Que Du Luu
Adelbert von Chamisso Sponsorship Prize 2007
Born in 1973 in Cholon/Vietnam to a Chinese family, Que Du Luu has lived in Germany since 1976 – first in Herford, and now as a student of German Studies and Philosophy in Bielefeld. She has worked in a variety of jobs, both before and during her studies, including as a night watch for psychiatric patients, carer for the elderly, in the catering trade, and as an assistant editor for travel literature.
She has been publishing stories in journals and anthologies since 2002 (most recently in Männlichkeitsrituale. Handkuss und Verbeugung, the publication commemorating the 16th Würth Literature Prize).
She has been publishing stories in journals and anthologies since 2002 (most recently in Männlichkeitsrituale. Handkuss und Verbeugung, the publication commemorating the 16th Würth Literature Prize).
Excerpt
Das Geschenk
Weiße Tassen. Unverziert, ungekünstelt. Unterschiedslos wie alle unbenutzten Dinge. Wie unbenutzte Schreibhefte und Taschentücher. Die umgedrehten Tassen stehen in der Palette: runde Körper quadratisch angeordnet. Ohne Köpfe und Beine. Mit einem Arm in die geradlinige Taille gestemmt.
Die Trinker greifen den Arm, drehen den Körper um, beäugen ihn. Etliche Male wurde er gefüllt und ausgeschlürft, jetzt sieht er wieder jungfräulich aus.
Sie stellen die Tasse auf das Gitter unter die Düse ab. Kaffee sprudelt hinein wie aus einer erhitzten Kuh, fast unberührt durch einen Knopfdruck gemolken. Der Kaffee dampft, schwappt beim Gehen leicht über den Tassenrand.
Die Tasse bleibt in der Cafeteria oder wird quer durch die weiträumige Halle getragen, in Säle und Räume, zu den Sitzplätzen auf der Galerie. Sie wird auf Tischen abgesetzt, bleibt manchmal in der Hand. Wird gedreht und gestreichelt, nur aus Langeweile.
Später gehen die Trinker bis zum Ende der Halle und stellen die Tasse ins Automatenhäuschen. Auf der Scheibe kreist sie, verschwindet aus dem Blick. Sie kehrt nicht zurück. Stattdessen kommt ein weißer Bon oben heraus. Sein Wert ist immer gleich, egal ob die Tasse leer ist oder nicht. Inhalt ist überflüssig.
Die Cafeteria tauscht Geld gegen Bons.
Manchmal werden die Tassen nicht zum Automaten gebracht. Sie stehen vereinzelt herum. Achtlos und auf nichts wartend. Sie verrotten nicht.Weil sie im trockenem Uni-Gebäude stehen. Weil sie robust sind. Weil der Tassensammler umhergeht.
Ich arbeite in der Universität, sagt er zu den Menschen außerhalb. Innerhalb fragt ihn niemand. Die Putzfrauen übersehen ihn. Sie sind angestellt, haben Schichten mit fest eingeteilten Plätzen. Professoren sitzen in Büros, Studenten in Sälen, Verkäufer an der Kasse. Der Sammler läuft quer durch die helle Halle, die dunklen Gänge. In Büros, Säle, Fahrstühle. Zu Toiletten und Treppenhäusern. Umrundet die einzelnen Beton-Pfeiler.
Wie kann man nur so leben? tuschelt ein alter Mann, der aussieht wie ein Schüler, der fünfzig mal sitzen geblieben ist. Den ganzen lieben Tag nichts als Tassen einsammeln!
Der Sammler schaut sich weiter nach Tassen um, als hätte man nicht überihn gesprochen.
Tassen einsammeln ist ein Beruf, sagt er zu sich selbst, als niemand ihn hört. Man muss ihn erlernen, Talent besitzen und selbständig sein.
Morgens findet er die meisten Tassen auf den Tischen der Cafeteria, wenn die Trinker sie aus Müdigkeit dort vergessen haben. Dann sind die verschlungenen Gänge der Büros dran. Dort bringt niemand Tassen weg, es sind zu viele. Man will nicht als Sammler gelten.
