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Fotos: International IDEA/Tomas Spragg Nilsson 
Ezra Mannix
Autor der Türkei-Fallstudie (syrische Flüchtlingsgemeinschaften und Asylbewerber)

Ich war wirklich überrascht, wie genau die Befragten wissen, was Demokratie ausmacht. Wenn es dann um die Umsetzung ging und um Themen wie Rechte und Verantwortlichkeiten, gab es allerdings nur wenige Antworten. Aber dann wurde mir klar, dass diese Menschen ja nicht nur in ihrem Aufnahmeland nicht am demokratischen Prozess teilnehmen können, sondern zum Teil auch in ihrem Heimatland nie wählen konnten. Sie haben nie in einem demokratischen System gelebt. Demokratie ist ein großartiges Konzept – die Frage ist nur, wie man die notwendigen Prozesse umsetzen kann. Hier ist eine zivilgesellschaftliche und politische Bildung – vor allem der jüngeren Generationen – entscheidend.

Umso mehr wir uns in unseren Herkunftsländern oder als Migranten in unseren neuen Heimatländern einbringen können, desto besser eingebunden fühlen wir uns. Davon profitiert nicht nur der Einzelne – vielmehr kommt dies auch der langfristigen Sicherheit und dem sozialen und wirtschaftlichen Wohl dieser Länder zugute, und zwar in allen Bereichen.
 
Mukondeleli Mpeiwa
Autorin der Südafrika-Fallstudie (kongolesische Flüchtlingsgemeinschaften und Asylbewerber)

Meine größte Überraschung erlebte ich nicht im Rahmen der Forschung selbst, sondern während der zwei Workshop-Tage, an denen ich mich mit den anderen Forschern und Experten austauschen konnte. Ich war überrascht, von einigen Seiten Vorbehalte zu hören, als es um die Frage ging, ob wir Wege finden müssen, Flüchtlingen das Recht auf politische Meinungsäußerung in ihren Herkunftsländern zu vereinfachen. Das ist schließlich eines ihrer Grundrechte und darf ihnen nicht vorenthalten werden. Allerdings habe ich gelernt, dass man sich, was die Modalitäten angeht, die Zusammenhänge sehr genau ansehen muss. Eine Standardlösung kann es hier nicht geben.

Meine Arbeit wird sich in Zukunft vermutlich dahingehend ändern, dass ich bei flüchtlingsbezogenen Themen aufgeschlossener sein werde. Wir tendieren dazu, Flüchtlinge und Asylsuchende ausschließlich aus einer humanitären Perspektive heraus zu betrachten, und ignorieren dabei völlig ihre anderen Rechte und Bedürfnisse. Wir können diese Menschen nicht einfach in die Schublade "armer, leidender Flüchtling" stecken. Vielmehr müssen wir uns bewusst sein, dass sie eine Stimme haben und dass sie einen positiven Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten können.
 
Nora Jasmin Ragab
Autorin der Deutschland-Fallstudie (syrische und afghanische Flüchtlingsgemeinschaften und Asylbewerber)

Mein Untersuchungsschwerpunkt war das politische Verhalten der aktiveren Personen und Gruppen innerhalb von Gemeinschaften. Die überraschendste Erkenntnis lag für mich in den Gemeinsamkeiten bei den Erfahrungen, die afghanische und syrische Gemeinden mit politischer Beteiligung gemacht haben. Die meisten Befragten haben aufgrund der gescheiterten Systeme in ihren Heimatländern Schwierigkeiten, sich dort am politischen Prozess zu beteiligen. Und in Deutschland fühlten sie sich relativ ausgeschlossen aus den politischen Räumen, weil sie immer nur als Flüchtlinge oder Muslime, als "die Anderen", wahrgenommen wurden.

