Sinn und Unsinn im TV

Moderator Wieland Backes zu Gast bei "Schüler diskutieren im Robert Bosch Haus"

Seit mehr als 30 Jahren ist er beim Fernsehen tätig und im Südwesten vor allem durch die spätabendliche Talkshow "Nachtcafé" bekannt: Moderator Wieland Backes stellte sich am 27.11.2006 in der Robert Bosch Stiftung den Fragen von Stuttgarter Schülern. Thema der Diskussionsrunde war diesmal "Fernsehjournalismus zwischen Unterhaltung und Voyeurismus – 20 Jahre Nachtcafé" – mehr als 80 interessierte Diskussionsteilnehmer kamen.

Überraschend medienkritisch führt Backes in den Diskussionsabend ein, der in vielen Funktionen – u.a. als Leiter der Abendschau – beim damaligen Süddeutschen Rundfunk Erfahrungen sammelte, bevor er 1987 ins Moderatorenfach wechselte. Er bezeichnet das Fernsehen als "hochriskantes Medium". Gleichzeitig sei das Fernsehen "reizvoll" und biete sehr viele Chancen. Sein Lob gilt dabei ausschließlich dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der habe sich nach Einführung des kommerziellen Systems gut behauptet, weil er dem Grundsatz folge, Fernsehen gehöre niemand anderem, als den Zuschauern selbst. Öffentlich-rechtliches Fernsehen sei erfunden worden, um Programm zu machen. Das kommerzielle Fernsehen hingegen, um Werbung zu senden und Geld zu verdienen. Eine Konsequenz aus der Zuschauerhörigkeit vieler privater Anbieter sei die negative Steigerung von Unterhaltungsformaten, beginnend bei "Tutti Frutti" über "BigBrother" bis hin zum "Dschungelcamp". Backes beklagt auch den laxen Umgang mit Gewalt im Programm der Privatsender, der auf die öffentlich-rechtlichen Sender ausstrahle.
Für die durch Gebühren finanzierten Sender bedeute es einen ständigen Spagat zwischen dem Anspruch Information, Unterhaltung, Kultur zu bieten und der berechtigten Frage danach, für wen sie ihr Programm machten. Denn "das Fernsehen ist zuallererst ein Emotionsmedium."
Das Grundprinzip seiner Sendung sei, so Backes, prominente und nicht-prominente Personen mit ihrer eigenen Geschichte zu einem bestimmten Thema einzuladen. Spielerisch, "nie mit erhobenem Zeigefinger" stelle er dabei stets einen Bezug vom Privaten zum Gesellschaftlichen her. Die guten Quoten des Nachtcafé wertet der Moderator als Beweis dafür, "dass man Zuschauer mit einem gewissen Niveau erreichen kann", Niveau und Quote also kein Widerspruch sein müssen. Mit der pathetisch-provokativen These Fernsehen bedeute heutzutage eine "Herausforderung, die man nur antreten sollte, wenn man menschenfreundlich und verantwortlich ist" eröffnet Backes die Diskussion.
Die Schüler nehmen die Vorlage des Moderators gerne an und stellen Fragen wie: "Was halten Sie von Sendungen wie ‚BigBrother’ und ‚Popstars’?" und "Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Bildung und Unterhaltung bzw. Voyeurismus und niveauvollem Fernsehen?" Backes macht seine Position deutlich: Gewalt und menschenunwürdige Formate à la "Big Brother" hätten "im Fernsehen nichts verloren". Er bezeichnet Fernsehen als ein "volkspädagogisches Instrument erster Güte", das bei der aktuellen Wertediskussion in der Gesellschaft nicht ausgeklammert werden könne. Fernsehinhalte sind "eine Frage der Erziehung", so der Moderator. Natürlich sei das Fernsehen keine "Eins zu Eins" – Abbildung der Gesellschaft, die Zuschauer "haben auch einen eigenen Kopf". Trotzdem habe er, Backes, den Anspruch an Fernsehen, den Zuschauer nicht nur zu unterhalten. Man müsse ihm auch Impulse geben. Und das "ist keine Frage der Bildung", versichert der Moderator. Ein gewisses Niveau könne immer gewahrt werden. Als gelungenes Beispiel für eine Symbiose aus Bildung und Unterhaltung nennt Backes die Sendung "Ich trage einen großen Namen", die reines Bildungsfernsehen verkörpere.

