Demographische Entwicklung schafft Chancen für deutsches Bildungssystem
Stuttgart, 17. Juli 2006 - Weniger Kinder bedeuten auch weniger Schüler. Und weniger Schüler verursachen weniger Kosten. In den nächsten 14 Jahren können dadurch 80 Milliarden Euro eingespart werden. Rechnet man allgemeine Preis- und Lohnsteigerungen hinzu, dann beläuft sich der Betrag sogar auf annähernd 100 Milliarden Euro. Dieses Geld sollte in bessere Bildung investiert werden: die beste Investition in die Zukunft Deutschlands. Das ist das Ergebnis der Studie „Demographie als Chance: Demographische Entwicklung und Bildungssystem – finanzielle Spielräume und Reformbedarf“.
Die Studie der Prognos AG, die im Auftrag der Robert Bosch Stiftung und in Zusammenarbeit mit der Tageszeitung „Die Welt“ entstand, zeigt auf, welche finanziellen Auswirkungen rückläufige Schülerzahlen für das Schulwesen in Deutschland haben und freiwerdende Mittel genutzt werden können, um die Qualität und die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Bildungswesens zu verbessern. Die Zahl der Schüler wird in Deutschland bis zum Jahr 2020 um mehr als zwei Millionen zurückgehen, gegenüber dem Jahr 2005 sind das 17 Prozent weniger. In Ostdeutschland sinken dabei die Schülerzahlen stärker als in Westdeutschland.
Die demographische Entwicklung in Deutschland wird oft in ihren Risiken für soziale Sicherung und Wohlstand diskutiert. Es werden überwiegend die negativen und Kosten treibenden Effekte des Rückgangs und der Alterung der Bevölkerung gesehen. „Die mit der demographischen Entwicklung verbundenen Chancen werden oft ignoriert“, stellt Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, fest. Bereits die Expertenkommission „Familie und demographischer Wandel“ der Stiftung unter Leitung des ehemaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf hat dem Faktor Bildung eine zentrale Bedeutung beigemessen. „Vor dem demographischen Hintergrund einer schrumpfenden Gesellschaft sollte kein Kind zurück gelassen werden. Bildung muß Hauptthema auf der politischen Agenda bleiben“, sagt Ingrid Hamm. Durch den Rückgang der Schülerzahlen fallen die öffentlichen Ausgaben für Schulbildung in realer Rechnung (also unter Ausschaltung allgemeiner Preissteigerungen) im Jahr 2020 um 11,5 Milliarden Euro niedriger aus als bei konstanten Schülerzahlen. Bereits im Jahr 2007 fallen die Ausgaben um 1,2 Milliarden Euro. Im Zeitraum 2006 bis 2020 addieren sich die Minderausgaben auf 80 Milliarden Euro. Die durch die Entwicklung der Schülerzahlen möglichen Einsparungen könnten 75 Prozent einer umfassenden Reform im Schulbereich finanzieren, so belegen es die Zahlen, die Prognos im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft erarbeitet hat.
„Angesichts der Qualitätsanforderungen an Schulen sollten wir für die Zukunft intelligent mit öffentlichen Mitteln umgehen“, fordert Ingrid Hamm. „Investitionen in frühe Bildung vermeiden höhere Ausgaben in späteren Bildungsphasen und verbessern die Chancen auf eine erfolgreiche Bildungsbiographie. Deshalb sollte vor allem in Kindergarten und Grundschule investiert werden.“
Ein Verzicht auf umfassende Reformen in der Schulbildung verschlechtert nach Einschätzung der Prognos-Experten mittel- und langfristig die Chancen Deutschlands im internationalen Wettbewerb. Die Autoren kommen zu dem Schluß, daß eine anderweitige Verwendung der im Schulbereich frei werdenden Mittel die öffentlichen Haushalte längerfristig nur scheinbar entlasten. Wenn im internationalen Wettbewerb Arbeitsplätze in Deutschland aufgrund mangelnder Qualifikation nicht erhalten werden können, drohen potentiell höhere Sozialausgaben. Zudem falle die Produktivität der Erwerbstätigen, ihr Einkommen und die damit verbundenen Steuereinnahmen ohne die Reformen dauerhaft niedriger aus.
Weitere Informationen und die Studie als PDF-Download unter