Die Wissenschaftler fühlen sich frisch, die Türen sind offen. Ihre Räume sind voller Tassen. Sie stehen mit ihren Sekretärinnen in den Gängen, miteinander plappernd. Sie haben keinen Blick für den Sammler. Er kann ohne Einwilligung und Protest die angehäuften Tassen in seinen Beutel stecken.
Mittags bleiben Tassen in der Mensa stehen und nachmittags stellt sich der Sammler auf die Galerie. Von da oben erspäht man Tassen, die verstreut in der Halle liegen. Manche gönnen den Tassen Plätze in Ecken und an Wänden. Niemand steht gern mitten im Raum.
Das Automaten-Häuschen läuft bis abends. Danach muss jeder seine Tasse mitnehmen und am nächsten Tag abgeben. Das ist mühselig. Die Geizigen ohne Büro und Schließfach verstecken die Tassen und geben sie erst am nächsten Morgen wieder ab.Wenn sie noch da sind.
Abends fängt die wirkliche Arbeit an. Die Suche nach den unsichtbaren Tassen. Die Trinker verstecken ihre Tassen nicht in Sichthöhe, sondern hoch oben oder ganz unten wie Billigware im Supermarkt. Über den Schließfächern, unter Treppengeländern, hinter Mülleimern. Der Tassensammler muss sich in die Trinker hinein versetzen, ihren Gedanken nachgehen. Verstecke finden. Klettern und sich verrenken. Alles in einem sein: Psychologe, Detektiv, Sportler.
Die benutzten Tassen unterscheiden sich wie die Trinker. Die Korrekten und die Gierigen trinken ihren Kaffee ganz leer. Auf dem Tassenboden sieht man nur noch eine verblasste Spur. Pingelige lassen eine Pfütze drin, aus Angst vor dem Kaffeesatz, der sich unten ansammelt.
Achtlose Raucher trinken nur die Hälfte und werfen ihre Zigarettenstummel hinein, als wollten sie eine Hexenbrühe kochen. Elegante Frauen hinterlassen rote Lippenstiftspuren und Menschen mit trockener Haut Labella-Abdrücke.
Klebrige Tassen stammen von Trinkern mit fettiger Haut. Duftende Tassen sind von Überparfümierten, die eitel oder unsicher sind.
Es gibt Trinker, die ihre eigenen Tassen benutzen. Unifarben, mehrfarbig oder mit Motiven. Sie geben ihre Tassen nicht ab.
Weiße Tassen. Unverziert, ungekünstelt. Unterschiedslos wie alle unbenutzten Dinge. Wie unbenutzte Schreibhefte und Taschentücher. Die umgedrehten Tassen stehen in der Palette: runde Körper quadratisch angeordnet. Ohne Köpfe und Beine. Mit einem Arm in die geradlinige Taille gestemmt.
Die Trinker greifen den Arm, drehen den Körper um, beäugen ihn. Etliche Male wurde er gefüllt und ausgeschlürft, jetzt sieht er wieder jungfräulich aus.
Sie stellen die Tasse auf das Gitter unter die Düse ab. Kaffee sprudelt hinein wie aus einer erhitzten Kuh, fast unberührt durch einen Knopfdruck gemolken. Der Kaffee dampft, schwappt beim Gehen leicht über den Tassenrand.
Die Tasse bleibt in der Cafeteria oder wird quer durch die weiträumige Halle getragen, in Säle und Räume, zu den Sitzplätzen auf der Galerie. Sie wird auf Tischen abgesetzt, bleibt manchmal in der Hand. Wird gedreht und gestreichelt, nur aus Langeweile.
Später gehen die Trinker bis zum Ende der Halle und stellen die Tasse ins Automatenhäuschen. Auf der Scheibe kreist sie, verschwindet aus dem Blick. Sie kehrt nicht zurück. Stattdessen kommt ein weißer Bon oben heraus. Sein Wert ist immer gleich, egal ob die Tasse leer ist oder nicht. Inhalt ist überflüssig.
Die Cafeteria tauscht Geld gegen Bons.
