Marica Bodrožić

Winner of the Adelbert von Chamisso Prize 2003

Born in Zadvarje in present-day Croatia in 1973.
Marica Bodrožić moved to Germany in 1983 and studied Cultural Anthropology, Psychoanalysis, and Slavonic Studies in Frankfurt/Main. Her first literary works, prose, essays, and poetry were published in newspapers and magazines (FAZ, Manuskripte and Lettre Internationale). In 2001, she was awarded the Hermann Lenz Scholarship, in 2002 the Heimito von Doderer Scholarship. In 2003 and 2004 she received work stipends from Robert Bosch Stiftung, and in 2005 she won the Adalbert Stifter-Förderpreis and Else Heiliger Fonds annual scholarship. She spent 2005 as a writer in residence in Bordeaux, France. Marica Bodrozic lives and works as a freelance writer and director in Berlin. Her debut film, "Das Herzgemälde der Erinnerung. Eine Reise durch mein Kroatien," was shown on 3sat in late February 2007.

Sample text

Es gibt ein gutes Zauberbuch, das hat keine Regeln, es wundert sich, es macht, was es machen will, und ist immer im Werden. Es hat keine Gesetze in sich, jede Seite ist eine Zahl, niemand kann es wenden, es ist ein Mittagsmahl. An ihm sich satt zu essen, das ist eine gute Tat. Niemand kann es missen, niemand, der Augen hat. In den weiten Fluren, den Beständen des Morgentaus, ruht ein Wipfel Traum und ruht sich blindlings aus. Einer kommt vorbei, wie auf einer Wanderung, pflückt sich einen Blumenstrauß aus unbewiesener Erinnerung. Da sagt ein Wächter immergrün, es werde richtig Tag.

Im Gelände der Dämmerung, nimmt mich eine große Helle an die schöne Hand. Die Seiten des Buches wenden sich, von allein von still von stumm, das Wundern nimmt sich aus, ein Däumling drumherum. Da wohnt er still und leise, sagt kein Wort von sich, ihn weich umarmend bemerke ich den Vater, wie er, sitzend unterm Maulbeerbaum, seine Augen bricht. Die Sonne weist ihn ein in die Vorhöfe seiner Bilder und mir scheint, ihn dort wissend, er zähle seine Kinder. An den Fingern sieht er menschengleich hinunter; er sieht die Raupen über ihm und ich eile herbei. Ich sage, Vater bleib, das Buch ist für uns zwei.

Ich möchte ein Däumling gar nicht sein, nicht in der Zeit, möchte immer Bücher schreiben, zum Zeichen der Verwandtschaft. Und er sagt, ja na gut, ich geh einmal zum Wipfel, da ging er los, ganz leise und still, er pflückte dabei in der Luft etwas einzig Großes weg. Ich sah hin und sah hin, konnte es nicht glauben, das Alphabet stahl er sich, mitten in das Blaue. Ich sagte, aber Vater, das ist doch für alle, wir können keine Bücher schreiben, wenn die anderen klauen. Er sagte, ja na gut, dann nimm dir das Alphabet. Und ich nahm es und begriff, es gibt nie einen Rest. Da hielt nun ich es in meinen Händen und wusste lange nicht, was zu tun ist mit den Wörtern, mit dem Schöpfernest. Da kam mein Vater in das Buch, in den Ursprung hoch und schön, und er sagte, hör halt zu, das gehört auf die Seiten, ein Gehen muss alleine sein, allein mit dem Alphabet. Er nahm die Bäume wie im Traum ganz schlicht in seine Hand, legte Wipfel für Wipfel mir tief ins Herzland.

Ich wusste aber nicht, dass Bäume das so wollen, ich weinte lange, lange, tanzend aber doch. Dann sah ich das gute Zauberbuch und liebte immer noch. Sternenvergangenheit, ein haushoher Ritt über die noch ungeteerten Planeten, eine Landebahn für angstlose Engel, für die Helligkeit der Herkunft, die Freiheit über die Befugniskraft der Gedanken: mein Leben, ein möglicherweise als Vorspiel gedachtes Siriuszimmer, in dem noch immer der Glaube an die Pyramiden zum guten Ton gehört, zum Kettenbrief des Lichtes. Aber wen erreicht er, wenn der Winter lang ist auf der Erde und niemand mehr den Neckar herauffährt, um sich an Hölderlins Luft zu sättigen.

Vielfach ein Mensch ist da und draußen an den Haustüren liegen einsam die alleingelassenen Ohren, liegen die Zeichen- und Sprachprogramme der kosmischen Füße. Liegen die Zehen so herum, zentralgesonnte Universen. Jeder Zeh, ein Kitzelgebiet aus der Zeit vor der Zeit, bevor der Eiszeitmensch sich in seine Zukunft als Somali, Kroate, Ägypter und Astronaut aufmachte. Andernorts hinter den Milchstraßen, Korrespondenzen. Und all dieser Verkehr von Wörtern und Hufen und Stillehöfen und Liebesfäden. All dieses eine Wir, an dem jeder ausgesprochene, jeder ausgedachte Buchstabe mitwebt. Engel, Mensch, Tier, verwaist in der Einöde der Zeit. Vergolten das Einmaleins der Seele, des Seegangs ans eigene Sonnenland.

From the poetry book
Ein Kolibri kam unverwandelt

Bibliography

Marica Bodrožić
Tito ist tot. Fiction. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002

Bilder des neuen Jahrhunderts. By Marica Bodrozic, Kerstin Hensel and Dagmar Leupold. Göttingen: Wallstein Verlag 2002 (Literarisches Kollegium Wolfenbüttel)

Augen, Schritte, Menschengebiete. Fiction. In: Bilder eines neuen Jahrhunderts. Edited by Heinz Ludwig Arnold. Göttingen: Wallstein Verlag, 2002

Gedichte. In: Werkstatt II. Edited by Heinz Ludwig Arnold. Göttingen: Wallstein Verlag, 2003

"Der Wunderlehrling". Essay. In: Mit Lessing ins Gespräch. Edited by Heinz Ludwig Arnold. Göttingen: Wallstein Verlag, 2004

Der Spieler der inneren Stunde. Novel. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005

Wunden haben keine Grenzen. Essay. In: Ungefragt, Über Literatur und Politik. Edited by Klaus Amann, Heinz Lunzer, and Ursula Seeber. Vienna: Czernin Verlag, 2005 "Herzkränze, Stundenland". In: Kluge Mädchen, wie wir wurden, was wir nicht werden sollten. Edited by A. Meiners. Munich: Elisabeth Sandmann Verlag, 2006

Ein Kolibri kam unverwandelt. Poetry. Salzburg: Otto Müller Verlag, 2007

Sterne erben, Sterne färben. Mein Leben in der deutschen Sprache. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2007

Der Windsammler. Fiction. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2007