Adelbert von Chamisso Prize of the Robert Bosch Stiftung

Eleonora Hummel

Adelbert-von-Chamisso-Promotional Prize 2006

Born in Zelinograd, Kazakhstan in 1970. Eleonora Hummel rained as a physics laboratory technician and foreign language correspondent in Dresden, Germany. Since 1994, she has worked as a foreign language correspondent at Dresden Technical University. Her works have been published in various literature magazines since 2000, including Federwelt, Signum, Am Erker, and Der Maskenball.
Eleonora Hummel has won many awards and stipends, including. the prize of the 5th Klagenfurt literature course in 2001 and the Förderpreis zum Russlanddeutschen Kulturpreis, a literature prize presented by the state of Baden-Württemberg, in 2002. In 2003, Munich Literaturhaus invited her to a workshop for novel writers (Textwerk), she was awarded a literary stay at Künstlerdorf Schöppingen in 2003-4, and in 2005 she was granted a working stipend for writers in Saxony from the cultural foundation of the state of Saxony.

Text

Die Venus im Fenster

Meine Großmutter, Oma Erika, sah nicht aus, als wäre sie jemals hübsch gewesen. Sie trug ihr Haar in der Mitte gescheitelt und hinten zu einem Knoten hochgesteckt. Sie trug es seit ihrer Jugend so, hatte mir Mutter erzählt. Erikas Beine, die unter dem Hauskittel hervorschauten, waren dick und schwer, die Schritte kurzatmig und langsam.
Es war noch früh am Morgen, wir saßen in ihrer Einzimmerwohnung, nicht in der sechzehnten, sondern nur in der zweiten Etage, die keine bessere Aussicht bot als den Anblick eines benachbarten Fabrikgeländes, von dem Erika nicht wusste, was dort produziert wurde. Die Fabrik machte trotz der frühen Stunde viel Krach.
»Nun«, sagte Großmutter, »lasst euch anschauen, ihr Lieben!«
Wir tranken Milch aus Sektgläsern zur Begrüßung, damit es ein wenig feierlich aussah, und dann deckte Erika den Tisch mit allem, was die Küche hergab, das war nicht viel.
»Schon gut, Mutter, nur keine Umstände. Wir sind nicht hungrig. Also, wie hast du dich hier eingelebt?« fragte Vater.
»Ich kann nicht klagen, Albert. Na, jedenfalls besser als der Georg«, sagte Oma Erika, »und der hat immerhin fast vierzig Jahre hier gelebt. Aber wie! In einem Altbau mit Kohleheizung, ohne Bad und das Klo eine Treppe tiefer und kam doch ohne Rollstuhl nicht mehr aus dem Haus. Hatte einen Wohnungsantrag laufen, aber zu stolz gewesen, zum Amt zu gehen, mal nachzufragen … Der verdammte Dickschädel … Zum Schluss musste ich für ihn die Kohlen schleppen. Er hatte ja sonst keinen mehr. Aber was wollt’ er mich belehren sein Leben lang, was ich alles falsch gemacht hätt’ und selber hat er’s doch nicht besser gemacht! Nach seinem Tod bin ich als alte alleinstehende Frau aufs Amt gegangen und siehe, sie haben mir dieses schöne fern geheizte Zimmer gegeben! Davon konnte der Georg nur träumen. Er wollt’ ja alles besser machen, aber er hat’s auch nicht gekonnt.«
Ich sah mich in Großmutters Wohnung um. Ein Schrank, ein Bett, ein Tisch und vier Stühle. An der Wand ein verglastes Aquarell des goldgrünen Kronentors. Ich suchte mit den Augen nach einer Kiste und fand keine.
Oma Erika und Onkel Georg hatten noch eine Schwester, Angelika Haberlach, verheiratet mit einem ehemaligen Tankstellenpächter namens Walter Ackermann. Tante Geli war eine Kapitalistin. Sie lebte seit dem Krieg im Westen und konnte es nicht erwarten, dass auch wir »rüber kämen«. Lange Jahre war die Rede davon gewesen, dass Oma Erika aus der kasachischen Steppe zu ihrer Schwester nach Hannover umsiedeln wolle, zwecks Familienzusammenführung und so. Dieses Anliegen war bei den sowjetischen Behörden stets daran gescheitert, dass Erika und Geli verschiedene Mütter hatten. Seit wann seien Halbgeschwister Verwandte ersten Grades? Und Onkel Georg sei ein furchtbarer Sturkopf gewesen; solange er konnte, habe er sich von seiner Frau daran hindern lassen, zu Geli in den Westen zu gehen und als er endlich Witwer war, da konnte er nicht mehr und es war ihm sowieso schon egal, ob er im Westen oder im Osten unter die Erde kommt. Aber nun, da Erika und Geli die einzigen überlebenden Haberlachs seien, würden sie sich nicht von einer blöden Grenze, die zufällig mitten durch Deutschland verlief, trennen lassen! Als Rentnerin sollte Oma Erika endlich die Reisefreiheit genießen, endlich etwas von ihrem Leben haben. Das hatte Tante Geli jedenfalls so beschlossen, als sie zu Georgs Beerdigung in die Stadt mit dem Kronentor gekommen war, obwohl sie ja fand, er sei ein furchtbarer Sturkopf gewesen, mit dem man nicht hatte reden können, aber immerhin war er ihr einziger Bruder und der von Erika auch. Und trotz dieses traurigen Anlasses habe Tante Geli nicht vergessen, für mich, ihre unbekannte Großnichte, schöne Sachen mitzubringen, hatte Großmutter mir in ihren Briefen geschrieben. »Westsachen«, von denen ich keine Vorstellung hatte, außer, dass sie hübsch verpackt waren und nach Kaugummi riechen mussten. Wie diese bunten Kugeln, die Erika uns ab und zu geschickt hatte und die für mich den Geruch des Westens ausmachten. Wenn ich erst da sei, würde Großmutter die Kiste öffnen, in der all die Geschenke auf mich warteten.

 

Extract from the unpublished manuscript of the novel "Die Venus am Fenster"

Bibliography

Eleonora Hummel
In guten Händen, in einem schönen Land.
Novel. Steidl Verlag, Göttingen 2013

Die Venus im Fenster.
Novel. Steidl Verlag, Göttingen 2009

Die Fische von Berlin.
Novel. Steidl Verlag, Göttingen 2005