Radek Knapp
Adelbert von Chamisso Prize 2001
He was the Town Writer of Schwaz in 2000 and received a working scholarship from Robert Bosch Stiftung in 2002.
Excerpt
Nichts hob Walerians Laune so wie die Möglichkeit, jemanden zu spielen, der er nicht war. Obwohl diese harmlose Marotte zweifellos vorübergehend war, hatte sie ihre Gründe. Walerian ging auf die dreißig zu und verspürte ein wachsendes Schamgefühl, bis dahin keine außergewöhnlichen Taten in seinem Leben vollbracht zu haben, und was bedenklicher war, auch keine solchen zu planen.
Das letzte große Vorhaben seines Lebens lag schon über achtzehn Jahre zurück, wo er als Zehnjähriger eine Maschine erfinden wollte, die ihn unsichtbar machte. Stattdessen fand er lediglich heraus, wie man die Uhr seines Vaters auseinandernahm und sich dann drei Tage erfolgreich vor den Folgen dieser Tat im Haus versteckt.
Der andere Grund war der schmerzliche Verlust seines besten Freundes Bruno. Bruno, der auf die Welt mit dem Motto: »Sei bloß kein Arschloch« gekommen schien und sich damit Walerians Loyalität für alle Zeiten gesichert hatte, folgte von einem Tag auf den anderen dem Ruf des Geldes, und wurde verblüffend schnell von seinem eigenen Kommentar eingeholt. Walerian versuchte in einem ersten Anfall von Verzweiflung, seinen Freund nachzuahmen, aber er war mit einer Eigenschaft ausgestattet, die das verhinderte. So sehr er sich auch ins Zeug legte, er konnte im Gegensatz zu Bruno in einer Hunderterbanknote keinen Wagen mit Chauffeur oder eine Villa mit Garten sehen, sondern immer nur ein rechteckiges Stück Papier, auf dem ein Mann abgebildet war, der seinem ehemaligen Chemielehrer wie aus dem Gesicht geschnitten war.
In der Folge machte er alle möglichen Jobs, bei denen er nicht mehr dem Ruf des Geldes folgen mußte, aber dafür wenigstens von sich behaupten konnte, daß er abgesehen von den Totengräbern, die ein ziemlich hermetischer Verein sind, so gut wie alles gemacht hatte, was der heimische Arbeitsmarkt zu bieten hat. Er war Krankenpfleger des berüchtigten Pavillons Fünf, Wärter eines Paviangeheges und schneite sogar einmal in eine Vorlesung über Astronomie herein. Der Professor fragte gerade, ob jemand wußte, daß Gold entsteht, wenn eine Supernova explodiert. Er stellte das so dar, als würde eine Supernova nur deshalb explodieren, damit Frauen heute Goldketten oder Greise Goldzähne tragen können. Da taten sich neue Horizonte auf und Walerian ging sofort in die nächste Vorlesung. Aber da war keine Rede mehr von Supernovas, sondern nur noch Zahlen oder geometrische Figuren. Das beendete seine universitäre Laufbahn. Er wollte kein weiterer Student sein, der nachts in den Himmel schauen muß, um sich zu erinnern, wie ein Stern aussieht.
From: "Papiertiger"
Bibliography
Herrn Kukas Empfehlungen. Novel. Munich/Zurich: Piper, 1999 (Tb 2001), Hamburg: Gruner & Jahr, 2006
Literatur & Wein. With Franzobel and Margit Hahn. Frankfurt am Main: POD Print, 2001
Papiertiger. Eine Geschichte in fünf Episoden. Munich: Piper, 2003 (NA 2004)
»Miss Polonia 2002–ein sexistischer Bericht«. In: Feuer, Lebenslust! Erzählungen deutscher Einwanderer. Stuttgart: Klett-Cotta, 2003
Letzter Wunsch. Novel: Vienna: Deuticke/Zsolnay, 2003
Möglichkeiten. Erzählungen aus der Arbeitswelt. Wien: Edition Atelier im Wiener Journal. 2004
Gebrauchsanweisung für Polen. Munich: Piper, 2006