Adelbert von Chamisso Prize of the Robert Bosch Stiftung

Vladimir Vertlib

Adelbert-von-Chamisso-Promotional Prize 2001

Born in Leningrad, USSR, in 1966. Emigrated to Israel with his family in 1971, moved to Austria in 1972 and to the Netherlands in 1975, returned to Israel shortly afterwards and returned to Austria in 1976 after a brief stay in Rome. Moved to the USA in 1980 and finally settled permanently in Vienna in 1981. Vladimir Vertlib acquired Austrian citizenship in 1986. 1984–89: Studied economics at the University of Vienna, then worked as a freelancer for the Japanese press agency "Kyodo News Service," did community service, worked as a statistician at Donau Versicherungs AG and regional analyst at Österreichische Kontrollbank AG. He has worked as a freelance writer, social scientist, and translator in Salzburg and Vienna since 1993 and in 1995 became a member of the editorial staff of the Viennese literary magazine "Mit der Ziehharmonika" (since renamed "Zwischenwelt–Zeitschrift für Literatur des Exils und des Widerstands"). He has published numerous short stories, articles, essays, reports, reviews, etc. in German and Austrian newspapers and magazines and received numerous awards and scholarships including the Anton Wildgans Literature Prize and a working scholarship of Robert Bosch Stiftung in 2002. Vertlib held the Chamisso Poetry Chair in Dresden in 2006.

Sample text

Wenige Tage nachdem im Frühjahr 1995 mein erstes Buch, die Erzählung Abschiebung, publiziert wurde, fand im Salzburger Literaturhaus die Buchpräsentation statt. Es war die zweite Lesung in meinem Leben. Einige Monate zuvor hatte ich im Rahmen eines Literaturfests in Wien eine Kurzgeschichte – meine erste literarische Veröffentlichung – vorgestellt. Bei meinem Auftritt hatte ich mehr gestammelt als vorgelesen. Kein Wunder also, dass ich nun sehr nervös war. Ich bewältigte den Text trotzdem. Größere Katastrophen blieben mir erspart. Die Stimme versagte mir nicht, ich übersprang keine Zeilen, hatte keine Freudschen Versprecher, warf das Wasserglas nicht um und scharrte nicht mit den Füßen.

Meine Lektorin saß neben mir auf dem Podium. Sie stellte mir im Anschluss an die Lesung ein paar Fragen zur Entstehung des Buches. Danach eröffnete sie das Publikumsgespräch. Der Saal war voll. Niemand wollte sich zu Wort melden. Etwa eine halbe Minute lang blieb es still.
Schließlich zeigte ein junger Mann in der hinteren Reihe auf. Er schaute nicht mich, sondern meine Lektorin an und fragte in einer Mischung aus Hochsprache und Dialekt: »Warum spricht denn der so gut Deutsch? Das ist ja nicht seine Muttersprache, aber er hat überhaupt keinen Akzent! Wieso ist das so?«
»Diese Frage reiche ich gleich an den Autor weiter«, meinte die Lektorin.
Ich zögerte, holte tief Lust und sagte: »Wissen Sie, das ist so: Wenn ein Zuwanderer die neue Sprache vor der Pubertät, bei Knaben – und das ist sehr wichtig – vor dem Stimmbruch erlernt, dann macht er meist keine Grammatikfehler und hat keinen Akzent. Lernt er sie hingegen später, wird er sie nie wie ein Einheimischer beherrschen. Das ist eine Theorie, die von namhaften Ärzten und Linguisten vertreten wird. Ich persönlich kann sie nur bestätigen. Ich habe Deutsch im Alter von sechs, sieben und acht gelernt. Deshalb habe ich keinen Akzent, mache nur noch selten Fall- oder Zeitfehler und spreche sogar, wenn ich will, Dialekt.«
Zu meiner Überraschung gab sich der junge Mann aus der hinteren Reihe mit dieser Antwort zufrieden. Im ganzen Saal gab es weder Gelächter, noch regte sich Widerspruch gegen meine Behauptungen. Die Leute nickten.
Später, beim Signieren der Bücher, meinten einige, sie hätten von meiner »Pubertätstheorie« (die ich in Wirklichkeit spontan erfunden hatte) schon gehört. Jemand erklärte mir, dass auch Mädchen einen Stimmbruch hätten, nur dass dieser nicht so ausgeprägt sei wie bei Burschen, und er fügte hinzu, dass »das soziale Umfeld wohl auch eine gewisse Rolle spielen dürfte«. Die Frau, die bei ihm einmal in der Woche die Wohnung putze, sei im Alter von zehn Jahren von Ostanatolien nach Salzburg gekommen. Sie habe leider immer noch einen schweren türkischen Akzent…

