Grenzgänger

Fatma Aydemir:

Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren. 2007 bis 2012 studierte sie Germanistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main. Seit 2012 lebt sie in Berlin, arbeitet als Redakteurin bei der taz und leitet das zweisprachige Onlineprojekt taz.gazete. Als freie Autorin schreibt sie daneben für zahlreiche Zeitschriften, unter anderem für die Spex und das Missy Magazine. Ihr Debütroman Ellbogen erschien 2017 bei Hanser.
Ellbogen

Hazal Akgündüz, eine 17-jährige Deutschtürkin, in Berlin geboren und aufgewachsen, sucht nicht nur nach ihrer eigenen Identität, sondern auch nach ihrem Platz in der Welt. Die aussichtslose Jobsuche, die Strenge des Elternhauses und ein schiefgelaufener Partyabend münden in einem Ausbruch stumpfer Gewalt. Hazal flieht nach Istanbul und wird mit einer neuen sozialen Realität konfrontiert. Am Schnittpunkt zweier Kontinente, zwischen verschiedenen Nationen, Religionen und Kulturen, zusammen mit enttäuschten Oppositionellen, Minderheitsangehörigen und Kriegsflüchtlingen, setzt sie ihre Suche fort. Mit extremer Genauigkeit aber auch mit Wärme erzählt Fatma Aydemir die Geschichte ihrer Protagonistin und scheut sich nicht davor, unangenehme Fragen zu stellen.

272 Seiten
Hanser Verlag München, 2017
ISBN: 978-3-446-25441-1
Istanbul, Hatay, Mardin (Türkei); 1. Juli – 31. August 2014

Den ersten Roman zu schreiben ist aufregend. Denn es ist kein spontanes Projekt, es ist etwas, von dem man früh weiß, dass man es irgendwann wagen will, es zumindest versuchen muss. Und in eben jenem Moment, in dem alle Vorbereitungen getroffen, alle Freiheiten geschaffen sind, die es einem ermöglichen, den ersten Schritt zu machen, einen weißen Bildschirm mit allerhand Worten zu füllen, die am Ende eine runde Geschichte erzählen verwandelt sich diese Aufregung in Nervosität, um nicht zu sagen: in Angst. Denn wie man einen Roman schreibt, das weiß man erst, wenn man es hinter sich gebracht hat.

Die Stadt Istanbul wird offiziell von über 14 Millionen Menschen bewohnt und umfasst 39 Bezirke. Da stellt es schon eine Herausforderung dar, sich für einen passenden Wohnort zu entscheiden. Ich entschloss mich für Ortaköy, weil der Bezirk sehr zentral liegt (wortwörtlich übersetzt bedeutet „orta köy“: das mittlere Dorf), und zwar an der westlichen Küste des Bosporus. Man kommt von dort aus relativ schnell in alle Richtungen der Stadt, ob über Fähre, Bus oder Zug. Nach diversen Streifzügen durch verschiedene Bezirke der Stadt habe ich mich allerdings für Kadiköy als Handlungsort des Romans entschieden – auf der asiatischen Seite, direkt am Bosporus. Ich wollte meine Protagonistin Hazal in diesen Stadtteil schicken, weil sich in ihm die gesamte soziale Realität der türkischen Gesellschaft im Kleinen entfaltet. Angefangen vom Kulturclash zwischen Ost- und West-orientierten Lebensstilen und dem Aufeinandertreffen von Studentenbars, Arbeitervierteln und dem Trans-Straßenstrich, bis hin zur Spaltung in zweier politische Lager (Regimegegner und Regierungsanhänger), finden sich in Kadiköy alle Widersprüchlichkeiten, die den Charakter der Grenzstadt zwischen Europa und Asien ausmacht.

Personen

Ich habe über zehn Gesprächspartner getroffen und interviewt. Im Folgenden präsentiere ich lediglich eine kleine Auswahl der ergiebigsten Gespräche.

Da ich anfangs die Idee verfolgt hatte, meine Erzählung während der Gezi-Proteste im Sommer 2013 anzusiedeln (diese Idee habe ich später verworfen), wollte ich mir ein Bild von der politischen Situation der oppositionellen Bewegung machen, indem ich Journalisten unabhängiger Medien interviewte. Darunter waren eine Redakteurin von der türkisch-armenischen Wochenzeitung „Agos“, die der 2007 ermordete Journalist Hrant Dink gegründet hatte; und und ein Redakteur der Tageszeitung „Birgün“. Da sich die Türkei gerade kurz vor den Präsidentschaftswahlen befand (Juli 2014), vernahm ich bei beiden Gesprächspartnern den starren Fokus auf die leise Hoffnung, dass die Regierung an Stimmen verlieren würde. Doch einen tatsächlichen Regierungswechsel empfanden beide trotz der Massenproteste gegen den autokratischen Führungsstil des Ministerpräsidenten Erdogan (die zu dieser Zeit, wenn auch kleiner, teilweise noch im Gange waren) als utopisch.