Das politische Handeln von syrischen Migranten ist sehr stark ausgeprägt: Selbst Flüchtlinge ohne Papiere organisieren sich von Anfang an, um Einfluss auf ihre Lebensbedingungen zu nehmen. Dasselbe kann man innerhalb der afghanischen Gemeinde beobachten. Ich konnte ein ausgeprägtes Engagement an der Basis erkennen, aber auch ein umfangreiches Wissen über politische Parteien und Prozesse und eigene Erfahrungen innerhalb derselben.
 
Caleb Otieno Opon
Autor der Kenia-Fallstudie (somalische und südsudanesische Flüchtlingsgemeinschaften und Asylbewerber)

Erst wenn die humanitären Bedürfnisse befriedigt sind, kann man über politische Rechte und Möglichkeiten der Beteiligung nachdenken. Das gilt besonders für die und innerhalb der somalischen Gemeinde. Somalier haben sowohl ein starkes Bedürfnis, sich in den politischen Prozess in Somalia einzubringen, als auch in Kenia als gleichberechtigte Mitbürger akzeptiert zu werden. Das sind gleich zwei Herausforderungen. Manche Akteure betrachten Flüchtlinge aufgrund der volatilen Lage in beiden Ländern als Sicherheitsrisiko, obwohl sie zustimmen, dass viele dieser Menschen schutzbedürftig sind.

Die internationale Gemeinschaft sollte Druck auf die Herkunftsländer ausüben, damit die Flüchtlingsgemeinden dort stärker eingebunden werden. Demokratische Staatschefs, die an den Gleichheitsgrundsatz bei Wahlen glauben, müssen den Menschen eine Möglichkeit geben, ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen und sich an der Entscheidung zu beteiligen, wer das Land führen soll – egal ob sie in ihrem Heimatland oder einem anderen Land leben. Und sie müssten die Möglichkeit haben, ihre Rechte in den Gastländern, in denen sie leben, zu kennen und auszuüben.
 
Tigranna Zakaryan
Autorin der Uganda-Fallstudie (südsudanesische und kongolesische Flüchtlingsgemeinschaften und Asylbewerber)

Ich war überrascht, wie positiv die Gemeinschaften, in denen ich Interviews durchführte, auf unsere Untersuchung reagierten. Zuerst war ich recht nervös, vor allem, was die Forschungen innerhalb der südsudanesischen Gemeinde betraf, weil Uganda sich gerade erst von einer humanitären Notsituation und dem entsprechenden Kriseneinsatz erholte, als ich dort tätig war. Wahrscheinlich wurde die Studie auch deshalb so gut aufgenommen, weil diese Menschen selbst die Lösungen für ihre Probleme in sich tragen und sich eine Plattform wünschen, um ihre Ansichten zu teilen. Viele meiner Interviewpartner gaben Antworten wie: "Seit ich zum Flüchtling wurde und mit dieser Bezeichnung leben muss, wurde mir jede Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, genommen."

Für mich als Forscher war es sehr bereichernd, mich mit diesen Menschen darüber auszutauschen, was sie dazu bewegen könnte, in ihre Heimatländer zurückzukehren, oder – im Falle derjenigen, die nicht zurückkehren möchten – darüber, wie sie sich den Ausbau der Möglichkeiten zu ihrer persönlichen Weiterentwicklung nach dem Exil vorstellen.
 
Shoaib Sharifi
Autor der Vereinigtes-Königreich-Fallstudie (afghanische Flüchtlingsgemeinschaften und Asylbewerber)

Das politische Engagement der afghanischen Flüchtlingsgemeinde in Großbritannien ist ziemlich ausgeprägt. Die meisten eingebürgerten Afghanen gehen wählen, viele sind Parteimitglieder und selbst diejenigen, die bisher noch kein Wahlrecht haben, sind in vielerlei Hinsicht engagiert. Mir wurde bewusst, dass Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen haben, genauso wissbegierig sind wie andere Menschen auch und dass sie starkes Interesse an politischen Themen haben. Selbst die Diskussionen beim Abendessen drehen sich um Politik, auch wenn diese Menschen keine Möglichkeit haben, selbst Einfluss zu nehmen.

