Grenzgänger

Eva Gruberová und Helmut Zeller:

Eva Gruberová, geboren 1968 in Kosice, Slowakei, Journalistin und Autorin; Studium der Philosophie in Prag, Frankfurt am Main (mit Deutsch als Fremdsprache, gefördert durch den DAAD) und München (Förderung der Friedrich-Ebert-Stiftung); journalistische Tätigkeiten als Tschechien-Korrespondentin bei der slowakischen Tageszeitung SME, 1999-2002 Leitung des ZDF-Büros Prag, Producerin des ZDF-Südosteuropa-Studios in Wien; Filmautorin: „Geboren im KZ“ (mit Martina Gawaz, ARD 2010, Gewinner der Silbermedaille beim Internationalen Filmfestival in New York 2011); Veröffentlichungen in der Zeit, FAZ, Die Presse, Süddeutschen Zeitung; Referentin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Reiseführer-Autorin (mit Helmut Zeller) Slowakei, „CityTrip Prag“ und „CityTrip Plus Prag“ (alle im Reise Know-How Verlag), Buchautorin (mit Helmut Zeller): „Geboren im KZ. Sieben Frauen, sieben Kinder und das Wunder von Kaufering I“ (C.H. Beck Verlag, 2011).

Helmut Zeller, geboren 1955 in München, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, 1997-2004 Redaktionsleiter der Erdinger Lokalausgabe der Süddeutschen Zeitung, seit 2005 Redaktionsleiter der Dachauer SZ. Veröffentlichungen zur Zeitgeschichte (Schwerpunkt Nationalisozialismus, jüdische Biografien und Erinnerungspolitik), in der Hauptausgabe der SZ; Reiseführer-Autor (mit Eva Gruberová); Buchautor von „Geboren im KZ“ (mit Eva Gruberová, C. H. Beck Verlag, 2011) und „Ich sang für die SS. Mein Weg vom Ghetto zum israelischen Geheimdienst“ (mit Abba Naor, C. H. Beck Verlag, 2014).
Taxi am Shabbat. Eine Reise zu den letzten Juden Osteuropas

Mehr als 75 Jahre nach dem Holocaust reisen zwei Journalisten an die Orte, die vor dem Zweiten Weltkrieg Zentren des osteuropäischen Judentums waren. Sie wollen wissen, wie sich jüdisches Leben nach 1945 in sieben ehemals kommunistisch beherrschten Ländern im Osten Europas entwickelt hat.

Wie leben die letzten Juden Osteuropas? Wurden Juden in ihren Rechten anerkannt, ihr Eigentum restituiert und die Täter zur Rechenschaft gezogen? Verschwand der Antisemitismus oder wurde er verdrängt? Wie spielt sich jüdisches Leben heute, nach der politischen Wende ab in Krakau, Prag, Minsk, Kiew, Lemberg oder Budapest?

Eva Gruberová und Helmut Zeller haben sich auf Spurensuche begeben und führen den Leser in eine vergessene Welt. Sie sprechen mit den letzten Überlebenden des Massenmords, mit Rabbinern, Gemeindevertretern, jüdischen Intellektuellen, Museumsgründern, Friedhofswärtern, mit Heimkindern in Odessa und Bewohnern des jüdischen Altenheims in Bratislava. Die Autoren erzählen von den Respekt und Bewunderung einflößenden Lebenserfahrungen im Strom der Regimewechsel, der Hoffnung in den Tauwetterperioden und der Verzweiflung unter den wieder einsetzenden Repressionen bis hin zur Auflösung der Sowjetunion und ihren Folgen. Für die jüdischen Gemeinden wird heute viel davon abhängen, ob die Länder Osteuropas bereit sind, der jüdischen Geschichte den ihr zustehenden Platz in den nationalen Erinnerungskulturen einzuräumen. Danach sieht es allerdings nicht aus. Manche glauben zwar an eine „Renaissance des Judentums“. Aber in das Europa des noch jungen 21. Jahrhunderts ist der Hass zurückgekehrt.

Einfühlsam gegenüber den traurigen Schicksalen der durch den Nationalsozialismus und den Kommunismus doppelt Verfolgten und kenntnisreich in der Sache, gelingt es den Autoren meisterlich, die persönlichen Geschichten in der allgemeinen Geschichte zu spiegeln.“
Rachel Salamander, Literaturwissenschaftlerin

„Eva Gruberová und Helmut Zeller haben das Buch der letzten jüdischen Überlebenden geschrieben, aber auch der vielen jungen Menschen in Osteuropa, die auf einem Grabmal ein neues Haus errichten wollen.“
Ágnes Heller, Philosophin

C.H. Beck Verlag 2017
272 Seiten
ISBN: 978-3-406-71297-5

Bildergalerie

Alžbeta Schicková ist die letzte Jüdin in der westslowakischen Kleinstadt Bánovce. Sie verwaltet den orthodoxen Friedhof.
Verwahrloster jüdischer Friedhof im slowakischen Komárno. Unsere Reisen führten uns in eine durch den nationalsozialistischen Massenmord verloren gegangene Welt.
„Ich bin die Renaissance des Judentums“, sagt Gábor Szylágyi lachend. Der zweite Kantor in der Dohány Synagoge ist außerdem ein begnadeter Sänger.
Boris Dorfman aus Lemberg spricht ein schönes, melodisches Jiddisch. Der 92-jährige Intellektuelle ist pessimistisch, was die Zukunft der ukrainischen Juden betrifft.
Rabbiner Refael Kruskal leitet in Odessa das einzigartige Projekt Tikva, das jüdischen verwaisten und obdachlosen Kindern eine neue Perspektive bietet.
Jüdische Waisenkinder in Odessa.
Nur ein paar Holzhäuser blieben vom ehemaligen Ghetto Minsk übrig. In der weißrussischen Hauptstadt besuchten wir die letzten zwei Ghetto-Überlebenden, Naum und Leonid.
Mit der ungarischen Philosophin Ágnes Heller sprechen wir über das jüdische Leben in Ungarn und über die Zukunft Europas.
Das jüdische Rathaus in Prag erinnert an die einstige Bedeutung der 1000 Jahre alten Diaspora.
Otto Maiers Familie war eine der reichsten in Karlsbad. Nach 1945 wurde der gesamte Familienbesitz als deutsches Eigentum beschlagnahmt.
Tschechien, Slowakei, Ungarn, Polen, Weißrussland, Litauen, Ukraine Herbst 2013 Frühjahr 2017