Vorgefasste Meinungen und Klischees können manchmal amüsante Züge annehmen. Einem Autor bieten sie Stoff für seine Texte oder bereichern zumindest seine Lebenserfahrung – was meist auf dasselbe hinausläuft. Vor einigen Jahren nahm ich an einem Literatentreffen in einer deutschen Kleinstadt teil. Es war Hochsommer. Die Workshops, Lesungen und Seminare fanden meist im Freien, im weitläufigen Park einer Jugendstilvilla, statt. Dort nahmen die etwa zwanzig Teilnehmer des Treffens auch ihre Mahlzeiten ein. Für das leibliche Wohl wurde gut gesorgt, und so ist mir von diesem Treffen vor allem das gute Essen in Erinnerung geblieben.
Eines Tages gab es etwas Besonderes: Spanferkel. Es lag auf einem großen langen Tisch, der auf der Terrasse stand, und war äußerst kunstvoll mit Äpfeln und Gemüse geschmückt. Doch kaum hatte ich mich dem Tisch genähert, zupfte mich einer der Veranstalter am Ärmel und meinte halblaut, man habe für mich, da ich jüdisch sei, extra etwas anderes vorbereitet. Daraufhin führte er mich zu einem etwas kleineren Tisch, auf dem zwei Töpfe standen. In einem von ihnen befanden sich Nudeln, in dem anderen, wie mir sogleich versichert wurde, »eine rein vegetarische Sauce«. Ich war überrascht, hatte ich doch während dieses Treffens weder nach koscheren Gerichten verlangt noch jemals behauptet, kein Schweinefleisch zu essen. Ich wurde auch nie danach gefragt. Da ich aber nicht unhöflich sein wollte, nahm ich mir einen Teller Nudeln. Inzwischen hatten andere Kolleginnen und Kollegen den Nudeltopf entdeckt und sich hinter mir angestellt. Doch auch diesmal erwies sich der stets höfliche Veranstalter als konsequent. »Die Nudeln sind für Herrn Vertlib«, meinte er. »Wir haben nur für eine Person gekocht, da Herr Vertlib bekanntlich…«. »Herr Vertlib ist Jude und ich bin Vegetarierin«, unterbrach ihn eine Autorin. »Ich auch«, erklärte ein Autor. »Ach so«, murmelte der Veranstalter. »Dennoch – es tut mir Leid. Aber wir haben ja noch Gemüse, Brot und Aufstriche. Und natürlich die Nachspeise.«
Inzwischen hatte ich mich mit meinem Nudelteller am anderen Ende der Terrasse angestellt, »Vom Schweinefleisch möchte ich wirklich nichts«, erklärte ich. »Aber von der Sauce hätte ich gerne ein bisschen was.«

From: »Der Spiegel im fremden Wort – Die Erfindung des Lebens als Literatur«. Manuskript zur Dresdner Chamisso-Poetik-Dozentur 2006

Bibliography

Vladimir Vertlib
Lucia Binar und die russische Seele.
Novel. Deuticke im Zsolnay Verlag, Vienna 2015

Schimons Schweigen.
Novel. Deuticke Verlag, Vienna 2012

Ich und die Eingeborenen.
Essays. Thelem Universitätsverlag, Dresden 2012

Am Morgen des zwölften Tages.
Novel. Deuticke im Zsolnay Verlag, Vienna 2009

Möglichkeiten.
Erzählungen aus der Arbeitswelt. Edition Atelier im Wiener Journal, Vienna 2004

Letzter Wunsch.
Novel. Deuticke/ Zsolnay, Vienna 2003

Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur.
Novel. Deuticke Verlag, Vienna 2001

Zwischenstationen.
Novel. Deuticke Verlag, Vienna 1999

Osteuropäische Zuwanderung nach Österreich (1976–1991) unter besonderer Berücksichtigung der jüdischen Immigration aus der ehemaligen Sowjetunion.
Quantitative und qualitative Aspekte. Forschungsbericht des Instituts für Demographie und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Vienna 1995

Abschiebung.
Novella. Otto Müller Verlag, Salzburg 1995