Emine Sevgi Özdamar
Adelbert von Chamisso Prize 1999
Excerpt
Als Kind in Istanbul war das erste europäische Wort, das ich gehört habe: »Deux-Pièces«. Meine Eltern gingen jeden Montag zu einem Kino, das »Teyyare Sinemasi« hieß. Das bedeutete auf Deutsch: Flugzeugkino. Dieses Kino zeigte nur europäische Filme. Meine Mutter erzählte mir von dem Besitzer des Flugzeugkinos, der sich selbst wie ein Filmstar verkleidete und die Besucher am Eingang seines Kinos empfing. Er wusste, dass die Zuschauer in manchen europäischen Filmen, die er zeigte, weinen würden. Für solche traurigen Filme ließ er aus feinen Stoffen Taschentücher herstellen, die er persönlich vor dem Kino verteilte. Meine Mutter gab mir eines von diesen Tüchern, mit dem sie im Kino ihre Tränen getrocknet hatte. Ich legte dieses Taschentuch mit den Tränen meiner Mutter in meinen Schulatlas, genau zwischen die Seiten, wo Europa abgebildet war.
Meine Mutter und mein Vater zogen sich jeden Montag sehr schick an, um zum Flugzeugkino zu gehen. »Was wirst du anziehen?«, fragten sie jedesmal. Einmal sagte meine Mutter: »Ich werde mein ›Deux-Pièces‹ anziehen«. Ich fragte: »Mutter, was heißt ›Deux-Pièces?‹« »Deux-Pièces ist Deux-Pièces«, antwortete meine Mutter.
Meine Großmutter war eine abergläubische Frau. Sie hatte Angst, dass die Schatten auf der Leinwand die Gesichter meiner Eltern wegnehmen würden. Am nächsten Morgen fragte ich meine Eltern, was sie im Kino gesehen hatten und wie der Film hieß. Mein Vater antwortete: »Ich hab vergessen, wie der Film heißt, aber schau, der Schauspieler Jean Gabin raucht so«, und er machte Jean Gabin nach, wie er rauchte. Die Zigarette steckte in seinem Mundwinkel, bis die Asche herunterfiel. So rauchte mein Vater ein paar Wochen lang wie Jean Gabin, bis er an einem anderen Montag im Flugzeugkino einen Film mit Rossano Brazzi sah und am Dienstag zu Brazzi überwechselte. So waren unsere ersten europäischen Gäste in unserem Istanbuler Holzhaus Jean Gabin und Rossano Brazzi. Als Kind hatte ich Schwierigkeiten, die Namen unserer europäischen Gäste richtig auszusprechen und fand für Jean ein türkisches Wort, »Can«, was auf türkisch »die Seele« heißt, also »Seele Gabin«, und für Brazzi, das türkische Wort, »Biraz iyi«, das bedeutet auf Deutsch, »ein bisschen besser«. Bevor ich ins Kino ging und »Seele Gabin« und »Rossano Einbisschenbesser« selbst auf der Leinwand sah, hatte ich sie schon im Gesicht und Körper meines Vaters kennengelernt. Auch meine Mutter brachte in ihrem Gesicht und ihrem Körper zwei europäische Gäste nach Hause: Silvana Mangano und Anna Magnani. Für ihre Namen gab es auf Türkisch auch ähnliche Wörter: »Silbana«, d.h. wisch mich ab, Mangano, und »Ana«, d.h. Mutter, Magnani. Die ersten Gesichter, die zwischen den Ländern ausgetauscht wurden, waren die Filmgesichter.
Irgendwann tauchte in unserem Istanbuler Haus ein Hut namens »Borsalino« auf. Mein Vater setzte ihn jeden Morgen vor dem Spiegel auf und warf einen letzten Blick auf seinen Hut, bevor er die Tür aufschloss um rauszugehen. Er legte soviel Wert darauf, diesen Hut richtig aufzusetzen und blieb so lange vor dem Spiegel stehen, dass ich dachte, sein Kopf mit dem Borsalino bliebe im Spiegel zurück, auch wenn mein Vater aus dem Haus gegangen war. Atatürk hatte den Hut in der Türkei als »Europäisierung« eingeführt. Auf den Fotos sah man Atatürk entweder mit einem Hut auf dem Kopf oder in der Hand. Er begrüßte die Menschen immer mit dem Hut. Er reiste in der Türkei herum, um die Menschen von der Europäisierung zu überzeugen. In einer Kleinstadt am Schwarzen Meer trugen alle Männer auf einmal europäische Damenhüte, um Atatürk zu empfangen. Ein schlauer Kaufmann hatte keine Männerhüte mehr, sondern nur altmodische Damenhüte, und die Männer kannten den Unterschied noch nicht.
Als meine Eltern »Seele Gabin« und »Rossano Einbisschenbesser« und »Wischmichab Mangano« und »Mutter Magnani« als Gastgesichter in ihre Gesichter eingeladen hatten und sich mit ihnen sehr gut verstanden, hatte ich meine ersten europäischen Freunde gefunden.
Extract from the story “Gastgesichter”
Bibliography
Mutterzunge. Short stories. Berlin: Rotbuch Verlag, 1990
Kelogan in Alemania, die Versöhnung von Schwein und Lamm. Theaterstück. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren, 1991
Das Leben ist eine Karawanserei/hat zwei Türen/aus einer kam ich rein/aus der anderen ging ich raus. Novel. Cologne: Kiepenheuer & Witsch, 1992 (Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg, 1993)
Die Brücke vom Goldenen Horn. Novel. Cologne: Kiepenheuer & Witsch, 1998 (KiWi Tb 2002)
Der Hof im Spiegel. Short stories. Cologne: Kiepenheuer & Witsch, 2001
Seltsame Sterne starren zur Erde. Wedding – Pankow 1976/77. Cologne: Kiepenheuer & Witsch, 2003 (KiWi Tb 2004)