Grenzgänger

Angela Steidele:

Angela Steidele, geb. 1968, erforscht und erzählt historische Liebesgeschichten. Ihrer Dissertation »Als wenn du mein Geliebter wärest.« Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750-1850 (2003) folgte die Biographie der letzten Frau, die in Europa wegen der so genannten Unzucht mit einer anderen Frau hingerichtet wurde: In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721 (2004; Gleim-Literaturpreis). Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens (2010; Shortlist Sachbuchpreis von NDR Kultur) beschreibt die Beziehung zweier Frauen an der Schwelle zur lesbischen Identität der Moderne. Ihr erster Roman, Rosenstengel. Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II. (2015; Bayerischen Buchpreis, Shortlist Alfred-Döblin-Preis) spielt mit der Wahrheit historischer Quellen, die in Anne Lister. Eine erotische Biographie (2017) wieder ernst genommen werden. Angela Steidele lebt, schreibt, singt und gärtnert in Köln.
Anne Lister. Eine erotische Biographie

Frauenheld, Schwerenöter oder Heiratsschwindler, Lüstling, Wüstling oder einfach nur Schuft: Frauen pflasterten ihren Weg. Anne Lister betete sie an, begehrte, belog und betrog sie, ging ihnen an die Wäsche und ans Geld. Ihr lustvolles Lieben und Leben im vermeintlich prüden präviktorianischen England vertraute sie einem geheimschriftlichen Tagebuch an, dessen ganz und gar unkeusche Einträge Angela Steidele zu dieser staunenswerten Biographie verführte.

Berlin: Matthes und Seitz 2017
328 Seiten
ISBN 978-95757-445-9

Bildergalerie

Nicht nur als Liebende überschritt Anne Lister Grenzen, sondern auch als Reisende. 1839 reiste sie mit ihrer Lebensgefährtin Ann Walker durch Dänemark und Schweden, setzte nach Finnland über und erreichte via Sankt Petersburg Moskau, wo sie den Winter verbrachten. Im Februar 1840 fuhren sie im Schlitten nach Nischnij Nowgorod und von dort auf der zugefrorenen Wolga via Kasan nach Astrachan. Sie durchquerten die südrussische Steppe und überwanden den Großen Kaukasus. Über Tiblisi kamen sie bis nach Baku. Auf einer Pferdetour in der georgischen Wildnis verstummte Anne Listers Tagebuch am 11. August 1840. Fünf Wochen später war sie tot. Ihre Witwe brachte die Leiche auf dem gleichen Weg, wie sie gekommen waren, zurück nach Halifax, Yorkshire.

Auf Anne Listers Spuren reiste ich 2016 und 2017 nach Russland, Georgien und Aserbaidschan. Manches in Büchern lang gepflegte Vorurteil konnte ich dank eigener Anschauung umschiffen. Die »Georgische Heerstraße« von Wladikawkas nach Tbilisi etwa ist nicht mehr so wildromantisch, wie Anne Lister und heutige Reiseführer sie schildern.