Grenzgänger

Gisela Erbslöh:

Unter den Füßen wächst die Wüste. Gänge durch Grosny

Im Zentrum Grosnys leuchten wieder die Fassaden. Länger als zwölf Jahre lebten die Bewohner der tschetschenischen Stadt unter ständiger Bedrohung. Politischer Druck, patriotischer und religiöser Fanatismus, Bomben, marodierende Banden, mordende "Sicherheitskräfte" jeder Couleur und das fatale Erbe unreflektierter nationaler Traditionen - all das hat zu Zerstörungen unbeschreiblichen Ausmaßes geführt. Doch jetzt wird wieder aufgebaut. Baulärm übertönt die Geräusche des dichten Autoverkehrs, Spielautomaten, Geschäfte und blütenweiße Häuserwände markieren die beiden Hauptstraßen der Innenstadt. Auf der Rückseite aber sind viele Gebäude so ausgebrannt und leer, wie zuvor.

Was denken und fühlen die Menschen, die hier leben müssen? Warum ist die Angst auch heute noch ihr ständiger Begleiter und wie gehen sie damit um? Für manche sind es die alten Traditionen und Sitten, die helfen den Alltag zu überstehen, innerhalb der Familien jedenfalls. Andere aber - vor allem Frauen - werden gerade durch diese Traditionen daran gehindert, aus dem Leben zwischen den Fronten zu auszubrechen und neue Wege zu gehen.

Es waren solche und ähnlich Fragestellungen, die mich zu einem Aufenthalt in Inguschetien und Tschetschenien veranlaßten. Im Mai 2006 reiste ich über das christlich orthodoxe Beslan/ Nordossetien ins islamische Inguschetien ein, wohnte in Nasran, und fuhr von dort aus mehrmals nach Grosny. Inguscheten und Tschetschenen aller Altersgruppen waren meine Gesprächspartner - von Kindern (während der Proben für nationale Tänze), über junge Leute (die ihre Hochzeit feierten), bis hin zu alten Menschen zwischen 80 und 104 Jahren (in Dörfern und Flüchtlingslagern). Ihre umwerfende Gastfreundschaft und Offenheit stand in absurdem Kontrast zu den Vorsichtsmaßnahmen, die angesichts möglicher Unruhen, Entführungsversuche oder Konflikte mit Miliz oder Militär zu ergreifen waren.

Radiofeature von Gisela Erbslöh: "Unter den Füßen wächst die Wüste. Gänge durch Grosny". Ausstrahlung am 31. Oktober 2007, 0:05 Uhr, Deutschlandradio/Berlin