Kritische Nachfragen der Schüler beziehen sich auf das Backessche "Nachtcafé": dort führe er selbst doch ebenso Einzelschicksale vor. Entscheidend sei es zu prüfen, entgegnet der Moderator, aus welcher Motivation heraus und wie man ein Thema aufgreife: "Will man nur den Menschen ausstellen, dann wäre es nicht zu rechtfertigen. Will man etwas bewegen, dann ist es gerechtfertigt." Die Menschen dürften den Medien nicht unterlegen sein, der Moderator keine Machtposition im Gespräch haben. "Die Menschen sollen sich öffnen, aber nicht bloßstellen." Gegenüber unerfahrenen Menschen sollten Journalisten "Demut" zeigen, gegenüber den Mächtigen könne man frech sein, so Backes. Zudem gelte es zu überlegen, was mit den Privatpersonen nach der Sendung geschehe, wie sie mit ihrer neugewonnenen Öffentlichkeit umgingen. Daher gebe es durch die "Nachtcafé" – Redaktion immer eine Nachbetreuung der Studiogäste.
Zur Kollegenschelte will er sich nicht hinreißen lassen – trotz hartnäckiger Nachfragen der Schüler, welcher Kollege ein Negativbeispiel für den Umgang mit Themen und Gästen sei. Die wichtigste Regel laute, so Backes, sich als Moderator zurückzunehmen. Ob er ein Angebot der Privaten annehmen würde? Die Antwort ist ein klares "Nein", da er das Profil der Sendung auf Dauer in den Privaten nicht durchhalten und eine Werbeunterbrechung "nicht ertragen" könne.

Auf Wunsch der Schüler erklärt Backes die einzelnen Schritte der Redaktionsarbeit. Wie kommt man zu neuen Themen, wie zu den interessanten Gesprächspartnern, vor allem den unbekannten? Wie wählt man aus, wie plant man die Sendung? Dass ihm eine sorgfältige Themen- und Gästeauswahl wichtig ist und alle Gespräche gründlich vorbereitet werden, betont der Moderator mehrfach.
Auch in eigener Sache haben die Schüler Fragen an Backes: Weshalb es bei den öffentlich-rechtlichen Sendern kaum Angebote für ihre Altersgruppe gebe? Die Ursache sieht der Moderator darin, dass Jugendliche heute keine homogene Gruppe bildeten und eine Programmgestaltung daher schwierig sei.
Immer wieder kehrt die Diskussion zur Abgrenzung von Unterhaltung und Voyeurismus zurück und zur Frage, wer nun Meinungsbilder ist: Medien oder Gesellschaft? Ob die Schuld für den Inhalt des Fernsehprogramms nicht in der Gesellschaft selbst zu suchen sei, und die Medien diese nur widerspiegelten? Und "wann beginnt für Sie, Herr Backes, Gewalt, und zeigt ‚Tatort’ schon zu viel davon?"
Backes überrascht mit der Aussage, er lehne Fernsehen vor der Grundschule "rigoros" ab. Diesen Standpunkt vertrete er vor allem aus väterlicher Sicht. Virtuelle Erfahrungen dürften bei Kindern erst nach ausreichenden realen Erfahrungen kommen. Das Gefährliche an Fernseherfahrungen sei, dass sie in der Erlebniswelt der Kinder folgenlos erschienen. In diesem Zusammenhang kritisiert der "Nachtcafé" – Leiter die subtilen Bilder, die Ästhetik und das Menschenverständnis, das in manchen Formaten wie z.B. Volksmusiksendungen transportiert würde. Die Verantwortung sieht Backes bei den Machern des Programms. Wenn klare Reize und schlichte Mechanismen die einzigen spekulativen Motive seien, urteilt Backes, "dann ist das traurig".

(Julia Rommel, 28.11.2006)