Ergänzend zu diesen Interviews habe ich mir ein eigenes Bild von den Protesten gemacht, in dem ich an einer Demonstration für die Opfer von Polizeigewalt am Taksim-Platz teilgenommen habe. Relativ schnell ist die Situation eskaliert, weil die Sicherheitskräfte ohne Vorwarnung die friedlichen Demonstranten mit Tränengas beschossen haben – und zwar so stark, dass der gesamte Stadtteil unter Atemnot stand. Daraufhin flohen viele der Demonstranten aus dem Stadtkern, die Dagebliebenen aber fingen an Mülltonnen in Brand zu stecken und lautstark Parolen zu rufen, bis sie mit Schlagstöcken zu Boden gezwungen und anschließend abgeführt wurden.
Was ich aus diesen politischen Gesprächen und meinem Eindruck von den Demos vor allem für meinen Roman mitgenommen habe, ist die Stagnation, in der sich die Gezi-Generation sehr schnell wieder gefunden hat, nachdem der Taksim-Platz im Sommer 2013 geräumt wurde. Dieser Eindruck war zu deutlich und zu bewegend, als dass ich an der Idee hätte festhalten können, die Tage des friedlichen Protestes zu vergegenwärtigen.

Obwohl ich anfänglich vorhatte meinen insgesamt 8-wöchigen Aufenthalt allein in Istanbul zu verbringen, entschied ich mich spontan dazu, die letzten zwei Wochen im Südosten der Türkei zu verbringen. Die verfahrene Situation im Syrischen Bürgerkrieg hat auch schwerwiegende Auswirkungen auf die Türkei mit sich gebracht, die ich in meiner Recherche nicht außer Acht lassen wollte. Die zu jener Zeit deutlichste Auswirkung (August 2014) waren die hohen Flüchtlingszahlen und die damit einhergehenden Konflikte zwischen Flüchtlingen und der türkischen Bevölkerung. In der Stadt Gaziantep etwa kam es zu einer Messerstecherei und weiteren Handgreiflichkeiten, woraufhin die Situation der syrischen Flüchtlinge so unsicher und gefährlich wurde, dass sie aus ihren bereits angemieteten Wohnungen geholt und in Flüchtlingslager außerhalb der Städte zurückgeschickt wurden.

Diese Konflikte und die Sichtbarkeit der syrischen Flüchtlinge waren zwar auch in Istanbul präsent, jedoch wollte ich mir die Situation in der Grenzregion anschauen, um die Flüchtlingsproblematik umfassender zu verstehen. Also flog ich nach Hatay, der Provinz, die nach dem Ersten Weltkrieg für einige Jahre unter dem Mandat Syriens durch Frankreich verwaltet wurde und unter normalen Bedingungen (ohne Checkpoints) eine Autostunde von Aleppo entfernt ist. Selbstverständlich ist die Flüchtlingsproblematik in dieser Provinz am deutlichsten zu spüren. Syrische Bettler gehören etwa zum Straßenbild der Stadt Antakya. In der wohlhabenderen Hafenstadt Iskenderun wiederum gibt es kaum einen Laden, in dem nicht ein syrisches Kind von 6-10 Jahren arbeitet, um mit einem Tageslohn von 2-7 Euro seine Familie zu unterstützen.

Erschreckend fand ich, wie wenig Kommunikation und Interaktion zwischen den syrischen Flüchtlingen und der Bewohner der Provinz Hatay herrschte, wo diese Region doch schon immer einen sehr starken syrischen Einfluss hatte, und von vielen arabischsprachigen und syrischstämmigen Familien seit Generationen bewohnt wird. Was jedoch jenseits der Flüchlingsthematik sehr interessant an dieser Region war, ist das sichtbar friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionsgemeinschaften, die seit Jahrhunderten hier angesiedelt sind.

Ich habe mich danach auf den Weg nach Mardin gemacht, einer historischen Stadt, die sich 500 km östlich von Hatay und 20 km nördlich von der syrischen Grenze befindet. Auch dort beobachtete ich ein ähnliches soziales Gefüge, mit dem Zusatz, dass es neben den Arabischsprachigen und den Christen auch eine große kurdische Bevölkerung gibt. Zwar leben alle ethnischen und religiösen Gemeinschaften in räumlich getrennten Gebieten von Mardin, dennoch hatte ich den Eindruck, dass im sozialen Alltag ein relativ friedlicher und respektvoller Umgang untereinander herrscht, obwohl die Regierung gegen Minderheiten aktive Hetze betreibt.

Aufgrund der Interviews und der Erfahrungen in der Osttürkei, habe ich beschlossen, den Roman nicht im Sommer 2013 anzusiedeln, während die hoffnungsvolle Gezi-Bewegung zutage tritt, sondern einige Jahre später anzusiedeln, als die Bewegung und andere Oppositionelle längst ernüchtert und enttäuscht sind aufgrund ihrer Machtlosigkeit gegenüber der staatlichen Repressionen. Zudem gelangte die Situation der ethnischen und religiösen Minderheiten in der Türkei ebenfalls in die Handlung, indem manche Figuren als Angehörige einer Minderheit konzipierte.