Pressemeldungen 2017
Pressemitteilung

Deutschland nach der Wahl: Vor welchen Herausforderungen steht die neue Regierung bei der Integration von Flüchtlingen?

  • SVR-Vorsitzender Bauer plädiert für Arbeitsmarktintegration im Regelsystem
  • Robert Bosch Stiftung startet neues Förderprogramm für Integration und Teilhabe in ländlichen Räumen

Stuttgart, 6. Oktober 2017 - Vor wenigen Tagen hat Deutschland gewählt. Bereits der Wahlkampf hat gezeigt, dass Zuwanderung und die damit verbundenen Herausforderungen zentrale Themen der kommenden Legislaturperiode bleiben werden. Unter anderem wird es darum gehen, wie Deutschland Flüchtlingen den Zugang in den Arbeitsmarkt, in die Ausbildung und in das Bildungssystem ermöglichen kann.

Prof. Dr. Thomas K. Bauer, Vorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), plädierte heute bei einem Pressegespräch in der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart dafür, Sonderprogramme für Flüchtlinge auf das Notwendigste zu beschränken. "Die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen sollte im bewährten Regelsystem erfolgen, das wir dafür punktuell anpassen müssen. Der Bund kann beispielsweise in der beruflichen Bildung Impulse setzen und die bestehenden Ausbildungssysteme flexibler gestalten durch Erprobung einer Gliederung in Basisausbildung und Spezialisierungsphase oder Anwendung von Teilzeitmodellen. Zudem benötigen wir verlässliche Strukturen, um informelle Kompetenzen anzuerkennen. Diese Maßnahmen müssen sich an den Standards der Vollzeitausbildung orientieren und auch anderen Bevölkerungsgruppen wie Langzeitarbeitslosen offen stehen", so Arbeitsmarktexperte Bauer. "Das stärkt auch die Akzeptanz in der Gesamtbevölkerung."

Im Bildungsbereich, der in der Zuständigkeit der Länder liegt, gebe es ebenfalls noch einiges zu tun; so müssten geflüchtete Kinder und Jugendliche möglichst schnell, spätestens jedoch nach drei Monaten in die Schule gehen können, wie es die EU-Aufnahmerichtlinie vorschreibt. Die Politik müsse dringend darauf hinarbeiten, dass die bereits bestehenden Segregationstendenzen im Schulsystem sich nicht verstärken, damit echte Teilhabechancen für Flüchtlingskinder wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler bestehen.

Neben der Integration in Arbeitsmarkt und Bildung wird die soziale Integration und Teilhabe von Flüchtlingen eine der großen gesellschaftlichen Aufgaben der kommenden Jahre sein. "Es wird derzeit viel über gemeinsame Werte diskutiert. Aus unserer Arbeit wissen wir, dass Werte nicht theoretisch vermittelt werden können. Sie müssen im Alltag praktiziert werden. Gerade die Bürgergesellschaft kann hier Orte der Begegnung und des gemeinsamen Gestaltens schaffen", sagt Uta-Micaela Dürig, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung. Dafür müsse das große Engagement, das die deutsche Bürgergesellschaft bei der Aufnahme und Erstintegration von Flüchtlingen geleistet habe, von Kommunen, Land und Bund anerkannt und mit den entsprechenden Strukturen und Mitteln in die Fläche gebracht werden. "Auch wir versuchen mit unserer Arbeit einen Beitrag zu leisten, vor allem indem wir ehrenamtliches Engagement vernetzen und qualifizieren, besonders dort, wo es schwierige Bedingungen gibt, wo Engagierte mit Anfeindungen zu kämpfen haben oder es kaum bürgergesellschaftliche Strukturen gibt", so Dürig.

Dies treffe häufig auch für ländliche Räume zu, die durch die hohen Zuwanderungszahlen und in Teilen auch durch die Wohnsitzauflage zu einer Zielregion für Flüchtlinge geworden seien. Hier sieht Dürig aber auch große Chancen für die Integration: "Vor allem in ländlichen Gebieten finden Flüchtlinge Wohnraum, insbesondere Familien. Hier können stabile und enge soziale Beziehung leichter entstehen und auch kleinere und mittelständische Unternehmen fragen Arbeitskräfte nach. Aus unserer Sicht sollte es verstärkt darum gehen, diese Chancen zu nutzen. Wir haben deshalb ein neues Förderprogramm entwickelt, mit dem wir modellhaft aufzeigen, wie Kommunen diese Möglichkeiten nutzen können."

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Michael Herm
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