Während ihrer journalistischen Reisen durch Mittel- und Osteuropa und Recherchen für ihre Bücher „Geboren im KZ“ und „Ich sang für die SS“ (beide C. H. Beck Verlag) lernten die Autoren mehrere jüdische Überlebende und deren Familien, Rabbiner, jüdische Künstler, Historiker und Journalisten kennen. Mit manchen von ihnen verbindet sie seitdem eine Freundschaft. Diese Kontakte sowie ein mehrtägiger Aufenhalt im jüdischen Altenheim Ohel David in Bratislava im Jahr 2007 gaben den Anstoß für ihr aktuelles Buchprojekt.

80 Prozent der heute lebenden Juden haben ihre Wurzeln in Ostmitteleuropa. Heute findet man in den Ländern des einst kommunistischen „Ostblocks“ nur noch etwa vier Prozent der Juden weltweit. Wir wissen heute viel mehr über den Genozid an Juden und über den Verlauf des Zweiten Weltkriegs als darüber, wie es den Überlebenden in Osteuropa nach 1945 erging. Ihre Schicksale sind fast unbekannt, sowohl in den Medien als auch in der breiten Öffentlichkeit. Allgemeines Desinteresse, Unkenntnis der Sprache, Fortbestand der Stereotypen aus der Zeit des Kalten Krieges, die in osteuropäischen Juden pauschal „die Kommunisten“ sahen, dürften die Hauptursachen sein. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der politischen Wende sind osteuropäische Juden nach wie vor unsichtbar, oder, wie Elie Wiesel das 1967 für die sowjetischen Juden ausgedrückt hat: „The Jews of Silence“.

Diese Überlegung war der Ausgangpunkt für die weiteren Recherchen. Die Autoren entschieden sich für sieben postkommunistische Länder, die sie dank der Grenzgänger-Förderung zum Teil mehrmals bereisten. Die Idee war, sich in jedem auf zwei, maximal drei Städte zu konzentrieren. Das hatte in erster Linie mit den vielen Grenzverschiebungen in dieser Region zu tun, die unterschiedliche kulturelle und historische Einflüsse zur Folge hatten, aber auch mit praktischen Überlegungen. Statt auf den makrogeschichtlichen Weg der Betrachtung einer ganzen Ethnie über weite Gebiete und lange Zeiträume zu setzen, wollten Eva Gruberová und Helmut Zeller vom Anfang an exemplarische Einzelschicksale in den Vordergrund stellen, eingebettet in die Mikrogeschichten der Regionen, in denen ihre Interviewpartner leben. Sehr hilfreich war dabei die Beherrschung bzw. das Verständnis der slawischen Sprachen, was den Autoren eine direkte Kommunikation möglich machte.

Während der Recherchen haben sich einige Schwierigkeiten und Planänderungen ergeben, mit denen die Autoren am Anfang nicht rechnen konnten. Im Herbst 2013, als sie mit der Arbeit am Buch begannen, stand Mittel- und Osteuropa nicht gerade im Fokus der westlichen Öffentlichkeit und Medien. Das änderte sich schlagartig mit dem Ukraine-Konflikt. Die Autoren mussten ihre geplante Reise zweimal verschieben, und auch nach den beendeten Protesten auf dem Kiewer Maidan waren in der Gesellschaft wie auch in den jüdischen Gemeinden Spannungen zu spüren. Das zeigte sich besonders im südukrainischen Odessa, wo viele Juden nach den tragischen Ereignissen im Gewerkschaftshaus (Mai 2014) und antijüdischen Protesten auf „gepackten Koffern“ saßen. Der Wahlsieg der Rechtspopulisten in Polen im Herbst 2015, die Flüchtlingskrise und die Weigerung der Regierungen in Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei, Flüchtlinge aufzunehmen – diese und weitere aktuelle Entwicklungen mussten im Buch ihren Niederschlag finden, denn sie hatten und haben auch eine Auswirkung auf Juden und das jüdische Leben. Die mangelnde Empathie gegenüber Flüchtlingen hat nach Meinung der Autoren auch mit dem Umgang mit der Geschichte des Holocaust zu tun, dem Unwillen der Mehrheitsbevölkerungen, aber auch der politischen Eliten, die mörderische Vergangenheit aufzuarbeiten und jüdische Geschichte als Teil der nationalen Erzählung wahrzunehmen. Die gegenwärtige Situation der Juden in Ost- und Mitteleuropa illustriert sehr gut die Formel von einer Vergangenheit, die nicht vergehen will. Dem tragen die Autoren in geschichtlichen Rückblenden Rechnung. So ist aus vielen Interviews, Begegnungen und Beobachtungen ein beeindruckendes Bild nicht nur des heutigen jüdischen Lebens, sondern auch der Krise des europäischen Aufbauwerks nach mehr als einem Vierteljahrhundert nach dem Aufbruch entstanden.