Aktuelle Themen 2017

Erstes Forum für Friedensakteure aus aller Welt

Wahrheit, Gerechtigkeit, Gedenken – diese Themen stehen weltweit im Mittelpunkt von Friedensakteuren, die gewaltsame Konflikte und Regime aufarbeiten, um den Übergang zu nachhaltigem Frieden zu ermöglichen. Auf Einladung der Robert Bosch Stiftung kamen erstmals 120 dieser Friedensakteure beim "Global Community Forum: Truth, Justice, Remembrance" in Berlin zusammen.
David Weyand | November 2017
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Fotos: Manuel Frauendorf
Wie können Verantwortliche von schweren Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen zur Verantwortung gezogen werden? Wie müssen gewaltsame Konflikte aufgearbeitet werden, um neue Gewalt zu verhindern? Und was bedeutet Gerechtigkeit und Versöhnung? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Teilnehmer des Forums in ihrer alltäglichen Arbeit in Konflikt- und Postkonfliktgesellschaften. Das Forum führte erstmals ausgewählte Experten und Praktiker zu diesen Themen aus über 40 Ländern in der Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung in Berlin zusammen. Viele von ihnen sind ehemalige Programmteilnehmer, Stipendiaten oder Vertreter von Projekten, die die Stiftung in der Vergangenheit gefördert hat. So etwa Fellows der "Alliance for Historical Dialogue and Accountability" (ADHA) an der Columbia University oder der Robert Bosch Academy.
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UN-Sonderberichterstatter Pablo de Greiff: "Wir kopieren zu oft Institutionen und Prozesse und nehmen zu wenig Rücksicht auf die feinen Unterschiede zwischen den Ländern."

UN-Sonderberichterstatter eröffnet Forum

Zum Auftakt des dreitägigen Forums sprach Pablo de Greiff zu den Friedensakteuren aus aller Welt. De Greiff ist der erste Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zur Förderung von Wahrheit, Gerechtigkeit, Rehabilitierung und Garantie der Nichtwiederholung. Er betonte in seiner Bestandsaufnahme, dass "Transitional Justice", im Deutschen oft als "Übergangsjustiz" übersetzt, keine Zauberei sei. Trotz vieler Hindernisse und jahrzehntelanger Kritik haben viele Akteure das Thema vorangetrieben und es erfolgreich auf verschiedenen Ebenen in Wissenschaft, Politik und dem öffentlichen Diskurs etabliert. Sie haben es durch harte und beständige Arbeit geschafft, dass Übergangsjustiz und der Umgang mit vergangenem Unrecht in Postkonfliktgesellschaften mittlerweile Teil von normativen und institutionellen Ansprüchen an Übergangsprozesse nach bewaffneten Konflikten ist. Durch diesen Einsatz, sind "Opfer heute [in Friedensprozessen] sichtbar".

Als größte Herausforderungen für die Aufklärung gewaltsamer Konflikte sieht de Greiff drei externe Entwicklungen: Doppelmoral bei der Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen, einen zu engen Fokus auf Fragen innerer und internationaler Sicherheit und die weltweit zunehmende Einschränkung der Zivilgesellschaft – das Phänomen des sogenannten Closing oder Shrinking Space. Ein weiteres weit verbreitetes Problem ist für de Greiff "isomorphische Mimikri", das heißt die Kopie von Modellen aus einem Kontext in einen anderen ohne notwendige Berücksichtigung unterschiedlicher lokaler Gegebenheiten. "Wir kopieren zu oft Institutionen und Prozesse und nehmen zu wenig Rücksicht auf die feinen Unterschiede zwischen den Ländern." Sein Appell an die Teilnehmer des Forums und andere internationale Akteure und Organisationen: "Wir müssen kreativer und effektiver sein!"

Im Anschluss diskutierte Moderatorin Sandra Breka, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, die Thesen mit Pablo de Greiff und zwei weiteren renommierten Experten auf dem Podium. Rama Mani, Leiterin der "Enacting Global Transformation Initiative" an der University of Oxford und Gründerin des "Theatre of Transformation Academy", unterstrich in der Diskussion die Bedeutung individueller Geschichten und Schicksale bei der Aufarbeitung gewaltsamer Vergangenheit.

"Die Dämonen von Gewalt wieder einfangen"

Der zweite Gesprächspartner auf dem Podium war Stephen J. Rapp, ehemaliger Botschafter für das "Office of Global Criminal Justice" des US-Außenministeriums und Ankläger bei internationalen Strafgerichtshöfen unter anderem in Sierra-Leone und Ruanda. Sein Fazit: "Gesellschaften können die Dämonen von Gewalt wieder einfangen." Aber dafür braucht es die Zivilgesellschaft, denn Politik, Militärs und Gewaltakteure – oft die ehemaligen Täter – durchbrechen das Schweigen nicht alleine. Ohne Strafverfolgung und Aufklärung, so Rapp, wiederholen sich die Taten und es gibt weitere Opfer.

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Auf dem Podium diskutierten (v.l.n.r.): Rama Mani, Leiterin der "Enacting Global Transformation Initiative" an der University of Oxford, Pablo de Greiff, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zur Förderung von Wahrheit, Gerechtigkeit, Rehabilitierung und Garantie der Nichtwiederholung, Sandra Breka, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, und Stephen J. Rapp, ehemaliger Botschafter für das "Office of Global Criminal Justice" des US-Außenministeriums und Ankläger bei internationalen Strafgerichtshöfen unter anderem in Sierra-Leone und Ruanda.
In den folgenden Tagen diskutierten die Teilnehmer des Forums gemeinsam mit internationalen Experten über aktuelle Herausforderungen und Trends und tauschten sich zu Beispielen guter Praxis aus. Fortlaufend wurden Erkenntnisse gesammelt und in erfolgreiche Strategien übersetzt. Am dritten Tag bot das Forum den Raum, um (Projekt-)Ideen und Anliegen in konkrete Vorhaben zu überführen.

Ziel des Forums ist der Aufbau und die Vernetzung einer globalen Gemeinschaft von Friedensakteuren, die sich in (Post-)Konfliktgesellschaften für Wahrheit, Gerechtigkeit und Gedenken einsetzen. Die Stiftung möchte deren Wirkung in ihren Heimatländern stärken und dazu anregen, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen.
 

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