Adelbert von Chamisso Prize of the Robert Bosch Stiftung

Emine Sevgi Özdamar

Adelbert-von-Chamisso-Prize 1999

Born in Malatya, Turkey, in 1946. First stage appearance at the age of twelve at Staatstheater Bursa in Molière's "Le Bourgeois Gentilhomme". Lived in Berlin in 1965–67 and worked in a factory. Attended drama school in Istanbul in 1967–70 and made her first professional stage appearances in Turkey during this time. Appeared at Volksbühne in East Berlin in 1976 and in Paris and Avignon in 1978–79, studied for a PhD at Université Paris 8-Vincennes; actress at Schauspielhaus in Bochum in 1979–84. Özdamar’s first play, "Karagöz in Alemania", was commissioned by this theater and premiered in 1986 at Schauspielhaus Frankfurt under her direction. In addition to playing various stage roles (most recently in France in 1994 and 1997/98) Özdamar also appeared in several films: "Freddy Türkenkönig", "Yasemin", "Airport, Rückflug nach Teheran", "Eine Liebe in Istanbul", "Happy Birthday, Türke", "Die Reise in die Nacht". She turned to freelance writing in 1986. Her awards include the Ingeborg Bachmann Prize in 1991, the Walter Hasenclever Prize and scholarships from the German Literature Fund in 1993, and Literatour Nord in 1999. In 2001, she received the Artists' Prize of North-Rhine Westphalia, followed by the Literature Prize of the town of Bergen-Enkheim in 2003, and the Kleist Prize in 2004.
Image from "Seltsame Sterne starren zur Erde"

Excerpt

Gastgesichter

Als Kind in Istanbul war das erste europäische Wort, das ich gehört habe: »Deux-Pièces«. Meine Eltern gingen jeden Montag zu einem Kino, das »Teyyare Sinemasi« hieß. Das bedeutete auf Deutsch: Flugzeugkino. Dieses Kino zeigte nur europäische Filme. Meine Mutter erzählte mir von dem Besitzer des Flugzeugkinos, der sich selbst wie ein Filmstar verkleidete und die Besucher am Eingang seines Kinos empfing. Er wusste, dass die Zuschauer in manchen europäischen Filmen, die er zeigte, weinen würden. Für solche traurigen Filme ließ er aus feinen Stoffen Taschentücher herstellen, die er persönlich vor dem Kino verteilte. Meine Mutter gab mir eines von diesen Tüchern, mit dem sie im Kino ihre Tränen getrocknet hatte. Ich legte dieses Taschentuch mit den Tränen meiner Mutter in meinen Schulatlas, genau zwischen die Seiten, wo Europa abgebildet war.
Meine Mutter und mein Vater zogen sich jeden Montag sehr schick an, um zum Flugzeugkino zu gehen. »Was wirst du anziehen?«, fragten sie jedesmal. Einmal sagte meine Mutter: »Ich werde mein ›Deux-Pièces‹ anziehen«. Ich fragte: »Mutter, was heißt ›Deux-Pièces?‹« »Deux-Pièces ist Deux-Pièces«, antwortete meine Mutter.
Meine Großmutter war eine abergläubische Frau. Sie hatte Angst, dass die Schatten auf der Leinwand die Gesichter meiner Eltern wegnehmen würden. Am nächsten Morgen fragte ich meine Eltern, was sie im Kino gesehen hatten und wie der Film hieß. Mein Vater antwortete: »Ich hab vergessen, wie der Film heißt, aber schau, der Schauspieler Jean Gabin raucht so«, und er machte Jean Gabin nach, wie er rauchte. Die Zigarette steckte in seinem Mundwinkel, bis die Asche herunterfiel. So rauchte mein Vater ein paar Wochen lang wie Jean Gabin, bis er an einem anderen Montag im Flugzeugkino einen Film mit Rossano Brazzi sah und am Dienstag zu Brazzi überwechselte. So waren unsere ersten europäischen Gäste in unserem Istanbuler Holzhaus Jean Gabin und Rossano Brazzi. Als Kind hatte ich Schwierigkeiten, die Namen unserer europäischen Gäste richtig auszusprechen und fand für Jean ein türkisches Wort, »Can«, was auf türkisch »die Seele« heißt, also »Seele Gabin«, und für Brazzi, das türkische Wort, »Biraz iyi«, das bedeutet auf Deutsch, »ein bisschen besser«. Bevor ich ins Kino ging und »Seele Gabin« und »Rossano Einbisschenbesser« selbst auf der Leinwand sah, hatte ich sie schon im Gesicht und Körper meines Vaters kennengelernt. Auch meine Mutter brachte in ihrem Gesicht und ihrem Körper zwei europäische Gäste nach Hause: Silvana Mangano und Anna Magnani. Für ihre Namen gab es auf Türkisch auch ähnliche Wörter: »Silbana«, d.h. wisch mich ab, Mangano, und »Ana«, d.h. Mutter, Magnani. Die ersten Gesichter, die zwischen den Ländern ausgetauscht wurden, waren die Filmgesichter.
Irgendwann tauchte in unserem Istanbuler Haus ein Hut namens »Borsalino« auf. Mein Vater setzte ihn jeden Morgen vor dem Spiegel auf und warf einen letzten Blick auf seinen Hut, bevor er die Tür aufschloss um rauszugehen. Er legte soviel Wert darauf, diesen Hut richtig aufzusetzen und blieb so lange vor dem Spiegel stehen, dass ich dachte, sein Kopf mit dem Borsalino bliebe im Spiegel zurück, auch wenn mein Vater aus dem Haus gegangen war. Atatürk hatte den Hut in der Türkei als »Europäisierung« eingeführt. Auf den Fotos sah man Atatürk entweder mit einem Hut auf dem Kopf oder in der Hand. Er begrüßte die Menschen immer mit dem Hut. Er reiste in der Türkei herum, um die Menschen von der Europäisierung zu überzeugen. In einer Kleinstadt am Schwarzen Meer trugen alle Männer auf einmal europäische Damenhüte, um Atatürk zu empfangen. Ein schlauer Kaufmann hatte keine Männerhüte mehr, sondern nur altmodische Damenhüte, und die Männer kannten den Unterschied noch nicht.
Als meine Eltern »Seele Gabin« und »Rossano Einbisschenbesser« und »Wischmichab Mangano« und »Mutter Magnani« als Gastgesichter in ihre Gesichter eingeladen hatten und sich mit ihnen sehr gut verstanden, hatte ich meine ersten europäischen Freunde gefunden.

Extract from the story “Gastgesichter”

Bibliography

Emine Sevgi Özdamar
Text + Kritik Heft 211.
Hrsg. von Yasemin Dayioglu-Yücel und Ortrud Gutjahr. Edition Text + Kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2016

Seltsame Sterne starren zur Erde. Wedding – Pankow 1976/77.
Kiepenheuer & Witsch, Cologne 2003


Der Hof im Spiegel.
Short stories. Kiepenheuer & Witsch, Cologne 2001

Die Brücke vom Goldenen Horn.
Novel. Kiepenheuer & Witsch, Cologne 1998

Das Leben ist eine Karawanserei/hat zwei Türen/aus einer kam ich rein/aus der anderen ging ich raus.
Novel. Kiepenheuer & Witsch, Cologne 1992

Kelogan in Alemania, die Versöhnung von Schwein und Lamm.
Play. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1991

Mutterzunge.
Short stories. Rotbuch Verlag, Berlin 1990

Karagöz in Alemania.
Play. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1982