, als sei sie nie da gewesen. Einmal war Günter nur ein paar Schritte hineingegangen in dieses Dickicht und gleich darauf übersät von riesigen Blutegeln wieder herausgekommen. Ich lag da und hörte den Dschungel wachsen, ich hörte, wie er sich ausbreitete, wie er auf uns zu kroch in der Dunkelheit mit seinen gierigen, unersättlichen Wucherungen, die sich gegenseitig den Platz streitig machten, sich gegenseitig erdrückten, auffraßen, erstickten. Ich lag wie vor einem riesigen grünen Maul, das nach mir schnappte und mich im nächsten Augenblick verschlucken würde wie ein zufälliges Insekt. Auch der Ozean war wie gelähmt, auch er konnte nicht atmen in den Nächten, er gluckste nur. Mit Wehmut dachte ich an den deutschen Herbst, den Winter, den Schnee. Hier lebte man in einer Welt ohne Jahreszeiten, hier sah man immer nur Grün. Ein ganzes Leben lang nur Grün. Die ewige Schönheit und Farbenpracht der Orchideen, den ewig blühenden Lotos, die immer brennend roten Flamboyanbäume. Auch die Schönheit kannte hier kein Gegenteil, keinen Kontrast. Auch die Schönheit war immer schön, sie änderte nie ihr Gesicht. Ewige Fruchtbarkeit, ewige Fortpflanzung, ohne Rast, ohne Pause. Und Tag für Tag dieselbe schleimige Sonne am Himmel, dieselben Monsunwolken, die sich für kurze Zeit zusammenzogen, in brachialen Regengüssen ausschütteten und eine geringfügige Abkühlung mit sich brachten. Danach verwandelte sich die Luft in noch dichteren, noch heißeren Dampf. Erst kurz vor dem Sonnenaufgang wurde es etwas kühler, ich schlief endlich ein. Ich wusste, dass jetzt draußen am Strand die Fischer ihre Netze aus dem Ozean zogen, jetzt, am Rand des Morgens, bevor die Sonne wie rote Lava aufstieg aus dem Dschungel, als hätte sie nachts in ihm geschlafen. Das Bild aus dem Leinenband begann zu singen. Eladelawela. Vielleicht träumte ich das nur. Eladelawela. Jeden Morgen derselbe Singsang der Fischer, die draußen ihre Netze einzogen, mit den Füssen im weißen Wellenschaum, eladelawela, mein Schlaflied vor dem Sonnenaufgang, eladelawela, die Musik von Slon.

Excerpt from the story"”Das Singen der Fische”

Bibliografie

Natascha Wodin
Alter, fremdes Land.
Novel. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2014

Nachtgeschwister.
Novel. Kunstmann, Munich 2009

Das Singen der Fische.
Prose. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2001

Das Singen der Fische.

Prose. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2001 »Das Singen der Fische«.

Die Ehe.
Novel. Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1997

Erfindung einer Liebe.

Novel. Reclam, Leipzig 1993

Sergej. Griechisches Tagebuch.

Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1993

Einmal lebt ich.
Novel. Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt am Main 1989

Das Sprachverlies.
Poems. Claassen, Düsseldorf 1987

Nadja. Briefe aus Rußland.
Hrsg. von Natascha Wodin. Dirk Nishen Verlag, Berlin 1984

Die gläserne Stadt.
Novel. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1983