Das Interesse an unserem Forschungsprojekt war sehr groß. Viele Menschen wollten nicht nur mit mir sprechen, sondern sich auch untereinander austauschen. Deswegen organisierte ich Radio-Gesprächsrunden beim britischen Afghan Voice Radio, wo die Menschen anrufen und diskutieren konnten. Politische Teilnahme, wie begrenzt auch immer, ist sehr wichtig. Wenn wir uns jetzt nicht engagieren, werden unsere Kinder es auch nicht tun und dieses Nicht-Engagement als Erwachsene beibehalten. Damit werden sie kein echter Teil dieser Gesellschaft.
 
Tarig Adan
Autorin der Schweden-Fallstudie (somalische und syrische Flüchtlingsgemeinschaften und Asylbewerber)

Verwundert hat mich, dass viele junge Flüchtlinge sich zwar aktiv in die Zivilgesellschaft einbringen, aber gleichzeitig zögern, sich für politische Themen zu engagieren oder wählen zu gehen. Integration findet in vielen Bereichen statt, aber die soziale und politische Beteiligung ist nach wie vor vernachlässigt, vor allem, was das Wählen betrifft. Die Wahlbeteiligung bei wahlberechtigten Migranten ist sehr niedrig. Das liegt vor allem daran, dass diese Menschen sich mehr darauf konzentrieren, geeigneten Wohnraum oder eine Arbeitsstelle zu finden und die Sprache zu erlernen. Außerdem beschäftigen sie sich oft stark mit Themen ihrer Herkunftsländer. Auch die neu eingeführte vorübergehende Aufenthaltserlaubnis hält die Menschen eher davon ab, sich einzubringen, da ihre Unsicherheit dadurch nur noch größer wird.

Wir müssen Migranten Bildungsangebote zum Thema Demokratie machen und ihnen erklären, warum es so wichtig ist, dass sie sich aktiv in die Gesellschaft einbringen. Dazu brauchen wir politische und zivilgesellschaftliche Aufklärungsarbeit, und zwar bereits zu einem frühen Zeitpunkt – die Menschen müssen ihre Rechte kennen und wissen, inwieweit sie an den entsprechenden Prozessen teilhaben können.
 
Zeina El Helou
Autorin der Libanon-Fallstudie (syrische Flüchtlingsgemeinschaften)

Dieses Thema ist definitiv noch nicht gut genug erforscht. Die Forschung im Libanon war jedenfalls eine echte Herausforderung. Weder die syrischen Flüchtlinge noch die libanesischen Aufnahmegemeinschaften möchten über das Thema sprechen, wenngleich auch aus unterschiedlichen Gründen. Für die Flüchtlinge stehen andere Themen im Mittelpunkt; häufig sind sie auch davon überzeugt, dass sie durch ihre Meinung sowieso nichts ändern können. Die libanesische Bevölkerung hingegen ist an ein geschlossenes System gewöhnt und fühlt sich selbst ebenfalls weitestgehend von politischen Prozessen ausgeschlossen.

Außerdem muss man berücksichtigen, dass die syrischen Flüchtlinge selbst nicht besonders interessiert sind an einer Einbürgerung im Libanon. Das hat auch mit der gemeinsamen Geschichte der beiden Länder und den verheerenden sozioökonomischen Bedingungen im Libanon zu tun. Außerdem würde das empfindliche konfessionelle Gleichgewicht aus den Fugen geraten. Nicht dass ich das Sektenwesen vermissen würde – immerhin bringt es das System doch immer wieder gehörig ins Wanken. Aber zu diesem Zeitpunkt wäre das Ergebnis von Einbürgerungen der syrischen Flüchtlinge wohl eher ein erneuter Ausbruch der Gewalt, weil wir für einen derartigen Wandel bisher nicht die geeigneten Mechanismen etabliert haben.