Manchmal werden die Tassen nicht zum Automaten gebracht. Sie stehen vereinzelt herum. Achtlos und auf nichts wartend. Sie verrotten nicht.Weil sie im trockenem Uni-Gebäude stehen. Weil sie robust sind. Weil der Tassensammler umhergeht.
Ich arbeite in der Universität, sagt er zu den Menschen außerhalb. Innerhalb fragt ihn niemand. Die Putzfrauen übersehen ihn. Sie sind angestellt, haben Schichten mit fest eingeteilten Plätzen. Professoren sitzen in Büros, Studenten in Sälen, Verkäufer an der Kasse. Der Sammler läuft quer durch die helle Halle, die dunklen Gänge. In Büros, Säle, Fahrstühle. Zu Toiletten und Treppenhäusern. Umrundet die einzelnen Beton-Pfeiler.
Wie kann man nur so leben? tuschelt ein alter Mann, der aussieht wie ein Schüler, der fünfzig mal sitzen geblieben ist. Den ganzen lieben Tag nichts als Tassen einsammeln!
Der Sammler schaut sich weiter nach Tassen um, als hätte man nicht überihn gesprochen.
Tassen einsammeln ist ein Beruf, sagt er zu sich selbst, als niemand ihn hört. Man muss ihn erlernen, Talent besitzen und selbständig sein.
Morgens findet er die meisten Tassen auf den Tischen der Cafeteria, wenn die Trinker sie aus Müdigkeit dort vergessen haben. Dann sind die verschlungenen Gänge der Büros dran. Dort bringt niemand Tassen weg, es sind zu viele. Man will nicht als Sammler gelten.
Die Wissenschaftler fühlen sich frisch, die Türen sind offen. Ihre Räume sind voller Tassen. Sie stehen mit ihren Sekretärinnen in den Gängen, miteinander plappernd. Sie haben keinen Blick für den Sammler. Er kann ohne Einwilligung und Protest die angehäuften Tassen in seinen Beutel stecken.
Mittags bleiben Tassen in der Mensa stehen und nachmittags stellt sich der Sammler auf die Galerie. Von da oben erspäht man Tassen, die verstreut in der Halle liegen. Manche gönnen den Tassen Plätze in Ecken und an Wänden. Niemand steht gern mitten im Raum.
Das Automaten-Häuschen läuft bis abends. Danach muss jeder seine Tasse mitnehmen und am nächsten Tag abgeben. Das ist mühselig. Die Geizigen ohne Büro und Schließfach verstecken die Tassen und geben sie erst am nächsten Morgen wieder ab.Wenn sie noch da sind.
Abends fängt die wirkliche Arbeit an. Die Suche nach den unsichtbaren Tassen. Die Trinker verstecken ihre Tassen nicht in Sichthöhe, sondern hoch oben oder ganz unten wie Billigware im Supermarkt. Über den Schließfächern, unter Treppengeländern, hinter Mülleimern. Der Tassensammler muss sich in die Trinker hinein versetzen, ihren Gedanken nachgehen. Verstecke finden. Klettern und sich verrenken. Alles in einem sein: Psychologe, Detektiv, Sportler.
Die benutzten Tassen unterscheiden sich wie die Trinker. Die Korrekten und die Gierigen trinken ihren Kaffee ganz leer. Auf dem Tassenboden sieht man nur noch eine verblasste Spur. Pingelige lassen eine Pfütze drin, aus Angst vor dem Kaffeesatz, der sich unten ansammelt.
Achtlose Raucher trinken nur die Hälfte und werfen ihre Zigarettenstummel hinein, als wollten sie eine Hexenbrühe kochen. Elegante Frauen hinterlassen rote Lippenstiftspuren und Menschen mit trockener Haut Labella-Abdrücke.
Klebrige Tassen stammen von Trinkern mit fettiger Haut. Duftende Tassen sind von Überparfümierten, die eitel oder unsicher sind.
Es gibt Trinker, die ihre eigenen Tassen benutzen. Unifarben, mehrfarbig oder mit Motiven. Sie geben ihre Tassen nicht ab.
Auszug aus einer unveröffentlichten Erzählung
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Bibliography
Totalschaden. Novel. Stuttgart: Reclam Verlag, 2006